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Neue Bestimmung für Spitzbunker in Gießen: Nun werden die Eispickel rausgeholt

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Von: Jens Riedel

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Mit Eispickel und Steigeisen einen Spitzbunker in Gießen hinauf? Dieses Bild erregt am Wochenende für einige Aufmerksamkeit in Gießen.

Gießen – Senkrecht geht es 20 Meter nach oben. Die 23-jährige Miriam Wagner hält in jeder Hand einen Eispickel, blickt kurz in den grauen Himmel – und klettert los. Ihre Steigeisen an den Schuhen krallen sich in den Beton des Bunkers. Mit den spitzen Enden der beiden Pickel sucht sie nach Stellen, an denen sie sich festhaken kann. Lediglich kleine Ritzen und Löcher im Beton geben ihr Halt, was für Laien unmöglich aussieht, gelingt der jungen Frau tatsächlich: Meter für Meter klettert sie an der vertikalen Wand des Spitzbunkers in Gießen nach oben, bis sie das Ende der »Betonzigarre« erreicht. Dann lässt sie sich aus luftiger Höhe an dem Seil herab, mit dem sie ihr Kletterfreund beim Aufstieg gesichert hat. »Es geht zwar ein bisschen auf die Unterarme, macht aber echt Spaß«, sagt die Butzbacherin, als sie wieder sicher am Boden steht und sich einen heißen Apfelsaft gönnt.

Miriam ist eine von rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter zwischen 20 und 63 Jahren, die am Sonntag in Gießen bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt beim »Mittelhessischen c Winter Opening« mitmachen. Dabei wird mit speziellen Eisgeräten sowie mit Steigeisen die Betonwand des rund 90 Jahre alten Spitzbunkers in der Hannah-Arendt-Straße hochgeklettert.

Spitzbunker-Klettern in Gießen: Anspruchsvoller als Sportklettern

Drytooling ist deutlich anspruchsvoller als das normale Sportklettern, bei dem man sich in der Regel an Kunststoffgriffen in die Höhe arbeitet. Solche Griffe als Hilfsmittel zu nutzen, ist beim Drytooling absolut tabu.

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Wie Spiderman und Spiderwoman klettern die Männer und Frauen den Spitzbunker in Gießen hinauf. Als Hilfsmittel dürfen sie nur Pickel und Steigeisen benutzen. © Jens Riedel

Der Gießener Michael Rinn, der zu den aktivsten Alpinisten in Deutschland gehört, hatte im ersten Corona-Lockdown vor zwei Jahren die Idee, den Spitzbunker in der Hannah-Arendt-Straße für das Drytooling zu nutzen. Zuvor waren die mittelhessischen Drytooling-Fans meist illegal an diversen Gebäuden oder Burgen in der Region geklettert.

Im Vorjahr organisierte der 52-jährige Rinn, der 2018 und 2019 aufgrund anspruchsvoller Erstbesteigungen in den Rocky Mountains und am Mont Blanc/Grand Jorasses für den bedeutendsten Kletterpreis der Welt, den »Piolet d’Or« (Goldener Eispickel), nominiert worden war, zum ersten Mal den Drytooling-Wettbewerb in Gießen. Aufgrund der angespannten Corona-Lage fand dies damals aber relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit nur im sehr kleinen Kreis und mit Maskenpflicht beim Klettern statt. Da dieser Wettkampf aber in der heimischen Kletterszene sehr gut ankam, veranstaltete Rinn jetzt am Sonntag das »Mittelhessische Drytooling Winter Opening« mit rund 50 Kletterern.

Spitzbunker-Klettern in Gießen: Einzigartig in Deutschland

»Dieser Drytooling-Tag ist einzigartig in Deutschland und eine sportliche Bereicherung in der Region Mittelhessen«, sagt Rinn, der Trainer für Eisklettern und Hochtouren ist und der für sein Event am Spitzbunker mehrere Sponsoren gewinnen konnte.

Geklettert wird an mehreren Routen mit unterschiedlichen Schwierigkeiten sowie in einem »Kick’n-Pick-Wettbewerb«. Dabei wird eine feste Route auf Zeit geklettert - wobei die Athleten diese Route vorher nicht probeklettern dürfen, damit alle Teilnehmer die gleichen Chancen haben.

Konrad Becker aus Krofdorf ist mit seinen 59 Jahren einer der ältesten Teilnehmer. Er klettert seit 45 Jahren und bereitet sich mit dem Drytooling auf das Eisklettern in den Alpen vor. »Im echten Eis kann man sich überall reinhauen, das geht hier am Betonbunker natürlich nicht, da muss man sich sehr genau die Stellen suchen, wo man Halt findet«, sagt der Krofdorfer. Das sei zwar ungewohnt, aber mit etwas Erfahrung gut machbar. Von ernsten Verletzungen ist der 59-Jährige in seiner Kletter-Karriere bisher verschont geblieben.

Spitzbunker-Klettern in Gießen: Brunner und Haas am schnellsten

Der erfahrene Routinier Becker belegt am Ende des Tages bei den Männern den dritten Platz. Mit der Tagesbestzeit von zwei Minuten und 44 Sekunden siegt Jan Brunner aus Wetzlar vor dem zweitplatzierten Nico Potyka aus Gießen.

In der Frauenwertung gewinnt die Gießenerin Marielle Haas in 3:30 Minuten vor ihrer Schwester Ronja Haas (ebenfalls Gießen) und Katharina Zörb (Wetzlar). Die mittelhessischen Kletterer machen somit alle Podestplätze unter sich aus, obwohl auch Teilnehmer aus Köln oder aus dem Odenwald dabei sind.

»Ich bin sehr zufrieden mit dem Event. Es hat allen Spaß gemacht, niemand hat sich verletzt, und ich habe sehr viel positives Feedback bekommen«, freut sich Organisator Michael Rinn nach dem Spektakel.

Im kommenden Jahr will der Gießener die Veranstaltung sogar auf zwei Tage ausweiten - mit Drytooling-Workshops am ersten Tag und Drytooling-Wettbewerben am zweiten Tag. (Jens Riedel)

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