Am Landgericht Gießen ist jetzt das Urteil im Missbrauchsprozess gesprochen worden.
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Am Landgericht Gießen ist jetzt das Urteil im Missbrauchsprozess gesprochen worden.

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Urteil im Missbrauchsprozess in Gießen: »Das Resultat dieses Prozesses ist nicht Gerechtigkeit«

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Vor dem Landgericht Gießen ist jetzt ein Vater freigesprochen worden, aber das Gericht sieht einen wahren Kern bei den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn.

Als Richter Jost Holtzmann nach der einstündigen Urteilsbegründung zum Schluss kommt, wendet er sich direkt an die Familie der 20 Jahre alten Nebenklägerin. Die wirft ihrem Vater vor, sie zwischen 2005 und 2013 insgesamt 104-mal sexuell missbraucht zu haben. »Das Resultat dieses Prozesses ist nicht Gerechtigkeit«, sagt Holtzmann über den Freispruch für den Angeklagten. »Es ist ein Unrecht geschehen, aber wir wissen nicht, welches. Von allen denkbaren Ausgängen dieser Verhandlung ist dies der schlechteste.«

Nachdem am sechsten Prozesstag bereits die Staatsanwaltschaft zähneknirschend Freispruch für den Angeklagten beantragt hatte, ist das Urteil der Zweiten Strafkammer am Landgericht Gießen am Freitag keine Überraschung. Aufmerken lässt jedoch die Klarheit und Eindringlichkeit, mit der Richter Holtzmann den Prozess einordnet. »Das Verfahren hat gezeigt, dass nicht jede begangene Straftat mit Rechtsmitteln geklärt werden kann«, betont er. »Das ist bitter, aber nicht anders möglich.«

Missbrauchsprozess in Gießen: Kammer von sexuellem Missbrauch überzeugt

Die Kammer ist davon überzeugt, dass der Vater seine Tochter sexuell missbraucht hat. Hinweise seien zum Beispiel die Nacktfotos, die der 49 Jahre alte Gießener von seinen zwei gleichaltrigen Mädchen »heimlich« mit »sexuellem Motiv« gemacht habe, sagt Holzmann. Außerdem seien auf dem Smartphone des Angeklagten pornografische, gelöschte Bilder sichergestellt worden, die er nicht habe erklären können. Hinzu kämen Auffälligkeiten wie die Tatsache, dass der Vater beim Duschen die Nähe zu seinen nackten Kindern gesucht habe. Auch die Schwester der Nebenklägerin, sagt Holtzmann, habe glaubwürdig von Belästigungen durch ihren Vater berichtet.

Für das Gericht sei aber eine bestimmte, klar eingrenzbare Tat im Einzelnen nicht nachvollziehbar gewesen. Weil es keine Beweise für die Taten gibt, ist die Aussage der Nebenklägerin von besonderer Bedeutung. In ihrem aussagepsychologischen Gutachten hat Sonja Parr den Detailgrad, die Stimmigkeit sowie die Konstanz der Aussagen 2014, 2015 und 2020 vor Gericht der Tochter des Angeklagten analysiert. Parr kommt zu dem Schluss, dass ihre Angaben zwar detailreich, aber dafür oft nicht stimmig und konstant sind. Ein entscheidender Grund dafür sei, sagt Holtzmann, dass die Nebenklägerin unter einer Entwicklungsstörung leidet. Die Differenzierung von Erinnerungen und Assoziationen falle ihr schwer. Auch verfüge sie über ein großes Sprachtalent und habe vor Gericht eine gute, kompetente Zeugin sein wollen. Beides, betont Holtzmann, habe zu »erheblichen Ausschmückungen« geführt. Eine bewusste Falschaussage schließt er aus.

Missbrauchsprozess in Gießen: »Man wünscht sich eine Ahndung, aber es geht nicht.«

»Ein beeinträchtigtes Kind wurde missbraucht, aber wegen der Beeinträchtigung kommt es zu keiner Verurteilung«, sagt der Richter. »Man wünscht sich eine Ahndung, aber es geht nicht.« Denn dann bestehe die Gefahr, dass generell auch Unschuldige trotz einer schlechten Beweislage verurteilt werden, betont Holtzmann. »Und das wäre eines Rechtstaates unwürdig.«

An die Familie gewandt, sagt der Jurist zum Schluss seiner Urteilsbegründung: »Alte Wunden sind bei Ihnen während des Prozesses aufgerissen worden. Eine junge Frau wurde erneut traumatisiert. Ich bedauere das sehr, dass Sie dieses Leid ertragen mussten.« Dann schließt er die Verhandlung. Und im Saal 207 des Landgerichts Gießen bleibt es für eine gefühlte Ewigkeit still.

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