Der Prozess am Landgericht Gießen wird fortgesetzt. FOTO: KHN
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Der Prozess am Landgericht Gießen wird fortgesetzt. FOTO: KHN

Missbrauch-Prozess

Missbrauchs-Prozess in Gießen: Die Frage nach dem wahren Kern

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Beim Prozess gegen einen 49 Jahre alten Gießener, der wegen des vielfachen Missbrauchs seiner Tochter angeklagt ist, hatten nun die Gutachter vor dem Landgericht das Wort.

Gießen(khn). Nachdem Sonja Parr ihr aussagepsychologisches Gutachten über die Nebenklägerin vorgetragen hat, wird es kurz mucksmäuschenstill im Saal des Landgerichts Gießen. Dann sagt Richter Jost Holtzmann einen bemerkenswerten Satz: "Wir, das Gesetz, haben die Frau überfordert." Die 20 Jahre alte Gießenerin wirft ihrem Vater vor, sie zwischen 2005 und 2013 missbraucht zu haben. Parr betont, dass ihre Aussage einen wahren Kern haben könnte. "Aber die vielfältigen Veränderungen und Erweiterungen sind erklärungsbedürftig."

Am fünften Verhandlungstag des Prozesses gegen einen 49 Jahre alten Gießener standen jetzt die Gutachten der Diplom-Psychologin Parr sowie der Rechtsmedizinerin Dr. Gabriele Lasczkowski im Mittelpunkt. Parr hatte die Aussagen verglichen, die die Nebenklägerin 2014, 2015 und in diesem Jahr vor Gericht gemacht hatte. Weil sie unter einer Entwicklungsstörung leidet, konnte sie pro Sitzungstag immer nur für etwa eine Stunde befragt werden.

Im Mittelpunkt stand für Parr die Frage: Beruht die Aussage auf wirklichen Erlebnissen? Aussageuntüchtig, sagte die Psycholgin, sei die Nebenklägerin nicht. Vielmehr fielen der hohe Detailreichtum und klar beschriebene Handlungsabläufe der vorgeworfenen Missbrauchstaten auf. Die Aussagen seien individuell und nicht schematisch. Dies zeige, dass sie nicht von jemand anderem gesteuert sei. Hinzu kämen die Schilderungen der 20-Jährigen von emotionalen Zuständen und sensorischen Empfindungen während des vorgeworfenen Missbrauchs durch den Vater.

Dennoch gebe es viele Auffälligkeiten in der Aussage der Nebenklägerin, betonte Parr. Richter Holtzmann sprach zum Beispiel das Schmerzempfinden an. Spielte es in den Aussagen 2014 und 2015 keine Rolle, war es im laufenden Verfahren zentral. Parr erklärte: "Das Schmerzerleben wird im Laufe der Zeit aber eher vergessen." Diese Diskrepanz sei in diesem konkreten Fall "sehr auffällig". Auch habe es widersprüchliche Aussagen gegeben, wann es im Elternhaus zum Missbrauch gekommen sei: Nach dem Kuscheln, nach dem Duschen oder doch nach dem Schneiden der Finger- und Fußnägel? "Dass Zeugen Aussagen auslassen oder sich erst später wieder an Details erinnern, kann passieren. Was jedoch ungewöhnlich ist, ist die große Menge der Abweichungen", sagte Parr. Deshalb sieht sie Probleme bei der Zuverlässigkeit der Aussage der 20 Jahre alten Gießenerin.

Eine bewusste Falschaussage sieht Parr nicht. Nicht auszuschließen sei jedoch eine partielle, unabsichtliche Falschaussage. Dies könnte zum Beispiel passieren, wenn bestimmte Quellen, in denen es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht, in der Erinnerung unbewusst vermischt werden. Hinzu komme, dass die junge Frau auf eine positive Außenwirkung bedacht sei und kompetent wirken wolle. Das sei vor allem bei Nachfragen von Verfahrensbeteiligten während des Prozesses deutlich geworden. Holtzmann fasste zusammen: "Eine Reproduktion von Ereignissen aus dem Gedächtnis heraus, die schmerzhaft und mit einer erheblichen Leistung für jeden Menschen verbunden ist, war von ihr schwer umzusetzen."

Die Verteterin der Nebenklage, Dagmar Nautscher, sah sich bestätigt: "Es hat einen Missbrauch gegeben, aber das Ausmaß und die Zeit sind nicht einzuordnen wegen der kognitiven Möglichkeiten der Nebenklägerin." Der Verteidiger des Angeklagten, Philipp Kleiner, hingegen unterstrich noch einmal die Diskrepanzen in den Aussagen der Frau.

Zuvor hatte Lasczkowski das rechtsmedizinische Gutachten vorgestellt. Sekret- oder Verletzungsspuren seien nicht gefunden worden - was nicht ungewöhnlich sei. "Beweisende Befunde sind sehr selten und liegen bei drei bis 16 Prozent", betonte sie. Eine dehnbare Stelle im Intimbereich der jungen Frau sei jedoch auffällig gewesen. "Es kann eine Penetration gegeben haben", sagte Lasczkowski. "Der Befund steht dem nicht entgegen."

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