Der Missbrauchsprozess am Landgericht Gießen gegen einen Vater steht kurz vor dem Abschluss.
+
Der Missbrauchsprozess am Landgericht Gießen gegen einen Vater steht kurz vor dem Abschluss.

Vor Gericht

Missbrauchsprozess in Gießen: „Sie mögen den Gerichtssaal als freigesprochener Mann verlassen, aber...“

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
    schließen

Im Prozess gegen einen Vater, dem mehrfacher Missbrauch seiner Tochter vorgeworfen wird, sind die Plädoyers gehalten worden. Die Verhandlung am Landgericht Gießen wird für einige Beteiligte zu einer emotionalen Herausforderung.

Es ist Daniela Zahrt anzumerken, dass sie gerade Schwerstarbeit verrichtet. Die Staatsanwältin hat sich im Gerichtsaal des Landgerichts Gießen die Ärmel ihrer Robe hochgekrempelt und ringt um Fassung. Wider ihrer Überzeugung wird sie gleich sagen, dass sie für den 49 Jahre alten Angeklagten Freispruch beantragt. Dem Gießener wird vorgeworfen, seine Tochter zwischen 2005 und 2013 unzählige Male missbraucht zu haben. Zahrt hat keine Zweifel daran, dass die Vorwürfe zutreffen. Aber hieb- und stichfeste Beweise gibt es nicht. »Es widerstrebt mir zutiefst, und es ist mehr als bitter«, sagt sie, bevor sie ihr Plädoyer beendet.

Zuvor hat Zahrt ausführlich dargelegt, warum sie den Vater für schuldig hält. Es wird eine lange Aufzählung von »Hinweisen«: Zum Beispiel seine Reaktion, als die von ihm getrennt lebende Ehefrau ihn mit den Vorwürfen konfrontierte: »Kein empörtes Bestreiten.« Nach seinem Suizidversuch habe er die Vorwürfe in Gesprächen mit den behandelnden Ärzten in einer Psychiatrie nie erwähnt. Zahrt erinnert an eine Nachricht, mit der sich der Angeklagte bei der Familie entschuldigt habe.

Hinzu kommen die Nacktbilder beider Töchter, die auf seinem Smartphone gefunden wurden. Dass er diese Fotos aus »pädagogischen Gründen« gemacht haben soll, wie er betont, sei »absurd«. Nicht erklärt habe er außerdem die Nahaufnahme eines kindlichen Schambereichs.

Zahrt betont, es gebe keine Hinweise auf eine Falschaussage der Nebenklägerin. Auch sei ihr von anderen nicht fälschlicherweise eingeredet worden, dass ihr Vater sie missbraucht habe. Zwar sei die unter einer Entwicklungsstörung leidende 20-jährige Gießenerin »wenig erinnerungskritisch« und neige zum Ausschmücken von Erlebtem. »Es muss aber einen Auslöser gegeben haben«, betont Zahrt. Die Staatsanwältin führt an, dass die Nebenklägerin keine eigenen sexuellen Erfahrungen gemacht habe. »Ihre Schilderungen beinhalten aber innerpsychologisches Erleben und sensorische Wahrnehmungen.« Und dies sei nicht möglich, wenn es nicht wirklich geschehen wäre.

Es sind Hinweise, aber keine Beweise. Und die hatte die rechtsmedizinische Untersuchung nicht erbracht - was durchaus üblich ist. Nur in drei bis 16 Prozent der Fälle von sexuellem Missbrauch lassen sich für ein Gericht verwertbare Spuren finden. Bleibt die Aussage der Nebenklägerin. Und die beinhaltet laut des aussagepsychologischen Gutachtens diverse Ungereimtheiten - »wenn man es objektiv betrachtet, und das muss man als Jurist tun«, betont Zahrt. Die junge Frau hatte sich in zwei Vernehmungen 2014 und 2015 sowie vor Gericht immer wieder widersprüchlich geäußert. Wahrscheinlich, zitiert Zahrt das Gutachten, sei eine teilweise unbewusste Falschaussage mit einem wahren Kern. Der vorgeworfene Sachverhalt, sagt die Staatsanwältin, lasse sich deshalb juristisch nicht klären. An den Angeklagten gerichtet betont sie: »Egal, wie das Urteil lautet: Das Verfahren ist für Sie nicht abgeschlossen.« Wegen der Nacktbilder auf dem Handy wird ihm ein Prozess wegen des Besitzes von kinderpornografischen Schriften gemacht.

Rechtsanwalt Philipp Kleiner knüpft an das Plädoyer der Staatsanwaltschaft an: Es stehe Aussage gegen Aussage, betont er. Von der Aussage der Nebenklägerin seien nach dem Ende der Beweisaufnahme jedoch nur »Rudimentäres«, Widersprüche und mehrfach unterschiedliche Schilderungen eines Sachverhalts übriggeblieben. »Und das kann nicht Grundlage einer Verurteilung sein.« Kleiner verneint, dass sein Mandant pädophile Neigungen habe. »Ich weiß nicht, was passiert ist«, sagt er zum Abschluss seines Plädoyers. »Aber es ist die Aufgabe eines Verteidigers, auf Widersprüche hinzuweisen.« Und die seien so gravierend, dass der Freispruch für seinen Mandanten unumgänglich sei.

Die Vertreterin der Nebenklägerin, Dagmar Nautscher, spricht den Angeklagten in ihrem Schlussvortrag direkt an: »Sie haben das Vertrauen und die Liebe Ihrer Tochter ausgenutzt und sie missbraucht.« Es ärgere sie, dass er die 20-Jährige als Lügnerin darstelle. Sein zu erwartender Freispruch sei »unerträglich«. Nautscher betont: »Sie mögen den Gerichtssaal als freigesprochener Mann verlassen, aber nicht mit weißer Weste. Das wird an Ihnen kleben bleiben.« Während Nautscher das sagt, verzieht der Angeklagte - wie während des gesamten Prozesses - keine Miene.

Anfang Juni hatte der Prozess gegen den 49 Jahre alten Familienvater begonnen. Nun wird nach sechs Verhandlungstagen am Freitag das Urteil der Zweiten Strafkammer erwartet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare