"Die Mischung macht’s"

  • Karen Werner
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Seit dem Umzug in die alte Wetterwarte verfügt die VHS über ein großes Mal-Atelier. Doch schon vorher war sie ein Motor der Kunstszene. Das Besondere am Angebot dort ist der anregende Austausch zwischen Anfängern und Könnern. Auch Geld spielt eine Rolle.

Er ist Gießens einziger Oscar-Preisträger, seine Bilder hängen in Museen. Ein Karrieresprungbrett war für den Künstler Hein Heckroth vor 100 Jahren die Volkshochschule Gießen. Die Kurse beim ersten VHS-Geschäftsführer Hans Werner hätten ihm "erst so recht die Augen für das Wesen der Ausdruckskunst geöffnet", so erinnerte sich ein Weggefährte an eine Äußerung Heckroths (1901-1970). Bis heute ist das vielfältige Angebot ein Motor für die Gießener Kunstszene. Diese Einschätzung teilen die Frauen, die an diesem Vormittag vor ihren Staffeleien stehen und ihre Ideen zum Thema "Kontinuität und Infragestellung II" in Farbe und Form umsetzen.

Für sie alle ist Malen mehr als ein Hobby. Mit dem großen VHS-Atelier an der Fröbelstraße verbinden sie viele Erlebnisse der Erkenntnis und Weiterentwicklung. Gerade die anspruchsvollen Wochenseminare beim Berliner Professor Martin Seidemann seien "immer sehr anregend", berichtet die Gießenerin Christel Stroh. Heidrun Bratenberg und Renate Höhle kommen eigens aus Frankfurt nach Gießen, Miriam Klempel aus Solms. Sie alle heben den "schönen Ort" ebenso hervor wie den "besonderen Lehrer", der "einem hilft, das Eigene zu entdecken". Der Kontakt in der Gruppe sei ebenfalls wertvoll: "Wir tauschen Erfahrungen aus, die wir im Laufe des Jahres bei anderen Workshops gemacht haben." Einige wissen am Volkshochschulangebot besonders die bezahlbaren Gebühren zu schätzen.

Geld spielt auch für Dozenten durchaus eine Rolle, erläutert Seidemann. Für etliche Kollegen böten die zuverlässigen VHS-Aufträge "die Chance, eine Familie zu ernähren". Der Maler und Grafiker selbst unterrichtet vor allem als Honorarprofessor an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und genießt an der VHS die Arbeit mit Kunstinteressierten ganz unterschiedlicher Niveaus. Diese Vielfalt "ist etwas sehr Schönes. Sie bringt Anregungen mit sich, außer vielleicht wenn Anfänger in der großen Überzahl sind", erklärt der 69-Jährige. Ein weiteres Plus: Die "Offenheit, Unbekümmertheit, Unverbildetheit" der Teilnehmer.

Manche zweifeln erst: Kann ich das?

Weil viele Teilnehmer seinen Seminaren seit Jahren treu sind, formuliert Seidemann immer wieder neue Themen. "Ich kann Dinge anbieten, über die ich mich in meinem eigenen Studium gefreut hätte." Unter anderem behandelt er in diesen Gruppen auch Grundlagen - vom Zeichnen über Drucktechniken bis zur Anatomie. Solche handwerklichen Dinge würden bei Studierenden vorausgesetzt und deshalb an der Hochschule kaum gelehrt. Aber auch aus VHS-Teilnehmern werden mitunter Berufskünstler, weiß Seidemann

"Es ist nicht das Ziel meiner Kurse, dass die Teilnehmer irgendwann ausstellen - aber manche können und tun das natürlich", bestätigt Günther Hermann. Der Fronhausener war noch Student an der Städel-Schule in Frankfurt, als er 1981 erstmals vertretungsweise eine Dozentur an der Gießener Volkshochschule übernahm. Unzählige weitere Kurse in fast allen künstlerischen Techniken folgten. Manche Teilnehmer begleitet der Profi-Künstler seit 25 Jahren.

Für Hermann bedeutet das Unterrichten, "dass ich mal rauskomme. Ich bin sonst ein Atelier-Mensch, der vor seiner Staffelei steht oder Radierungen anfertigt." Besonders wichtig ist ihm, dass die Teilnehmer ausprobieren können, welche Ausdrucksweise ihnen liegt. "Einige haben erstmals seit der Schulzeit einen Pinsel in der Hand. Manche zweifeln zunächst, ob sie überhaupt ›richtig‹ malen können. Dann finden sie einen Zugang, um kreativ zu sein. Ich unterstütze im Wesentlichen ihre eigenen Projekte und gebe Hinweise zum Handwerk."

Der Austausch sei wertvoll für alle Beteiligten. "Man erfährt viel über sich selbst durch das Beobachten, wie sich Bilder entwickeln." Dass an der VHS Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorkenntnissen zusammenarbeiten, sei deshalb kein Problem, sondern vielmehr ein Vorteil, meint Hermann. Für die Kunstinteressierten gilt dasselbe wie für die Farben, die sie auf die Leinwand bringen: "Die Mischung macht’s."

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