Mildes Urteil nach Ausrastern

  • vonConstantin Hoppe
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Gießen(con). "In diesem Moment dachte ich, ich muss sterben." Urplötzlich beginnt ein Familienvater nachts auf seine Lebensgefährtin einzuprügeln, packt sie am Kopf und verdreht diesen nach hinten. Doch dann wacht die dreijährige Tochter auf, die mit ihren Eltern im Bett liegt, und der Mann lässt von seiner Partnerin ab - aber nur kurz. Sie schafft es, aufzustehen, er folgt ihr und beginnt, sie zu würgen. Erst, als der gemeinsame zwölfjährige Sohn - durch den Tumult aufmerksam geworden - ins Schlafzimmer kommt, lässt der Vater von seiner Partnerin ab.

Es muss schrecklich gewesen sein, was sich am 4. Dezember 2019 in einer Wohnung im Wiesecker Weg abgespielt hat. Dafür musste sich der 32-jährige Familienvater nun vor dem Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten, sowie für eine versuchte, schwere räuberische Erpressung, die sich drei Tage vorher abspielte.

Die Höhe des Urteils überrascht dabei auf den ersten Blick ob der Schwere der Vorwürfe: Der 32-Jährige wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, die für eine dreijährige Bewährungszeit ausgesetzt werden. Zusätzlich muss er 150 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und sich regelmäßigen Drogentests unterziehen, wie Richterin Sonja Robe in der Urteilsverkündung mitteilte.

Geschädigte Frau hält zu Ex-Partner

Wie es zu der Tat Anfang Dezember kam, ist schnell erklärt: Durch den übermäßigen Konsum von Cannabis litt der 32-Jährige an einer drogeninduzierten Psychose, wie der psychiatrische Gutachter Dr. Jens Ulferts in seinem Gutachten ausführte. Wegen ähnlicher Vorfälle, die jedoch niemals in Gewalt eskalierten, befand er sich in den vergangenen sechs Jahren schon mehrfach in stationärer Behandlung. Doch im vergangenen Dezember waren die Folgen deutlich schlimmer.

Nach seiner letzten Entlassung aus der Klinik, nur zwei Wochen vor den Vorfällen, nahm der türkischstämmige Mann seine Medikamente nicht und begann sofort wieder mit dem Drogenkonsum. Seine Lebensgefährtin bemerkte die Veränderungen an ihm, doch als Versuche, ihn zu einem weiteren Besuch in der Klinik zu bewegen, scheiterten, entschloss sie sich kurzerhand, mitsamt der Kinder für einige Tage zur Schwester des 32-Jährigen nach Darmstadt zu fahren.

"Sie sind einfach weggefahren und haben die Schlüssel zur Wohnung mitgenommen", erklärte der Angeklagte vor Gericht. Dabei ließ er jedoch aus, dass er bereits seit Monaten nicht mehr in der Wohnung lebte, sondern zu seinen Eltern gezogen war.

Am 1. Dezember versuchte der 32-Jährige deshalb, in den Besitz des Haustürschlüssels des Wohnhauses zu gelangen: Dazu besuchte er einen Nachbarn und verlangte von diesem den Haustürschlüssel - als dieser das verweigerte, fielen die Worte: "Ich mach dich kaputt!" Der 32-Jährige zog ein Messer, worauf der bedrohte Nachbar seine Wohnungstür schloss und die Polizei alarmierte. Nur drei Tage später traf sich der 32-Jährige dann mit seiner Partnerin und den Kindern - in der folgenden Nacht erfolgten die Übergriffe gegen die Frau.

Die Beziehung zwischen ihnen sei mittlerweile wieder gut und der 32-Jährige kümmere sich fürsorglich um die gemeinsamen vier Kinder - auch wenn sich das Paar getrennt hat, berichtete die Frau. Letztlich war die Aussage der Geschädigten - der deutlich anzumerken war, dass sie ihren Ex-Partner entlasten wollte, auch ein großer Ausschlag für das milde Urteil.

Zusätzlich weißt der 32-Jährige eine gute Sozialprognose aus und hat sich seit dem vergangenen Dezember um eine medikamentöse Behandlung bemüht.

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