Mike Koch hat selbst noch in der Osthalle gespielt. Inzwischen ist er Geschäftsführer und Sportdirektor der 46ers. 	FOTO: SCHEPP
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Mike Koch hat selbst noch in der Osthalle gespielt. Inzwischen ist er Geschäftsführer und Sportdirektor der 46ers. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Mike Koch: Abschied vom zerstörerischen Gen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Der einstige Weltklasse-Spieler Mike Koch ist seit März 2020 Geschäftsführer des Basketballteams der Gießen 46ers. Was treibt ihn an, was bewegt ihn privat?

Mike Koch steht im VIP-Bereich der Osthalle. Sein Blick ist auf das Spielfeld gerichtet. »Es sieht nicht viel anders aus als früher«, sagt der 55-Jährige. Das ist nicht unbedingt als Kompliment zu verstehen, viele bei den Gießen 46ers sehnen sich seit Jahren nach einer neuen Arena. Bei Koch, der seit März 2020 Geschäftsführer und Sportdirektor der Gießen 46ers ist, sorgt der Anblick der in die Jahre gekommenen Sportstätte aber auch für nostalgische Gefühle. Schließlich hat er Mitte der 80er vier Jahre lang dort unten für die 46ers bzw. den MTV gespielt. Meist mit seinem Markenzeichen, einem T-Shirt unter dem Trikot. Heute trägt der Geschäftsführer Sakko, aber auch darunter blitzt ein sportliches Shirt hervor. Es wirkt fast so, als wollte der einstige Point Guard das Business-Outfit gleich abstreifen, sich einen Ball schnappen und einen seiner berühmten Dreier versenken. Kein Zweifel, die Punktejagd liegt Koch im Blut. Auch der Ehrgeiz. Für den Erfolg ist diese Besessenheit unabdingbar - abseits des Courts kann sie aber auch problematisch sein.

Koch ist in Lich geboren und aufgewachsen. Schon früh interessierte er sich für Sport, auch wenn der Ball anfangs einige Nummern kleiner war. »Mein Vater hat Tischtennis gespielt. Das wurde dann auch meine Leidenschaft.« Er schaffte es sogar bis zum Bezirksmeister. Natürlich spielte Koch, wie alle Jungs aus der Nachbarschaft, auch Fußball. Als sich sein großer Bruder Stefan, der später ebenfalls Karriere im Basketball machen sollte, schwer verletzte, drängten die Eltern den Jüngsten aber dazu, die Sportart zu wechseln. »Und da damals Basketball sehr populär war, bin ich eben dort hingegangen.«

Mit ihrer Empfehlung haben Kochs Eltern dem europäischen Basketball einen großen Dienst erwiesen. Mit 17 Jahren wechselte Koch vom TV Lich zum MTV Gießen und spielte erstmals in der ersten Bundesliga. In der Unistadt machte er auch sein Abitur und absolvierte seinen Zivildienst am Klinikum. Vier Jahre später ging er nach Bayreuth, 1991 verpflichtete ihn dann der Branchenprimus aus Leverkusen. Fünf Jahre später wagte Koch den Schritt ins Ausland. Sieben Jahre war er in Athen im Einsatz, den Großteil der Zeit für den Spitzenklub Panathinaikos. Zum Abschluss seiner aktiven Karriere spielte Koch noch ein Jahr für die Dragons aus Rhöndorf, bevor er als Trainer in Bonn, Bayreuth und auf Zypern tätig wurde. Ach ja: 140 Spiele für die Deutsche Nationalmannschaft hat Koch ebenfalls auf dem Buckel. In all den Jahren sind etliche deutsche und griechische Meisterschaften zusammengekommen, er gewann zudem den Europapokal der Landesmeister und die Europameisterschaft. 1995 wurde er in Deutschland zum Basketballer des Jahres gewählt. »Mit der Karriere kann man ganz zufrieden sein«, sagt Koch. Sagen wir es so: Mit derart viel Zurückhaltung wäre der Licher auf dem Court sicherlich kein Star geworden. Ein Star, der sogar mit dem Größten aller Zeiten spielte.

Mit Michael Jordan gespielt

Es ist das Jahr 1989. Nike hat Michael Jordan nach Europa geschickt, um mit den hier stationierten GIs gegen deutsche Basketballer anzutreten. In Frankfurt kommt es zum Zusammentreffen mit Steiner Bayreuth, für die Koch unter Vertrag steht. Der Licher muss bei dieser Erinnerung lachen. »Ich kann bestätigen, dass Michael Jordan nicht verlieren kann«, sagt der 55-Jährige und schildert, wie die Bodyguards den Weltstar fünf Minuten vor der Schlusssirene vom Platz nehmen wollten. »Sie dachten, die Fans würden gleich den Platz stürmen.« Doch Jordan habe sich geweigert, da sein Team zurückgelegen habe. Stattdessen habe der Superstar dafür gesorgt, dass die amerikanischen Soldaten in Führung gingen. Erst danach habe er sich auswechseln lassen. »Er hat dieses Gen in sich, das viele Sportler in sich tragen«, sagt Koch. »Dieses Gen braucht man, um nach ganz oben zu kommen. Es kann aber auch zerstörerisch sein.«

Mike Koch war gut, aber kein Michael Jordan. Das würde er auch niemals von sich behaupten. Trotzdem sagt er, dieses Gen ebenfalls in sich getragen zu haben. »Spitzensportler sind Egoisten. Auch im Mannschaftssport. Wenn etwas nicht funktioniert, fängt man an, sich selber zu zerfressen.« Manchmal reicht das aber nicht. Manchmal braucht es ein Ventil außerhalb des Sports, durch das man seinen Frust ablassen kann. Zum Beispiel die Familie.

Koch hat seine Karriere nicht alleine bestritten. Seine Ehefrau Beate, die ursprünglich aus Fernwald kommt, war immer an seiner Seite. Als der erste Umzug nach Bayreuth anstand, packte auch sie ihre Koffer - und begleitete Koch bei allen folgenden Stationen. Für die Familie - die Kochs haben einen erwachsenen Sohn - sei das natürlich prägend gewesen, sagt Koch, und nennt als Beispiel seine Zeit in Griechenland. »Dort hat Basketball einen ganz anderen Stellenwert. Aber auch sonst war das Leben toll. In Griechenland geht es relaxter zu. Das habe ich mir ein wenig angeeignet.« Die sprichwörtlichen »deutschen Tugenden« ließ er in Athen aber dennoch nicht vermissen, weshalb seine Mitspieler ihm den Spitznamen »Mercedes« verpassten. Weil er läuft und läuft und läuft.

In Griechenland avancierte Koch zum Publikumsliebling. Das heißt aber nicht, dass er keine schwere Zeiten durchlebte. »Nach einem verlorenen Spiel oder einem schlechten Training kommt man nicht freudestrahlend nach Hause. Darunter leidet die Familie«, sagt Koch. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: »Sie musste einiges aushalten.«

Es gibt Ereignisse, die Menschen ins Wanken bringen. Sei es aus Euphorie oder aus Trauer. Mike Koch hat beide Extreme erlebt. Er strauchelte nicht nur einmal. Aus der Bahn werfen ließ er sich aber nicht. Weil er in seiner Frau stets jemanden hatte, an dem er sich festhalten konnte.

Zum Beispiel am 14. Januar 1991. Es war der Tag nach seinem 25. Geburtstag, als das Telefon klingelte. »Meine Mutter war dran und hat mir erzählt, dass mein Vater gestorben ist. Da bricht natürlich eine Welt zusammen.« Auch die Geburt seines Sohnes, die nicht gerade einfach verlaufen sei, habe ihn sehr geprägt. »Solche Höhen und Tiefen lassen sich mit Hilfe der Familie viel leichter verarbeiten.«

Bleibt zu hoffen, dass Kochs Engagement in Gießen vor allem von Höhen geprägt sein wird. Wobei Corona die Arbeit natürlich erschwert. In Kochs Fall hat die Pandemie aber auch etwas Gutes: Durch die Schließung des Spielbetriebs hatte er genügend Zeit, sich in die Materie einzuarbeiten.

Wenn Koch das Wochenende frei hat, fährt er zu seiner Beate in das Haus in Königswinter. Zum Ausgleich arbeitet er gerne im Garten oder geht mit den Hunden spazieren. Er legt sich aber auch gerne auf die Couch und schaut sich eine Serie auf Netflix an. »The last Dance« über Michael Jordan hat Koch natürlich gesehen. Zwar juckt es ihn auch manchmal in den Fingern, wenn er den besten Basketballspieler dieses Planeten über die Mattscheibe fliegen sieht. Das zerstörerische Gen, und darüber ist der 55-Jährige sehr froh, hat seinen Körper aber längst verlassen.

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