Nezaket Ekici in ihrer 3-Kanal-Videoinstallation "Papa’s Poem". FOTO: PM
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Nezaket Ekici in ihrer 3-Kanal-Videoinstallation "Papa’s Poem". FOTO: PM

Migration, Integration und Sehnsucht

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Gießen(pm). "Unser Name ist Ausländer, Gastarbeiter. Wo ist die Freiheit? Wo ist die Demokratie? Wo sind unsere Rechte?" Die Künstlerin Nezaket Ekici lässt diese Worte, die ihr Vater Ziya Ekici rund 40 Jahre zuvor niederschrieb, in ihrer Installation "Beschriebenes Blatt" im Neuen Kunstverein lebendig werden.Am Samstag, 14. März, 18 Uhr, wird die Ausstellung im neuen Kunstverein (Ecke Licher Straße/Nahrungsberg), eröffnet und ist dort bis zum 25. April zu sehen. Im Anschluss an die Vernissage findet ein Artist Talk statt.

In ihrer raumfüllenden Installation setzt sich die Künstlerin mit den Gedichten ihres Vaters Ziya Ekici (geb. 1937 in der Türkei, gestorben 1995 in Duisburg) auseinander, die er 1983 in Duisburg verfasste. Er kam 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland und holte 1973 die Familie nach. Zunächst arbeitete er in einer Fabrik, bevor er seinen ursprünglichen Beruf wieder aufnehmen konnte und türkische Klassen in der Grundschule in Duisburg unterrichtete.

Sein Gedichtband "Balik Bastian Kokar / Der Fisch stinkt vom Kopf her" handelt von der ersten Generation der Gastarbeiter. Es geht um Migration, Sehnsucht, Heimat, Flucht, Liebe, Familie. Es geht um das Gefühl, als türkischer Bürger in Deutschland und Europa zu jener Zeit nicht integriert gewesen zu sein.

Die 3-Kanal-Videoinstallation "Papa’s Poem" zeigt Nezaket Ekici, wie sie sein Gedicht "Eingebildeter Europäer" auf Türkisch, Deutsch und Englisch performt. Die Gedichte hat sie dafür eigens ins Deutsche und Englische übersetzt. Doch ist dies nicht nur eine sprachliche Übersetzung des Textes, es ist auch eine zeitliche Übersetzung der Erfahrungen, die ihr Vater in den 1980-er Jahren gemacht hat. Nezaket Ekici bearbeitet in ihrer Ausstellung "Beschriebenes Blatt" ihre eigene Historie, die stellvertretend für viele Menschen in Deutschland steht. Diese Themen aus den 1980er Jahren, die ihr Vater in seinen Gedichten festgehalten hat, sind hochaktuell und auf die heutige Flüchtlingsproblematik übertragbar. Inwieweit wird heute eine Integration geleistet, die Ziya Ekici so schmerzlich vermisst hat? Wie sieht die Lebensrealität der Geflüchteten in Deutschland in unserer Jetzt-Zeit aus? Der gesamte Raum des Kunstvereins wird dabei von diesen Worten und Fragen ausgefüllt werden, über die Videoinstallation hinaus.

Die international bekannte türkisch-deutsche Performancekünstlerin Nezaket Ekici hat in den letzten 20 Jahren über 250 verschiedene Live-Performances, Videos und Installationen in mehr als 60 Ländern realisiert.

Die Künstlerin lässt immer wieder Welten aufeinanderprallen und geht an ihre Grenzen. Sie setzt sich mit den Unterschieden von Kulturen auseinander, arbeitet mit alltäglichen Dingen und lässt sich von der Kunstgeschichte, Architektur und Orten zu ihren Arbeiten inspirieren.

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