Michael Sens lobt Gießen als Hochburg der "Chorkultur"

Wer schon immer mal wissen wollte, wie es wohl ist, wenn Beethoven, Bach oder Mahler zusammen Fußball spielen, der wurde im Konzertsaal des Rathauses bestens aufgeklärt. Dort gastierte der Kabarettist und Musiker Michael Sens, der mit seinem Programm "Opus 1" das Publikum mit Musik-Kabarett auf hohem Niveau unterhielt.

Der Verein KulTour 2000 hatte den Berliner erstmals nach Gießen geholt.

Nach einem beeindruckenden Beginn – Sens eröffnete den Abend mit Sonnenbrille und ruckartigen Roboterbewegungen zu futuristischer Musik – der zugegebenermaßen nicht zum restlichen Programm passte, begrüßte der Künstler das zahlreich erschienene Publikum. Im schwarzen Anzug machte er einführend mit Metaphern wie "die erste Geige spielen" oder "aus dem letzten Loch pfeifen" darauf aufmerksam, wie allgegenwärtig Musik in unserem Leben ist.

Mit Sprachgewandheit, schauspielerischem Talent und faszinierender Mimik offenbarte Sens dem Publikum amüsante Details aus der klassischen Musik, die auf komplexen Fachwissen des studierten Musikers basieren. Er betonte den Konflikt zwischen Pflicht und Kür, mit dem sich vor allem André Rieu herumschlage. In einer satirischen Imitation verwandelte sich Sens für einige Minuten mit "der ans Kinn getackerten" Geige in Rieu und erntete tosenden Applaus. Aber auch am Klavier brillierte er: Falcos "Amadeus" spielte der einstige AC/DC-Fan, der heute "in seiner Bach-Phase" ist, mit Sonnenbrille und grimmigen Blick sehr authentisch.

Auch deckte er eine Parallele zwischen Ludwig van Beethoven und Angela Merkel auf: Beide sind für ihre heruntergezogenen Mundwinkel bekannt.

Der Musiker bezog das Publikum aktiv in sein Programm ein, indem er etwa Plagiate in der Musik demonstrierte: Sens spielte Bach auf dem Klavier, gab dazu Text von Rolf Zuckowski zum Besten und ließ die Zuschauer Gunots "Ave Maria" singen, was ihn schier begeisterte: "Gießen! Das muss ich mir merken, eine Hochburg der Chorkultur."

Aber nicht nur die klassische Musik wurde auseinandergenommen, Sens widmete sich auch dem Jazz und dem Musical. Während er beim Jazz nur die altbekannten Klischees "Jazzer verstehen keinen Humor und verdienen kein Geld" wiedergab, kam das Musical weitaus schlechter weg. Nach der Pause ertönte eine Stimme aus dem Off: "Am siebten Tag erschuf Gott die Musik. Doch dann wurde er nachlässig. Das Musical wurde geboren." Mitreißend erörterte Sens die Unterschiede zwischen Oper und Musical und versuchte dabei die Frage zu beantworten, warum das Musical denn soviel beliebter als die Oper sei. Diesen Punkt führte er auf den musikalischen Anspruch zurück – "bei Wagner-Opern muss man Urlaub nehmen, so lang sind die" – wohingegen er im Musical nur seichte Ohrwurmmelodien sah.

Obwohl der Künstler mit zahlreichen Klischees arbeitete (die Running Gags um "Hans Heesters" verloren spätestens nach dem dritten Mal ihren Reiz), war das Publikum so begeistert, dass es zwei Zugaben forderte und erhielt. Wer nach dem Abend an Sens’ Humor Gefallen gefunden hat und seine Lachmuskeln weiter dauerstrapazieren möchte, kann ab dem 9. November sein neues Buch erstehen: "Das Casanova-Prinzip". ldk/Foto: ldk

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