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Die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hormann verabschiedet Anstaltsleiter Martin Lesser (2. v. r.) und begrüßt dessen Nachfolger Dr. Volker Fleck (3. v. r.) FOTO: KHN

Menschenwürde im Knast

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In der Justizvollzugsanstalt Gießen gibt es einen neuen Leiter: Volker Fleck löst Martin Lesser ab. Im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung wurde der alte Chef verabschiedet und der neue in sein Amt eingeführt. Es gab wie üblich bei solchen Gelegenheiten salbungsvolle Worte. Aber auch viele, kleine, durchaus auch augenzwinkernde Einblicke in eine Welt, die für viele unbekannt ist.

Diese Anekdote sagt viel darüber aus, was für ein Typ Martin Lesser ist. Der seit Kurzem im Ruhestand befindliche ehemalige Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gießen hatte klare Vorstellungen, als er gefragt wurde, welchen Dienstwagen er haben möchte: "Einen Opel Corsa", erzählt der Leitende Regierungsdirektor Jörg-Uwe Meister. Von der "Benz-Fraktion" habe es dafür "geringschätzende Blicke" gegeben. Lesser, ein bescheidener, besonnener, analytischer Mann, hat die JVA in Gießen 13 Jahre lang geprägt. Nun ist er am gestrigen Mittwoch offiziell verabschiedet und sein Nachfolger Dr. Volker Fleck ins Amt eingeführt worden.

Bei der Feier in der Kantine des Amtsgerichts gab es so manche salbungsvollen Worte. Das gehört zu einer solchen Veranstaltung. Es gab aber auch viele kleine Einblicke in eine Welt, die für den Ottonormalbürger in der Regel verschlossen bleibt. Es sei denn, er baut Mist. Oder es zieht ihn beruflich in den Strafvollzug. Meister fasste dies passend zusammen: Auf der einen Seite sei das Gefängnis für viele Menschen Teil der öffentlichen Sicherheit. Gleichzeitig aber stelle er sich die Frage, wie viele davon wüssten, dass dort Menschen dazu befähigt werden sollen, nach der Haft ein Leben ohne Straftaten zu führen. Genau dieser verfassungsrechtlich manifestierte Resozialisierungsgedanke sowie der humane Umgang mit Häftlingen war das Leitbild von Lesser - das machten die Redner deutlich.

Lesser, betonte Regierungsrat Frank Posingies, habe sich in seiner Amtszeit immer einen "Blick über den Tellerrand" bewahrt. So habe er viele Veränderungen mitgestaltet. Er nannte die Abteilung für den offenen Jugendvollzug, die Herausforderungen, die mit der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen verbunden waren, den Wandel der JVA hin zu einer Anstalt mit Fokus auf Untersuchungshäftlinge sowie den Rückbau der Küche und der IT-Betreuung, um die frei werdenden Kapazitäten für Jobs für Gefangene zu nutzen.

"Welchen Stellenwert die JVA Gießen hat, daran haben Sie einen Riesenanteil", betonte die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann. Sie erinnerte an den Werdegang Lessers, der fast 25 Jahre im Justizwesen tätig war: Zuerst für die Grünen im Justizministerium, dann 13 Jahre lang als Anstaltsleiter.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz legte den Fokus ihrer Rede auf die Eröffnung des Wolfgang-Mittermaier-Hauses 1995 für den offenen Vollzug. Damit werde der Kriminalwissenschaftler Wolfgang Mittermaier geehrt, der schon früh für die Humanisierung des Strafrechts war. In dieser Tradition habe sich auch der ehemalige Leiter des in der Innenstadt gelegenen Gefängnisses gesehen.

Lesser selbst wollte nicht viele Worte verlieren. Er sagte, er habe im bestehenden System versucht, kleine Veränderungen vorzunehmen - mit Kreativität und gesundem Menschenverstand. Wichtig gewesen sei ihm der Ausgleich zwischen dem Strafanspruch des Staates, den Rechten der Insassen und den guten Arbeitsbedingungen für die JVA-Mitarbeiter. Sein Nachfolger Fleck betonte, er wolle die Arbeit seines Vorgängers weiterführen, einen menschenwürdigen Strafvollzug gestalten und gleichzeitig weiterentwickeln.

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