Alexander Engelhardt und sein Blindenführhund Aura sind schnell zu einem Team geworden. FOTO: SCHEPP
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Alexander Engelhardt und sein Blindenführhund Aura sind schnell zu einem Team geworden. FOTO: SCHEPP

Blindenhund

Mensch und Blindenhund: Eine gute Beziehung

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Der Gießener Alexander Engelhardt ist stark sehbehindert. Seit einem Monat hat er einen Blindenführhund. Es ist der Beginn einer Beziehung, die mehr ist als eine Zweckgemeinschaft.

Alexander Engelhardt ist ein passionierter Läufer. Seine Alltagswege legt er zu Fuß zurück; in einen Bus zu steigen, kommt ihm selten in den Sinn. Dass er schwer sehbehindert ist, spielt dabei keine Rolle. Bei seiner Geburt wurde der 40 Jahre alte Gießener mit zu wenig Sauerstoff versorgt. Als Folge prägte sich der Sehnerv nicht vollständig aus. Mit rechts kann er nur hell und dunkel sowie große Flächen erkennen, mit links Menschen, Kleidung, Haare, aber keine Details. "Meine Augen sind schlechter geworden", sagt Engelhardt. Vor allem im Dunklen fällt es ihm schwerer, Straßenschilder zu erkennen oder Mülltonnen zu umkurven. "Und Autos werden immer leiser", sagt er. Was für den Protokollführer am Landgericht Gießen lebensgefährlich sein kann. Deshalb hat Engelhardt seit vier Wochen einen Blindenführhund rund um die Uhr an seiner Seite. "Aura", sagt Engelhardt und lächelt, "passt auf mich auf."

Wenn man so will, ist "Aura" ein medizinisches Hilfsmittel. In etwa wie ein Rollstuhl. Nur eben mit Charakter, eigenem Willen und vier Pfoten. Denn wer einen Blindenführhund braucht, muss ihn bei der Krankenkasse beantragen. Ein Augenarzt stellt vorher ein Rezept aus und bescheinigt so, dass dieses "Hilfsmittel" benötigt wird. Bei Engelhardt war das der Fall. Bis er "Aura" kennenlernen durfte, vergingen aber fast drei Jahre.

Dass er so lange warten musste und mehrmals Absagen erhielt, habe ihm immer wieder ein "Stich ins Herz" versetzt, sagt Engelhardt. "Aber es war auch ein gutes Zeichen, dass mir nicht irgendein Hund untergejubelt werden sollte." Tanja Kohl arbeitet bei der Blindenführhundeschule "Blickpunkt" im Odenwald. Sie hat Engelhardt den Labrador Retriever vermittelt - und bringt den beiden bei, zusammenzuwachsen.

Kohl erzählt, ein Blindenführhund müsse zum Charakter des Halters passen. Deswegen habe das Tier auch eine Art Mitspracherecht bei der Auswahl seines zukünftigen Herrchens oder Frauchens. "Bei Alex und Aura war schnell klar, dass das passt", sagt Kohl. Bei der ersten Begegnung bei Engelhardt und dessen Ehefrau zu Hause habe "Aura" schnell deutlich gemacht, dass sie bleiben wolle. "Sie hat sich das Familienkuscheltier, ein Einhorn, geschnappt und nicht mehr hergegeben." Engelhardt lacht, wenn er daran denkt: "Aura sah mit dem Einhorn im Maul total albern aus. Uns war sofort klar, dieser Hund hat unseren Humor."

Neben der stimmigen Chemie zwischen Hund und Halter spielt auch die Größe der Stadt eine Rolle. So sei ein kleiner Hund in Gießen hoffnungslos an der falschen Stelle, sagt Kohl. Denn er falle zu wenig auf und sei zu leise. "Aura" hingegen hat ein ziemlich lautes Organ. Davon überzeugen konnte sich kürzlich ein Mann, der sich im Eingangsbereich des Landgerichts mit seinem Anwalt gestritten hatte. Die Hündin habe diesen Konflikt gespürt und einmal laut gebellt, erzählt Kohl. Der Streit war auf diese Weise schnell geschlichtet.

"Aura" ist zwei Jahre alt und hatte ein Leben vor ihrer Arbeit als Blindenführhund. Der Labrador Retriever ist eine "Scheidungshündin"; die Besitzer hatten sich getrennt und mussten die Hündin aus Zeitgründen abgeben. "In solchen Fällen ist die Trennung vor allem für Kinder leichter, wenn sie wissen, dass das Tier für eine gute Sache eingesetzt wird", sagt Kohl. Hundeschulen kauften diese Hunde und bildeten sie aus. Drei interne Prüfungen, medizinische Untersuchungen und einen Wesenstest müssen die Tiere durchlaufen, bevor sie an blinde und sehbehinderte Menschen vermittelt werden.

Dann beginnt die Trainingsphase. Zwei Wochen lang hatte Kohl Engelhardt und "Aura" im Alltag begleitet, sie auf Schritt und Tritt verfolgt, eingegriffen, Tipps gegeben. "Natürlich hatte ich Respekt vor der Aufgabe", erzählt Engelhardt, der im Vorfeld ein Tierpsychologie-Fernstudium absolviert hatte. Er wollte seinem Hund gerecht werden. "Anfangs war es schwer, ihr über den Weg zu trauen", sagt er. Denn er legt viel Wert darauf, unabhängig zu sein.

Nach zweieinhalb Wochen jedoch klappte die Zusammenarbeit zwischen den beiden so gut, dass Kohl das Duo von der Leine ließ. "Für ein Anfängerteam sind sie schnell zusammengewachsen", sagt die Trainerin. In diesem Moment tätschelt Engelhardt "Aura" und flüstert ihr mit einem Lächeln im Gesicht "Streber" zu. Am gestrigen Freitag haben die beiden die Gespannprüfung abgelegt; das ist eine Art Führerscheintest für Blindenführhunde. Natürlich waren sie erfolgreich.

Das bedeutet: "Aura" darf bei "Alex" bleiben. Die Hündin wird den 40 Jahre alten Mann nun um Pfützen herumführen, um die von der Fassenacht liegengebliebenen Papierberge leiten, mit ihm Stolperfallen auf dem Gehweg umschiffen sowie auf Ampeln, Zebrastreifen, Autos, Schalter und Türen aufmerksam machen. Sie wird vor dem Überqueren einer Straße am Bordstein stehenbleiben, eine Belohnung von Engelhardt bekommen, und ihn dann sicher über die Straße bringen. Dann wird sie ihre beiden Vorderpfoten auf den nächsten Bordstein stellen und damit die Stellung des Führbügels verändern. So weiß ihr Halter, dass er eine Füße heben muss. Oder wie Engelhardt das zusammenfasst: "Ich sage, wo es langgeht, und sie sagt, lauf jetzt bitte nirgendwo gegen."

So einfach ist es aber nicht immer. Engelhardt erzählt, dass Fahrradfahrer sich oftmals nicht bemerkbar machten, wenn sie an ihm vorbeifahren würden. Außerdem würden Hundehalter mit ihren Tieren keinen Bogen um "Aura" machen. Ein allzu aufdringlicher Artgenosse könnte die Blindenführhündin ablenken. Engelhardt erzählt, dass ihn eine Frau angebrüllt habe, als er das Häufchen von "Aura" in einem Park nicht aufgehoben hatte. "Mal abgesehen davon, dass ich einfach nicht sehen kann, wo sie hinmacht, besteht für Blindenführhunde weder ein Leinenzwang, noch die Pflicht, die Hinterlassenschaften des Tieres wieder einzusammeln."

Auch gebe es immer wieder Probleme beim Betreten von öffentlichen Gebäuden oder Geschäften. In einem Supermarkt sei er zum Beispiel von einer Verkäuferin gebeten worden, "Aura" wieder aus dem Laden zu bringen. Engelhardt sprach daraufhin mit dem Marktleiter. Dieser habe ihm erklärt, in der Vergangenheit hätten sich Kunden über Blindenführhunde beschwert. Engelhardt versteht, in welcher Zwickmühle der Marktleiter steckt. Er schilderte ihm sachlich die Rechtslage, und damit war die Angelegenheit geklärt - und Engelhardt weiterhin Kunde des Geschäfts.

So geduldig Engelhardt über seine Hündin aufklärt, so konsequent muss er sein, wenn es um den Umgang mit anderen Menschen geht. Niemand außer ihm darf seine Blindenführhündin füttern. Denn Belohnungen sind ein Grund, warum ein Hund auf seinen blinden Halter so gut aufpasst. Auch Streicheleinheiten sind nur auf Anfrage möglich. "Wenn ich mich nicht daran halte, dann beschädige ich mein Hilfsmittel", sagt Engelhardt und streichelt "Aura" sanft über den Kopf. "Und das wäre für mich ein unglaubliches Risiko."

Zusatzinfos

Ein Blindenführhund bleibt bis zu seinem Lebensende bei seinem Halter. Im Alter zwischen acht und elf Jahren lasse die Fähigkeit, den Blinden zu führen, jedoch nach, sagt Tanja Kohl. Sie rät, dem Hund einen Ruhestand zu gönnen, und ihn nicht so lange zu nutzen, bis er nicht mehr könne. Ehepartner dürfen den Hund anschließend privat übernehmen. Oder das Tier wird einer Familie vermittelt, die ihn als Haustier aufnimmt.

Rechtlich handelt es sich bei einem Blindenführhund um ein Hilfsmittel, das auch am Arbeitsplatz genutzt werden darf. Faktisch aber prüfen Arbeitgeber, ob es beispielsweise Phobien oder Allergien bei Kollegen gibt, die dagegen sprechen oder eine Versetzung nötig machen. Alexander Engelhardt hat als Protokollant beim Landgericht frühzeitig das Gespräch mit seinem Arbeitgeber gesucht. Die Richter hätten sich aufgeschlossen gezeigt und gesagt: "Wir probieren es einfach."

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