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Jeder Pinselstrich verrät den Könner: "Landschaft nach dem Regen mit Pappeln und Schafen" von Wilhelm Barthel aus dem Jahr 1910. FOTO: MUSEUM/KNOSSALLA

Meister des Unspektakulären

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Im Oberhessischen Museum erinnert ein perfekt komponiertes Schäferbild an den Gießener Maler Wilhelm Barthel. Der fand seine Motive hauptsächlich in seiner hessischen Heimat und lohnt die Wiederentdeckung in unserer losen Reihe über Objekte in der Sammlung des Museums.

Kaum ist die Eingangspforte des Alten Schlosses hinter uns wieder zugefallen, da stehen wir als Besucher des Oberhessischen Museums bereits im Treppenhaus vor einem Gemälde, das uns in eine andere Welt entführt. Hektik, Stress und Straßenlärm sind vorläufig ausgesperrt, denn hier, auf dem fast die ganze Wand einnehmenden Bild "Landschaft nach dem Regen mit Pappeln und Schafen" herrscht eine friedliche Stimmung. Vor 110 Jahren schuf der in Gießen lebende Wilhelm Barthel diese ländliche Idylle, die mit jedem Pinselstrich die Könnerschaft eines Malers verrät, der zu Lebzeiten hochgeachtet war und dessen Name in Fachkreisen auch heute noch ein Begriff ist.

Der Betrachter steht vor einer unspektakulären Landschaft. Durch den sanften Schwung des leicht hügeligen Geländeverlaufs ist sie allerdings von besonderem malerischen Reiz. Vor Kurzem ist ein Regen niedergegangen und hat das Land aufgeweicht. So erstreckt sich über dem Horizont noch immer ein grauer, wolkenverhangener Himmel, der jedoch hier und da schon blaue Löcher bekommen hat und in der Ferne merklich aufhellt. Auf einem von Wasserpfützen zerfurchten Feldweg zieht ein Schäfer gemächlich mit seiner Herde dahin. Die Bewegung geht vom Betrachter weg und führt den Blick damit in die Tiefe des Bildes. Verstärkt wird die räumliche Wirkung noch durch eine Reihe von Pappeln am Weg. Links und rechts des Weges liegen Felder mit Sträuchern, über denen ein Raubvogel kreist. Vor dem zartblauen Horizontstreifen des Waldes in der Ferne erkennt man schemenhaft den Turm einer Dorfkirche: ein vertrautes Bild einer hessischen Landschaft.

Der Landschaftsausschnitt, der seine Spannung und seinen Stimmungsgehalt wesentlich aus den Hell-Dunkel-Kontrasten bezieht, ist perfekt komponiert. Liegt das Land im Vorder- und Mittelgrund nach dem Regenguss noch weitgehend im Düsteren, so kündigt sich in der Ferne zaghaft der Umschwung an. Von dort kommt das Licht her - und dorthin führt womöglich auch der Weg der Herde. In ihrem satten Dunkelgrün stechen die Sträucher und Bäume im matten, gelbbraunen Gelände hervor, und der vom Regen aufgeweichte Feldweg im Vordergrund ist mit breitem, schwungvollem Pinselstrich erfasst. Hier hat sich die Malweise verändert; sie ist voller Dynamik und gestattet den Farben zudem mehr Freiheit.

Sohn eines Zeichenlehrers

Man darf annehmen, dass der Bildaufbau und die klare Lichtführung auf Barthels Ausbildung an der Akademie in Düsseldorf zurückzuführen sind. Als Sohn eines Zeichenlehrers und Holzbildhauers 1869 in Schotten geboren, kam der Junge mit sechs Jahren mit seinen Eltern nach Gießen. Hier besuchte er das Realgymnasium und ging als 18-Jähriger nach Düsseldorf, wo er bei Professor Eugène Gustav Dücker studierte. Er fand seine Motive hauptsächlich in seiner hessischen Heimat und zeigte seine Arbeiten, die in der Schwalm, im Werratal und im Gießener Land entstanden waren, auf internationalen Ausstellungen in München, Berlin und London. Zeitgenossen empfanden seine Gemälde oft als düster und schwermütig. Bis zu seinem 50. Lebensjahr führte Barthel das Leben eines von der Welt zurückgezogenen Junggesellen, der nur seine Arbeit kannte und oft darüber sogar das Essen vergaß. Die Zigarre in seinem Mundwinkel ging angeblich niemals aus, und wer ihn in seinem Gießener Atelier besuchte, konnte ihn beim Eintreten vor lauter Zigarrenrauch kaum an der Staffelei stehen sehen. 1918 ging er endlich die Ehe mit seiner Frau Lina ein - und von da an, so wurde allgemein behauptet, sollen seine Bilder heller und freundlicher geworden sein. 1924 starb er in Gießen.

Hirten- und Herdendarstellungen haben in der Malerei Tradition, gleichzeitig lässt sich aus Barthels Gemälde der zu seiner Zeit noch anhaltende Einfluss der Schule von Barbizon herauslesen. Genau wie in Worpswede und Willingshausen strebten jene Künstler um Jean-François Millet "zurück zur Natur". Zum einen bekundeten sie damit ihren Protest gegen den als inhaltsleer empfundenen Lehrbetrieb der Kunstschulen, zum anderen reagierten sie auf die zunehmende Technisierung einer sich rasch verändernden Welt und wandten sich in ihren realistischen Darstellungen dem ländlich-bäuerlichen Milieu zu. All das klingt auch in dem Gemälde im Museum an. Heute, über 100 Jahre später, finden wir uns ebenfalls in einer sich rasch wandelnden Welt der Umbrüche wieder, in der Werte schneller verfallen, als wir es fassen können. So gesehen, wäre der Maler Wilhelm Barthel wieder zu entdecken - als einer von uns.

72 Kunstwerke von der Barthel-Stiftung

Museumsleiterin Katharina Weick-Joch hebt gleichfalls die Bedeutung Barthels hervor und verweist darauf, dass ihr Haus erst kürzlich seine "Winterlandschaft" in einer Kabinettausstellung gezeigt hat: "Zudem haben wir von der Barthel-Stiftung ein Konvolut von 72 Kunstwerken erhalten - ein wesentlicher Bestand unserer Kunstsammlung."

Zu besichtigen ist sein Werk im Oberhessischen Museum dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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