Lebenshilfe

"Meine Mutter ist ein Mythos"

  • schließen

Maren Müller-Erichsen wird heute 80 Jahre alt. Ohne sie wäre die Gießener Lebenshilfe nicht das, was sie heute ist. Und ohne Olaf, ihren Sohn, wäre "M.E." vor über 40 Jahren gar nicht eingestiegen. Ein Gespräch mit Mutter und Sohn.

Olaf, wir kennen uns schon lange, deshalb bleiben wir beim Du. Deine Mutter wird heute 80 Jahre alt. Ich finde das unglaublich, sie ist immer noch so aktiv und sieht blendend aus. Mir kommt sie viel jünger vor. Geht dir das auch so?

Olaf Müller-Erichsen : Auf jeden Fall. Sie hört nicht auf zu arbeiten, diese Hoffnung haben wir längst aufgegeben. Aber ich finde das toll. Sie ist ein richtiger Mythos.

Sie war lange Vorsitzende der Lebenshilfe, heute ist sie Aufsichtsratsvorsitzende. Wie ist das denn, der Sohn der Chefin zu sein? Du hast ja früher in den Werkstätten gearbeitet. Hat man da Vorteile, oder war das auch manchmal unangenehm?

Olaf: Ich fand das immer super, es hatte nie Nachteile, nur Vorteile. Wenn sie kam, haben sich immer alle gefreut und Hallo gesagt. Und oft kamen die anderen auch zu mir und haben mir etwas erzählt, damit ich es meiner Mutter sage. Die wussten, dass sie sich dann kümmern würde. Sie kann gar nicht anders.

Frau Müller-Erichsen, das ist mir auch aufgefallen. Wo immer Sie hinkommen, strahlen die Menschen mit Behinderung Sie an und Sie wiederum begegnen ihnen mit inniger Herzlichkeit. Was geht da vor?

M.E.: Das stimmt, ich freue mich immer sehr über diese Begegnungen, ich mag das Unverstellte, Fröhliche, Direkte. Ich fühle mich fast sofort auch immer ein bisschen verantwortlich, auch wenn es gar keine Mitarbeiter von uns sind (lacht).

Sie gelten als Grande Dame der Lebenshilfe. Sie haben für Menschen mit Behinderung und ihre Familien sehr viel durchgesetzt. Dabei sahen Ihre Zukunftspläne bis zur Geburt von Olaf ganz anders aus.

M.E.: Das kann man wohl sagen. Ich war Landwirtschaftlich technische Assistentin bei Prof. Eduard von Boguslawski. Er war Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der JLU und hat die Entwicklung des wissenschaftlichen Landbaus in Deutschland maßgebend mitgestaltet. Er war ein anspruchsvoller Chef, und ich war für seine Veröffentlichungen zuständig. Die ersten Jahre mit zwei kleinen Kindern waren schwierig.

Zumal Olaf besonderer Aufmerksamkeit und Zuwendung bedurfte. Er wurde mit dem Down Syndrom geboren. Wie haben Sie das damals erlebt?

M.E.: Der erste Kommentar des Arztes in der Klinik war: "Das ist ein Vollidiot, der lebt nicht lange. Den können Sie gleich weggeben". Das war natürlich hart – auch wenn Idiot ein medizinischer Fachbegriff war.

Wenn mich jemand fragt: Was bis du denn für ein Mensch?, dann sage ich: Ich kann da nichts für, ich bin einfach so geboren

Olaf Müller-Erichsen

Sie mussten sich damit abfinden, dass Ihr Baby behindert ist. Ihre Umgebung hat es Ihnen dabei auch nicht leicht gemacht.

M.E.: Niemand hat gratuliert. Die Leute wussten nicht, was sie sagen sollten. Als wir aus der Klinik nach Hause kamen, wollte auch keiner den Säugling sehen, niemand hat danach gefragt.

Das hat Sie sehr verletzt. Doch statt sich in Ihrem Unglück zurückzuziehen, gingen Sie in die Offensive. Typisch M.E., würde man heute sagen.

M.E. (lacht). Ja. Ich habe die Wiege ins Wohnzimmer gestellt. Da konnten Besucher gar nicht mehr anders. Sie mussten hineinsehen.

Was raten Sie aufgrund dieser Erfahrung Eltern, die heute in einer ähnlichen Situation sind?

M.E.: Man muss es wagen, den ersten Schritt zu tun. Viele Menschen sind verunsichert, sie trauen sich nicht, etwas zu fragen oder Kontakt aufzunehmen. Wenn ich später auf dem Spielplatz, in der Kita oder sonstwo Olaf vorgestellt und von uns erzählt habe, war das Eis sofort gebrochen. Die Reaktionen waren dann interessiert und offen.

Olaf, war zu dir schon mal jemand gemein, weil du eine Behinderung hast?

Olaf: Früher als Kind manchmal. Die guckten und fragten: Was bist du denn für ein Mensch? Und ich habe dann gesagt, ich kann nichts dafür, ich bin so auf die Welt gekommen. Die dachten vielleicht, ich bin ein Monster. Wenn sie es nicht verstehen wollten, bin ich einfach weiter gegangen.

M.E.: Aber nachfragen ist ja erst mal okay.

Olaf: Ja, wenn man noch ganz klein ist, weiß man es eben nicht besser.

Damals gab es noch nicht so oft Begegnungen von behinderten und nichtbehinderten Kindern. Frau Müller-Erichsen, Sie haben dafür gesorgt, dass das anders wurde.

M.E. Es gab zu dieser Zeit einen Sonderkindergarten in der Ringallee. Den habe ich mir angesehen und beschlossen, dass Olaf dort nicht hingehen wird.

Was war denn so schrecklich da?

M.E.: Dort war alles ganz weiß, es gab kein Bild, nichts Buntes. Es war sagrotanisiert, habe ich immer gesagt. Das war nicht nur dort so, sondern allgemeiner Standard. Die Kinder sollten nicht abgelenkt werden. Man wollte ihnen etwas beibringen, damals hieß es, sie seien praktisch-bildbar. Diesen Zusatz hatten ja auch Sonderschulen. Ich fand das diskriminierend. An unseren beiden Kindern konnte man ja sehen, dass gemeinsame Erziehung funktioniert. Also ging Olaf ebenso wie Michael in den Leihgesterner Kindergarten, aber dafür musste erst einmal die Satzung geändert werden.

Warum war das notwendig?

M.E.: Weil darin stand, dass es verboten sei, behinderte Kinder aufzunehmen. Das stammte noch aus dem Nationalsozialismus.

Das war Anfang der 80er Jahre – das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

M.E.: Damals war es auch undenkbar, dass behinderte Kinder mit auf Konfirmandenfreizeit fahren. Kurze Zeit später haben wir in der Ringallee die erste integrative Gruppe eröffnet, und ganz schnell wurden es immer mehr - in der Stadt und im Kreis.

Heute erscheint uns das selbstverständlich, damals war es ein Kampf. Hatten die Eltern denn Vorbehalte?

M.E.: Wir waren uns anfangs nicht sicher. Aber es gab sofort viele Nachfragen. Nicht allen ging es vorrangig um Integration - von Inklusion war damals ja noch gar nicht die Rede. Sie fanden die kleinen Gruppen und die Personalausstattung attraktiv.

Auch die Frühförderung haben Sie 1981 auf den Weg gebracht.

M.E.: Wir waren damals die erste interdisziplinäre Frühförderstelle Deutschlands. Die Lebenshilfe hat den pädagogischen Part übernommen, die Arbeiterwohlfahrt in ihrem Kinderzentrum den therapeutischen und die medizinische Begleitung war abgesichert durch Prof. Neuhäuser von der Kinderklinik.

Vorreiter war die Lebenshilfe Gießen auch hinsichtlich der Wohnstätten. Der Caritasverband wollte damals neben St. Anna eine große Einrichtung bauen.

M.E: Aber wir wollten keine Unterbringung wie in einem Krankenhaus oder einer Kaserne, sondern kleine Wohneinheiten mit bis zu zwölf Plätzen. Im Sozialministerium hat man getobt. Unsere Pläne seien unrealistisch und nicht finanzierbar.

Das Ergebnis des Streits kann man heute in der Stadt und im Kreis anschauen: Es gibt überall Wohnstätten mit familiären Strukturen. In der Credner Straße entstand 1981 die erste WG für Menschen mit Behinderung. Wenn Sie von einer Idee überzeugt sind, geben Sie nicht auf. Was treibt Sie an?

M.E. Ich habe es immer als meine Aufgabe angesehen, für die zu sprechen, die das selbst nicht so gut können. Und es macht ja auch Spaß, zu gestalten und neue Wege zu gehen.

Olaf, Deine Mutter ist ziemlich tough. War sie eine strenge Mutter?

Olaf: Eigentlich nicht. Sie konnte mich immer gut einschätzen. Wir hatten nie viel Ärger. Auch wenn ich eine Freundin hatte, fand sie das okay.

M.E. Das ist ja auch normal, dass man sich verliebt – ob man nun ein behinderter Mensch ist oder nicht.

Ich habe es immer als meine Aufgabe gesehen, für die einzutreten, die das selbst nicht so gut können

Maren Müller-Erichsen

Was ist denn, wenn deine Mutter mal richtig sauer ist? Was kann sie denn gar nicht leiden?

Olaf: Wenn man nicht zuhört. Dann geht man lieber erst mal in Deckung. Aber das dauert nicht lange.

Du schimpfst öfter mir deiner Mutter, weil sie sich das Rauchen nicht abgewöhnt, und sie erinnert dich daran, dass Du genug trinkst und deine Medikamente nimmst. Ihr passt also aufeinander auf?

Olaf: Das könnte man so sagen.

M.E. Olaf hat vor zwölf Jahren eine neue Niere bekommen, deshalb sind die Tabletten wichtig. Er macht das zum Glück sehr gut.

Eine Mutter hört niemals auf, sich um ihr Kind zu sorgen. Bei einem Kind mit Behinderung ist das vermutlich erst recht so.

M.E. Stimmt, ich bin da schon eine Glucke. Deshalb bin ich auch glücklich, dass wir mit der Rosenhofstiftung auch Olafs Zukunft gesichert haben und dass mein Sohn Michael mit seiner Familie hier vor Ort ist. Das gibt mir natürlich ein gutes Gefühl.

Könnte es sein, dass die Wünsche zu Ihrem Geburtstag auch in diese Richtung gehen?

M.E.: (lacht) Ja, natürlich. Ich wünsche mir für uns alle Gesundheit und dass ich Kinder und Enkel noch möglichst lange begleiten kann. Was die Lebenshilfe angeht, bin ich sehr zuversichtlich und froh. Dort geht eine tolle Mannschaft gemeinsam immer wieder neue Ziele an. Auch der Sophie-Scholl-Schule wünsche ich viel Erfolg. Ich bin dankbar für den engagierten Einsatz der Pädagogen. Einen Herzenswunsch habe ich aber außerdem: Ich würde mich freuen, wenn das Gartenprojekt der Rosenhofstiftung mit Flüchtlingen und Bewohnern Unterstützer findet. Hier vereinigen sich meine Interessen Landwirtschaft und Behindertenhilfe. Für den Start brauchen wir noch Spenden, Gartengeräte und Pflanzen.

Für Spenden: IBAN DE 54 513 90000 0083 108 606

Info

Mutter und Sohn – die wichtigen Stationen

Maren Müller Erichsen – wurde am 2. Juni 1938 in Bernburg/Saale geboten. Die Landwirtschaftlich-Technische Assistentin war bis 1981 an Justus-Liebig-Universität beschäftigt. Sie ist verwitwet, hat zwei Söhne (Michael und Olaf) und lebt in Linden. Die Liste ihrer Ehrenämter und von ihr auf den Weg gebrachten Initiativen ist lang. Einige wichtige Stationen: 1979 wurde sie zur Vorsitzenden der Lebenshilfe Gießen gewählt, heute ist sie Aufsichtsratsvorsitzende. Seit 1985 ist sie Mitglied im Vorstand des Landesverbandes der Lebenshilfe Hessen. Von 1992 bis 2008 war Müller-Erichsen stellvertretende Vorsitzende der Bundesvereinigung der Lebenshilfe. 1994 hat sie den Deutsch-Israelischen Verein gegründet, dessen Vorsitzende sie noch immer ist. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins demenzfreundliche Kommune. Müller Erichsen ist Mitglied des Kreistages (CDU-Faktion). 2011 gründete sie die Rosenhofstiftung in Linden, deren Ziel es ist, Menschen mit Behinderung zu mehr Selbstbestimmung zu verhelfen. Mit ihrem Sohn Michael errichtete sie dort ein Appartementhaus für zehn Bewohner. Der Pädagoge Michael Müller-Erichsen leitet das Haus. 2012 wurde die nun 80-Jährige zur Beauftragten der Hessischen Landesregierung für Menschen mit Behinderung berufen.

Olaf Müller-Erichsen – wurde am 30. August 1975 in Gießen mit dem Down-Syndreom geboren. Nach dem Kita- und Schulbesuch war er mehrere Jahre in verschiedenen Werkstätten der Lebenshilfe, aber auch im Waldorfkindergarten tätig. 2002 erlitt er ein akutes Nierenversagen, jahrelang war er auf die Dialyse angewiesen. 2006 bekam Olaf eine Spenderniere. Der 42-Jährige lebt heute in der Rosenhofstiftung. Er liest gerne und hat mit seinem Betreuer bereits viele Reisen in Europa unternommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare