Für seine Doktorarbeit hat der Biochemiker Tim Lüddecke Wespenspinnen im Gießener Europaviertel eingefangen. Gefährlich für den Menschen sind die Achtbeiner aber nicht.
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Für seine Doktorarbeit hat der Biochemiker Tim Lüddecke Wespenspinnen im Gießener Europaviertel eingefangen. Gefährlich für den Menschen sind die Achtbeiner aber nicht.

Wissenschaft

»Mein Herz schlägt für kleine Gifttiere«: Forschung an Spinnen in Gießen

  • VonSebastian Schmidt
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Manche finden sie gruselig, aber Tim Lüddecke vom Fraunhofer Institut in Gießen findet Spinnen sehr interessant. Er setzt sich beruflich mit deren Gift auseinander.

Gießen – Mein Herz schlägt für alle kleinen Gifttiere«, sagt Tim Lüddecke vom Fraunhofer Institut in Gießen und lacht. Der Biochemiker hat rund 40 Spinnen und Skorpione bei sich zu Hause; auch beruflich befasst sich Lüddecke mit giftigen Tieren. Denn in einem Forschungszusammenschluss versuchen das Fraunhofer Institut, die Justus-Liebig-Universität Gießen und das Senckenberg Museum in Frankfurt, die Toxine von Tieren für den Menschen nutzbar zu machen - in der Medizin genauso wie in der Landwirtschaft. Der Fokus liegt dabei auf den heimischen Gifttieren.

Forschung an Spinnen in Gießen: Heimische Arten besonders interessant

Wie viele giftige Tiere gibt es in Deutschland? Lüddecke zählt auf: rund 100 Spinnenarten, zwei Sorten von Giftschlangen, 20 Amphibien sowie Bienen, Wespen, Quallen und sogar Fische. »Für Menschen sind die aber alle nicht gefährlich.« Denn der Mensch gehöre nicht in das Beuteschema der Tiere, die Giftmengen seien zu niedrig.

Die heimischen Arten sind für die Wissenschaftler interessant, weil deren Gifte bislang wenig erforscht sind, erklärt Lüddecke. Der Biochemiker interessiert sich dabei, seinem Hobby folgend, besonders für Spinnen. »Für meine Doktorarbeit habe ich Wespenspinnen im Europaviertel gesammelt.« Das hatte mehrere Gründe: Lüddecke wusste, dass die Spinnenart hier vorkommt und konnte sie so problemlos fangen. Über ihr Gift sei wenig bekannt, »und sie sind unglaublich schön«.

Forschung an Spinnen in Gießen: Ziel, das Gift mit Biotechnik selbst herzustellen

Im Frauenhofer Institut gibt es jetzt aber keine Spinnenfarm, wo Hunderte Achtbeiner herumkrabbeln, sondern immer nur wenige Tiere zu Beginn einer Studie, erklärt Lüddecke. Denn eines der Ziele der Wissenschaftler ist es, das Gift mit Biotechnik selbst herzustellen. Dazu werden in einem ersten Schritt die einzelnen Bestandteile eines Toxins bestimmt. »Die Zusammensetzung ist für jede Spinnenart einzigartig«, erklärt der Wissenschaftler. Die Wirkweise sei trotzdem oft gleich: Denn fast alle Spinnengifte lähmen Beutetiere, die Gifte greifen dazu das Nervensystem an.

Wenn die Bestandteile des Toxins anhand der Gene bestimmt sind, fokussieren sich die Wissenschaftler auf die interessantesten unter ihnen. »Das kann ein Wirkstoff sein, der ähnlich zu einem Wirkstoff ist, von dem wir bereits wissen, dass er nützlich ist.« So sei zum Beispiel das Gift der Trichterspinne vielversprechend bei der Behandlung von Schlaganfällen, ein Bestandteil des Toxins soll Hirnschäden verhindern. Wenn die Forscher einen vergleichbaren Stoff entdecken, würde sie ihn isolieren. »Dann benutzen wir Bakterien, um nur diesen Bestandteil des Giftes im Labor selbst zu produzieren.«

Forschung an Spinnen in Gießen: Bakterien als Toxinfabrik

Neben der Medizin könnten die Giftstoffe aber auch als Insektizide taugen. »Spinnengifte sind oft sehr spezialisiert«, sagt Lüddecke. Mit dem richtigen Cocktail könnten Schädlingen abgetötet, aber Bienen verschont werden. Der Forschungsprozess benötige dabei mehrere Jahre. Eineinhalb Jahre dauere es von der Spinne im Labor bis zum entschlüsselten Gift. Dann noch mal ein Jahr, bis die Forscher wissen, was ein Toxinbestandteil genau macht, und sie es herstellen können. Bis jetzt gebe es noch keine festen Kooperationen mit Unternehmen, aber bereits erste Anfragen.

Lüddecke will als Nächstes mit Ammen-Dornfingern arbeiten. Das sei eine Spinnenart, die vermehrt in Ost- und Norddeutschland vorkomme, und auch deren Gift sei bisher wenig erforscht. Ihr Biss ist für den Menschen besonders schmerzhaft. »Wie ein Wespenstich, nur dauert es 24 bis 48 Stunden, bis die Schmerzen abklingen.« Das könne zum Beispiel durch die Überstimulierung von Nerven ausgelöst werden. »Und das könnte zur Behandlung von Lähmungen interessant sein.«

Das gefährlichste Gifttier in Deutschland ist laut Lüddecke übrigens keine Spinne, sondern die Honigbiene. »Weil es sie so oft gibt.« Kein anderes giftiges Tier führe zu mehr medizinischen Notfällen.

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