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Interview zur Oberbürgermeisterwahl 2021

Frederik Bouffier (CDU) geht bei der OB-Wahl ins Rennen: „Mein Angebot ist lagerübergreifend“

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Frederik Bouffier - 30 Jahre alt, ledig, Rechtsanwalt, seit 2016 für die CDU im Stadtparlament - will bei der OB-Wahl am 26. September Oberbürgermeister von Gießen werden.

Herr Bouffier, welche Fähigkeiten muss der neue Gießener OB mitbringen?

Die Fähigkeit zum Konsens und Kompromiss. Und die Bereitschaft, zunächst allen Seiten zuzuhören, abzuwägen und dann erst zu entscheiden.

Welche Fähigkeit fehlt Ihnen für das Amt noch?

Das müssten Sie Menschen fragen, die mich lange kennen oder beobachten. Ich glaube, jeder kann dazulernen.

Wie steht’s um Ihre Führungsqualitäten?

Die habe ich. Sowohl im Beruf habe ich Führungskompetenz entwickelt als auch im politischen Ehrenamt. Dort habe ich ja schon auf verschiedenen Ebenen Verantwortung tragen dürfen. Ich glaube, das befähigt mich, es auch in einer größeren Verwaltung zu tun. Ich setze auf konsensuale Lösungen, ein autoritärer Stil ist nicht mehr zeitgemäß.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: Bouffier will „Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit“ angehen

Muss eine Stadt wie Gießen mit Law-and-Order-Mentalität geführt werden oder urban-liberal?

Beides. Damit eine Stadt lebenswert ist, braucht sie ein gewisses Maß an Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung. Das sagen übrigens Menschen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Ich glaube aber auch, dass ein gewisses Maß an Liberalität wichtig ist. Das Zusammenleben benötigt jedoch einen verbindlichen Rahmen, in dem sich alle bewegen.

Ihr Parteifreund Peter Neidel hat als Ordnungsdezernent mit Videoüberwachung, präsenter Ordnungspolizei und dem restriktiven Eingreifen an Uni-Platz, Lahnwiesen und Stadtpark zuletzt Akzente gesetzt. Werden Sie das ausbauen?

Ja. Ich möchte, dass Gießen eine lebendige Stadt ist, in der sich die Bürger wohlfühlen. Wenn aber überall Müll herumliegt, führt das nicht dazu, dass eine Stadt lebenswert ist. Die Gießener können sich sicher sein, dass die Themen Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit bei mir gut aufgehoben sind.

Wie soll sich Gießen unter Ihrer Führung verändern?

Gießen ist jung, offen, liberal und vielfältig. Das ist bereichernd. Und es soll so bleiben. Wir müssen den Stellenwert der Stadt in manchen Punkten aber stärker herausarbeiten. Wir haben große Hochschulen und damit gut ausgebildete Menschen in diesem, aber auch im klassischen Ausbildungsbereich. Eine Frage ist, wie können wir es schaffen, junge Unternehmer oder Startups an die Stadt zu binden? Ich würde auf kommunaler Ebene gerne einen Fonds auflegen oder anfangs wenn möglich kommunale Abgaben erlassen, um sie zu unterstützen. Das ist mit dem Wunsch verbunden, dass in der Stadt neue Arbeitsplätze entstehen. Außerdem müssen wir in der Digitalisierung massiv zulegen, nicht nur, aber auch in der Verwaltung. Wir sind eine forschungsstarke Stadt. Das sollte sich im Stadtbild stärker abbilden. Zum Beispiel beim Bezahlen von Parktickets. Das läuft hier noch wie in den 80ern. In der Digitalisierung schlummert Potenzial. Wir müssen da einen Sprung machen, denn wir haben viel zu lange gewartet.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: Kandidat Bouffier fasst Lahn ins Auge

Daher Ihr Motto: »Für unser Gießen von morgen«?

Genau. Damit meine ich nicht den 27. September (lacht). Ein passendes Beispiel ist die Diskussion um die Straßenbahn. Ich will die Stadt doch nicht mit Ideen aus dem 19. Jahrhundert gestalten, sondern in die Zukunft führen. Statt Straßenbahn brauchen wir vielleicht autonom und klimaneutral fahrende Busse, die man sich abends vor die Kneipe bestellen kann. Die Lahn ist auch ein wichtiges Thema für mich. Ich möchte sie mit einer Promenade, Sportangeboten wie zum Beispiel Beachvolleyballfeldern und der Lahnwelle gerne noch attraktiver machen und mehr integrieren.

Podiumsdiskussion am Samstag

Am Samstag (11.09.2021) laden die beiden großen Gießener Tageszeitungen zu einer Diskussionsveranstaltung mit allen Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl auf den Kirchenplatz ein. Die Details zum Termin gibt es hier.

Sie haben Digitalisierung und Wirtschaftsförderung angesprochen. Welche Themen würden Sie außerdem als Ihre großen Themen bezeichnen?

Für sozialen Zusammenhalt und Integration gibt es nichts Besseres als Sport. Auch um Werte zu vermitteln. Als Stadt müssen wir daher einen Schwerpunkt beim Sport, dem Ehrenamt und den Vereinen setzen. Beim Thema Wohnen ist mir wichtig, dass wir für alle Bevöllkerungsgruppen ein Angebot schaffen. Es ist selbstverständlich, dass wir den sozialen Wohnungsbau fördern müssen. Wir sollten aber mehr mit Belegungsrechten arbeiten. Privaten Bauherren müssen wir Steine aus dem Weg räumen, beispielsweise bei der Stellplatzsatzung, wenn sie aufstocken wollen. Und wir müssen Familien ermöglichen, in einem Häuschen oder einem Doppelhaus zu leben. Das findet man in Gießen kaum noch. Eine Stadt muss sich besonders um sozial Schwache kümmern, aber auch um jene, die sich den Traum eines eigenen Heims erfüllen möchten. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Zusammenarbeit mit dem Landkreis. Vor allem in Sachen Verkehr. Da werden wir nur entscheidende Fortschritte machen, wenn wir gut kooperieren.

Welche Dezernate würde sich Oberbürgermeister Bouffier aussuchen?

Für mich ist klar, dass zentrale Aspekte wie Personal, Finanzen und Stadtentwicklung beim Oberbürgermeister anzusiedeln sind. Über alles andere können wir kollegial sprechen. Man kann aber schon an meinen Schwerpunkten sehen, welche Dezernate ich gerne besetzen würde. Eine funktionierende Innenstadt ist mir beispielsweise auch ein wichtiges Anliegen. Dabei müssen wir diejenigen an einen Tisch bringen, die sich damit auskennen. BIDs, IHK, Kreishandwerkerschaft. Unsere Innenstadt wird sich verändern, noch haben wir die Chance, sie in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.

Ein großes Thema Ihrer Konkurrenten ist die Klimaneutralität. Das haben Sie bisher noch nicht erwähnt. Wie überzeugt sind Sie vom Klimaziel Gießen2035Null?

Das Ziel ist extrem ambitioniert. Ich kann mir vorstellen, dass vielen Gießenern nicht bewusst ist, was es bedeutet. Ich habe dazu aber viele Ideen. Ich habe autonom und klimaneutral fahrende Busse angesprochen. Wir können in unserem Fuhrpark viel machen, städtische Flächen begrünen, eine Pflicht für Solarflächen auf Neubauten einführen. Wir haben als CDU den Antrag mit den neu zu pflanzenden Bäumen eingebracht. Ich kann mir auch gut vorstellen, im Stadtgebiet sogenannte Algenbäume aufzustellen. Das ist eine Technologie, die Schadstoffe in der Luft bis zu 100-mal mehr in Sauerstoff umwandelt als Bäume. Wir werden das Ziel aber nur erreichen, wenn wir die Bürger mitnehmen, denn jeder muss helfen. Daher sollten wir in dieser Frage mehr mit Innovationsoffenheit und Anreizen und weniger mit Verboten arbeiten. Das ist der entscheidende Unterschied meiner Vorstellungen zu denen meiner Mitbewerber.

Wir sitzen am Brandplatz. Der soll laut Herrn Wright und der Koalition autofrei werden.

Wenn wir den Brandplatz nur autofrei machen, ist das für Ladenbetreiber und Arztpraxen problematisch. Und wir schließen den Teil der Bevölkerung aus, der nicht radfahren oder aus dem Parkhaus hierher laufen kann. Deshalb muss man sensibel sein. Ich möchte hier auch eine Veränderung. Beispielsweise mit einer Tiefgarage könnten wir die Erreichbarkeit sicherstellen und die Attraktivität erhöhen. Das ist mein Ziel. Das darüber nicht mal nachgedacht wird, zeigt mir leider die sehr engstirnige Sicht meiner Mitbewerber. In anderen Städten geht so etwas doch auch, zum Beispiel in Wiesbaden.

Eine autofreie Innenstadt ist mit Ihnen also nicht zu machen?

Nein, autofrei nicht. Autoärmer ja. Da bin ich nicht dagegen, ich will aber nichts übers Knie brechen. Erst ein Konzept besprechen, auch mit denen, die es betrifft, dann handeln - nicht umgekehrt. Das gilt auch für den Verkehrsversuch am Anlagenring. Gegenwärtig halte ich ihn für verfehlt.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen: „Dann finden wir pragmatische Lösungen“

Um die Klimaziele zu erreichen müssen aber auch schnelle Maßnahmen her.

Ja. Es gibt aber auch andere Maßnahmen, als nur gegen das Auto zu kämpfen. Wir wollen ja Klimaschutz, aber wir wollen auch attraktive Angebote für alle Verkehrsteilnehmer. Es geht um 2035. Wer weiß, ob es den Verbrennungsmotor dann noch gibt? Die Autos werden in Summe jedenfalls viel sauberer sein. Ich kann verstehen, dass man schnelle Lösungen anpeilt. Das ginge beispielweise durch unser Baumprogramm oder die Algenbäume. Aber bei einem so zentralen Verkehrsverteiler wie dem Anlagenring sollten wir den Verkehrsentwicklungsplan abwarten.

Um OB zu zu werden, reichen Ihnen die bürgerlichen Stimmen nicht. Wie wollen Sie Wähler aus dem linksliberalen Spektrum überzeugen?

Es stehen ja Personen zur Wahl, nicht politische Lager. Mein Angebot ist lagerübergreifend, für alle Bürger. Ich spüre aus unterschiedlichen Parteien, dass meine Themen auch dort wichtig sind. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass ich aus allen Bereichen einen hohen Stimmenanteil bekomme. Ich werde für die gesamte Bevölkerung ein offenes Ohr haben und alle Ideen in meine Entscheidungen einfließen lassen. Ich glaube, mit Offenheit und im Dialog kommt man da sehr weit.

Als OB müssen Sie mit den Linken in der Koalition an einen Tisch. Klappt das?

Dass die Koalition sich so gefunden hat, halte ich für unglücklich. Es ist unsere Pflicht, gemeinsam eine Politik zum Wohle der Stadt zu machen. Ich bin zuversichtlich.

Welche Botschaft haben Sie für Menschen in Nord- und Weststadt? Dort ist jedes vierte Kind von Armut betroffen.

Lassen Sie mich bitte kurz darüber nachdenken.

Gerne.

Es ist schwer, das in einer kurzen Botschaft zusammenzufassen, denn wir müssen für Kinder dort auf unterschiedlichen Ebenen etwas tun. Das Nordstadtzentrum hat zum Beispiel eine sehr wichtige Funktion. Wir müssen noch mehr Bildungsangebote schaffen. Ich habe den Aspekt des Sports eingebracht. Damit können wir Hoffnung und Ablenkung in den Alltag bringen und Werte vermitteln. Außerdem werde ich in jedem Stadtteil Bürgergespräche anbieten, um zu hören, welche Probleme es konkret gibt. Dann finden wir pragmatische Lösungen.

Bouffier bei der OB-Wahl in Gießen: „Mir ist bewusst, dass der Name bekannt ist“

Ist der Name Bouffier am 26. September ein Vorteil oder ein Nachteil?

Ach, wissen Sie. Mir ist bewusst, dass der Name bekannt ist. Mir ist aber wichtig, zu zeigen, dass ich zur Wahl stehe, dass ich meine eigene Agenda und meine eigenen Vorstellungen für diese Stadt habe. Wahrscheinlich müsste ich mit »Sowohl als auch« antworten. Ein Vorteil ist allerdings, dass ich in einer sehr politischen Familie aufgewachsen bin und dort viele Themen mitbekommen habe. Ich habe früh gelernt, dass mit Politik ein hohes Maß an Verantwortung einhergeht. Das habe ich verinnerlicht.

Wie geht die Wahl aus?

Es ist ein offenes Rennen. Ohne Amtsbonus. Ich gehe davon aus, dass es eine Stichwahl gibt. Alles andere ist im Moment schwer einzuschätzen.

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