Jörg Bergstedt
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Jörg Bergstedt

Mehr Wind machen

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Im Moment möchte Jörg Bergstedt vor allem eines: Wind machen. Das betonte der Aktivist von der Projektwerkstatt Saasen ausdrücklich, als er am Donnerstagabend im vorerst letzten Teil der Reihe "Verkehrswende in und um Gießen" sprach. "Die konkreten Vorschläge für Stadt und Umland" präsentierte er dabei nicht der üblichen Manier eines Vortrags, sondern im Dialog mit den Zuhörern. Über der Debatte schwebte die Sicht auf den Status quo. "Politiker halten ihr Fähnchen eben gerne in den Wind. Also lasst uns möglichst viel davon machen", fasste der Referent die Mélange aus Kritik, Optimismus und Veränderungswillen zusammen.

Begonnen hatte der Abend mit einer cineastischen Premiere. Die 17-minütige Neufassung des Verkehrswende-Films enthielt bereits alle später besprochenen Aspekte, darunter die autofreie Innenstadt und ein dichtes Netz von Fahrradstraßen, den Nulltarif im Gießener ÖPNV, eine Regiotram sowie eine Seilbahn zur Verbindung der Uni-Standorte. All das, erklärte Bergstedt, sei "weder eine Utopie noch ein Sofortprogramm, sondern ein Leitbild, das binnen fünf bis zehn Jahren umsetzbar ist". Freilich stünden politische Entscheider dem heute noch oft im Weg, indem sie allenfalls Flickschusterei betrieben, statt das große Ganze zu verändern. "Eine Wende ist nicht abzusehen", heißt es in dem Film. Und: "Der Autowahn geht ungebrochen weiter."

In der Debatte erhielt Bergstedt auf dem Podium Unterstützung von Jan Fleischhauer sowie Reinhard Bayer. Fleischhauer (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club), beleuchtete das Thema Fahrradstraßen in Gießen. Der frühere städtische Verkehrskoordinator Bayer stand Rede und Antwort zur RegioTram, die er als "Vision für die nächsten 50 Jahre" bezeichnete. Deren Netz müsse ausgehend von den Klinikstandorten erst Gießen und Marburg verbinden, dann auch mit Wetzlar und Butzbach. Bei alldem nahm er die Stadtregierung in die Pflicht, ein abgestimmtes Verkehrskonzept mit den großen Nachbarkommunen zu entwickeln.

Zu den ebenfalls heiß diskutierten Punkten zählte Bergstedts Plädoyer für eine "ökologische Abwrackprämie". Demnach könne man jeden, der sein Auto abschaffe, mit einer Gratis-Dauerkarte für den ÖPNV belohnen. Überhaupt komme der Nulltarif für alle die öffentliche Hand letztlich günstiger als das herrschende System aus Subventionen und Steuervergünstigungen für Pkw-Fahrer. Zugleich räumte der Aktivist ein, dass ein solcher Paradigmenwechsel begleitet sein müsste von Absprachen und Kompetenzverschiebungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Die Verkehrswende habe stets ökologische und soziale Aspekte zu vereinen. Beispiel autofreie Innenstadt: Werde sie Realität, steige sprunghaft die Aufenthaltsqualität. Das wiederum provoziere höhere Mieten. "Wir dürfen aber nicht in Kauf nehmen, dass sich am Ende nur noch wohlhabende Menschen einen Platz in der autofreien City leisten können", sagte Bergstedt. Diese "Gefahr einer ökologischen Gentrifizierung" stehe zumindest im Raum. Ein denkbares Regulativ sei die Prämisse, dass alle Ideen "nur Schritt für Schritt" umzusetzen und sozialpolitisch zu flankieren seien. Die neuen Bedingungen, zum Beispiel breite Fahrradstraßen, müssten dabei immer existieren, bevor man alte Komponenten, wie die Pkws, zurückdrängen könne.

Unterdessen planen der Uni-AStA und die lokalen Verkehrswendeinitiativen eine zweite Vortragsreihe, beginnend Mitte April. Die soll weitere theoretische Impulse liefern. Und natürlich jede Menge Wind. FOTO: CSK

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