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Warnstreik-Demo vor dem DGB-Haus in der Walltorstraße.

"Mehr Respekt" für einen "Knochenjob"

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Gießen (mö). "Mit Piloten und Lokführern kann ich Ihnen nicht dienen", begrüßte Jan Meyer am Mittwoch die Medienvertreter im Gewerkschaftshaus in der Walltorstraße. Der Begrüßungsspruch des Sekretärs der Industriegewerkschaft Bau hat einen ernsten Hintergrund, denn Meyer ist unter anderem für die Gebäude-, Glas- und Industriereiniger in Mittelhessen zuständig. Beschäftigte, die schlecht bezahlt würden, oft genug "unsichtbar" blieben und am "Ende der Nahrungskette" in einer Branche stünden, die in Deutschland einen Jahresumsatz von 18 Milliarden Euro erziele, wie Meyer sagt.

In Gießen und Frankfurt hatten sich am frühen Mittwochmorgen an dem Warnstreik nach Angaben der IG Bau rund 150 Beschäftigte des Unternehmens Piepenbrock beteiligt, die in der Region Einkaufszentren, Studentenwohnheime, Unigebäude oder Landesbehörden reinigen. Das Unternehmen, das in Gießen eine Niederlassung hat, gilt der IG Bau als "schwarzes Schaf" einer Branche, in der ohnehin "Wildwestmanieren" herrschten, wie Meyer sagte.

Hintergrund der bundesweiten Warnstreiks sind die Tarifgespräche im Gebäudereinigerhandwerk. Die sechste Verhandlungsrunde über einen neuen Rahmentarifvertrag ist ergebnislos geblieben. Der Rahmentarif ist von Arbeitgeberseite zum 31. Juli gekündigt worden. Die IG Bau wirft den Firmen vor, den tariflosen Zustand auszunutzen. Mitarbeiter würden gedrängt, geänderte Arbeitsverträge zu unterschreiben. Wer darauf eingehe, verliere Zuschläge oder Urlaubstage. Die Piepenbrock-Zentrale in Osnabrück wies die Vorwürfe als unzutreffend zurück.

Die IG Bau will auch, dass die Beschäftigten ein Weihnachtsgeld erhalten. "Wir haben das bislang nicht beziffert, aber es geht darum, dass die Beschäftigten Anerkennung und Respekt für zwölf Monate Arbeit in einem Knochenjob erhalten", sagte Meyer. Der Branchenmindestlohn beträgt momentan 10,56 Euro die Stunde. Etliche Beschäftigte stünden aufgrund ihrer Lebenssituation als Alleinerziehende oder geduldete Ausländer unter Druck und seien erpressbar, was ihre Arbeitsbedingungen betreffe. Meyer: "Das Gewerbe ist weiblich und migrantisch."

Begrüßt vom Gewerkschafter wird die Entscheidung der Stadt Gießen, städtische Liegenschaften wieder vermehrt von eigenen statt von Reinigungskräften privater Firmen säubern zu lassen.

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