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Der weit überwiegende Teil der Geflüchteten in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung hält sich an die Regeln.

Kriminalität von Geflüchteten

Mehr Polizeieinsätze in Gießens Erstaufnahmeeinrichtung: Die Männer aus Haus 20

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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In der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen nehmen Polizeieinsätze zu. Grund dafür ist ein Mix aus Corona-Stress und Perspektivlosigkeit.

Gießen – Haus 20 liegt am Rande des Gebäudekomplexes im ehemaligen US-Depot, in dem 1969 Geflüchtete untergebracht sind. In dem rot-braunen Klinkerhaus leben alleinreisende, meist junge Männer. Diese Konzentration von Testosteron, Corona-Stress und Perspektivlosigkeit hat wohl dafür gesorgt, dass sich die Zahl der Polizeieinsätze in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen (EAEH) in Gießen deutlich erhöht hat. Der für die Einrichtung verantwortliche Abteilungsdirektor beim Regierungspräsidium (RP) Gießen, Manfred Becker, spricht von weniger als 100 der knapp 2000 Bewohnerinnen und Bewohner, die öfter für Ärger sorgten. Der weit überwiegende Teil der Menschen verhalte sich unauffällig und regelkonform.

Fünf Polizeibeamte der für die EAEH zuständigen Wache Nord hatten über eine Überlastung geklagt: Im Schnitt dreimal am Tag seien sie dort. Polizeipräsident Bernd Paul bestätigte, dass sich die Zahl der Einsätze erhöht hat - von 107 in 2018 auf 334 im vergangenen Jahr. Er betonte, dass das Revier nicht überlastet, aber sehr wohl belastet sei durch die Einsätze an der Rödgener Straße. „Wir stehen mit der Polizei in Kontakt“, sagt Becker. Dass die Polizeibeamten an die Öffentlichkeit gegangen sind, habe ihn überrascht.

Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen: Mehr Polizeieinsätze als im Jahr 2020

Warum die Polizei 2020 im Vergleich zu den Vorjahren viel öfter in die EAEH gerufen wurde, hat nicht den einen Grund. Becker ist es wichtig, zu betonen, dass „der große Teil der Menschen nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben gekommen ist“ - und nicht, um kriminell tätig zu werden.

Vor allem die Auswirkungen der Pandemie haben laut Becker zu „Corona-Stress“ geführt: „Die Menschen haben eine nicht einfache Flucht hinter sich und kommen oft aus Verfolgerstaaten. Und dann müssen sie hier gleich in Quarantäne, dürfen das Gelände nicht verlassen.“ Es sei überall so, dass Konflikte entstünden, je dichter Menschen zusammenlebten. Täglich seien es aktuell etwa 50 Menschen, die neu in die EAEH kommen. Bereits im Quarantänebereich, in dem die Asylbewerber 14 Tage verbringen, gebe es Schwierigkeiten, sagt Becker. Weil sich alleinreisende Männer und Familien hier nicht trennen ließen, fühlten sich manche Familien nicht sicher. Die Einrichtungsleitung versucht, mit zusätzlichen Sicherheitskräften gegenzusteuern.

Gießen: Eingeschränkte Sozialbetreuung in der Erstaufnahmeeinrichtung

Entscheidend ist vor allem die stark eingeschränkte Sozialbetreuung; Problemen können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter maximal nur auf Distanz begegnen. Es gibt keine Sport- und Gruppenangebote wie die von Studierenden, die mit Geflüchteten Fußball spielen; Ehrenamtliche dürfen die Einrichtung nicht betreten. „Bei den Angeboten hat ein Aggressionsabbau stattgefunden, der nun andere Ventile sucht“, sagt Becker.

Hinzu kommen die Auswirkungen des Geordnete-Rückkehr-Gesetzes, betont er: Dies habe eine verlängerte Aufenthaltsdauer von Geflüchteten zur Folge; sie bleiben maximal 18 Monate in der EAEH. Die Idee dahinter sei, dass abgelehnte Asylbewerber aus großen Einrichtungen wie der Gießener besser abgeschoben werden können als aus Orten, in denen sie schnell eingebunden und verwurzelt sind. Doch wie soll das funktionieren, wenn die Aufnahmebereitschaft von Ländern wie Algerien oder Marokko gering ist? Becker sagt: „18 Monate ohne eine Perspektive sind lang.“

Vor allem in Haus 20, sagt Becker, gebe es deshalb immer wieder Streit zwischen den Männern. Es komme zu Schlägereien, Beleidigungen oder zu Diebstahl. Die Beute, die einige wenige der Männer außerhalb der EAEH machten, würden sie in der Einrichtung zum Kauf anbieten. Für Becker macht es den Anschein, dass sich ein kleiner Teil dieser Gruppe organisiert habe und „eventuell von außen gesteuert“ werde. „Wir beobachten das und versuchen, Seilschaften durch Verlegungen zu trennen.“ Ein zusätzlicher Schritt ist der Bau von zwei Leichtbauhallen für insgesamt 290 Menschen, in denen vor allem alleinreisende Männer Platz finden sollen.

Gießen: Sicherheitsstruktur in EAEH

Dass sich die Belegungsstruktur ändern wird, ist nicht zu erwarten. Als im vergangenen Jahr die europäischen Grenzen dichtgemacht wurden, hätten es geflüchtete Familien kaum nach Deutschland geschafft - aber dafür alleinreisende Männer über die „grüne Grenze“, sagt Becker. Hinzu kommt: Gießen ist in Hessen der größte Standort, um Geflüchtete unterzubringen - mit der entsprechenden Sicherheitsstruktur. Also werden alleinreisende Männer weiter hier untergebracht. Was am Ende bleibt, um dem sehr kleinen Teil der Bewohner zu begegnen, die immer wieder für Ärger sorgen? „Repression“, sagt Becker, „aber das ist Sache der Justiz.“

Hier berichtet ein ehemaliger Bewohner der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung über die Lage in der Erstaufnahmeeinrichtung. Er spricht von einem kleinen Personenkreis, der Probleme mache und wie eine „Mafia im Camp“ sei.

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