Die geschichtsträchtigen Talare haben jetzt einen adäquaten Ort gefunden. FOTO: PV
+
Die geschichtsträchtigen Talare haben jetzt einen adäquaten Ort gefunden. FOTO: PV

Mehr als Muff und Märchen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
    schließen

Talare sind das Symbol der Universität. Oder besser gesagt: Sie waren es. Heute werden die Roben der Gießener Uni nur noch bei besonderen Anlässen im Ausland hervorgeholt. Die Talare zeugen von einer Geschichte, die Krieg, 68er-Protest und sogar die Brüder Grimm umfasst.

Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren: Der Schlachtruf der 68er-Bewegung zeigt, welch verstaubtes Image die universitären Gewänder hatten. Die Talare wurden daher samt passender Kopfbedeckung, genannt Barett, an den Hochschulen des Landes schon vor langer Zeit eingemottet. Dr. Alissa Theiß, die Sammlungskoordinatorin des Justus-Liebig-Universität, hat die Kisten jetzt wieder hervorgekramt und 70 vollständig erhaltene Sätze ansprechend präsentiert. Schließlich sind die Gewänder eindrucksvolle Belege einer bewegten Geschichte.

Talare waren nicht nur repräsentativ, sie belegten auch bestimmte Zugehörigkeiten, wie Theiß erklärt: "Jeder Fakultät war eine bestimmte Farbe zugeordnet. Eine Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht. Der Talar als Gelehrtentracht reicht sogar bis in die Zeit der ersten Universitäten im Mittelalter zurück." Kein Wunder also, dass die Talare Kleidungsstücke für Männer waren. Seinerzeit suchte man Frauen an den Hochschulen vergeblich.

Verbindung zu den Brüdern Grimm

Die Farbzuordnungen waren von Uni zu Uni verschieden. In Gießen waren Blau, Grün, Violett, Hellgrau und Rot vertreten. "Rot steht beispielsweise für die Medizin. Für die Dekane der Fachbereiche waren Talar und Barett komplett in dieser Farbe gehalten, im klassischen Schwarz dagegen die Barette und Talare der Professoren, allerdings mit breiten Samtbesätzen in der jeweiligen Fakultätsfarbe", sagt Theiß. Die Gießener Talare gehören damit zu den eher bescheidenen Vertretern. Bei anderen Universitäten trat der Rektor hingegen mitunter mit goldbesticktem Prunktalar aus rotem Samt und echtem Pelzbesatz auf.

Die ältesten erhaltenen Gießener Exemplare stammen aus dem Jahr 1925, als die Gewänder nur dem Rektor und Dekanen vorbehalten waren. "Der Entwurf stammt von der Künstlerin Hanna Ubbelohde, Ehefrau von Otto Ubbelohde, der unter anderem durch seine Illustrationen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm bekannt geworden ist", sagt Theiß. Otto Ubbelohde hatte 1912 seine erste eigene Ausstellung in Gießen gezeigt, im Sommersemester 1918 verlieh ihm die Uni sogar den Ehrendoktortitel. Seine Ehefrau beschäftigte sich seit 1900 mit Textildesign, wie die Sammlungskoordinatorin erzählt. "Übrigens soll auch Martin Heideggers berühmter ›existentieller Anzug‹ auf einen Ubbelohde-Entwurf zurückgehen."

Der Ubbelohde-Talar besteht aus schwarzem Samt mit umlaufendem Mäanderband an Ärmelabschluss und Halsausschnitt, das ähnlich einer Stola über die Brust bis hinunter zum Saum führt. Dieses Exemplar ist eins der wenigen, die von der ursprünglichen Ausstattung erhalten geblieben sind. Denn 1940 wurden die schwarzen Talare gegen solche aus braunem Uniformstoff ausgetauscht. Der Grund: Im Nationalsozialismus zählten Talare zur regulären Festkleidung der Professoren, und die sollte farblich zur Parteiuniform passen. Doch die neuen Stücke kamen nicht sonderlich gut an, wie man den Worten von Rektor Clemens Heselhaus entnehmen kann. Im Jubiläumsband zur zehnjährigen Wiedereröffnung der Gießener Uni im Jahr 1967 schrieb er: "Zum Glück hat der damalige Gießener Senat diese Geschmacklosigkeit im Winter 1942 der NS-Winterhilfe zur Verfügung gestellt." Die Spende der unliebsamen Stücke hatte zur Folge, dass die Gießener Uni auch einige Jahre später keine Talare besaß. Erst 1952 wurden neue angeschafft.

Nach 1968 und den damit einhergehenden Studentenprotesten wurden die Talare fast überall in Deutschland aus dem Uni-Alltag verbannt. "In Bonn wurde das Talar-Tragen hingegen nie abgeschafft. Andere Unis haben es wieder eingeführt, so tragen in Heidelberg Präsidium und Dekane seit 2001 wieder Talare bei festlichen Anlässen", erzählt Theiß und fügt an, dass einige ostdeutsche Unis Talare nach der Wiedervereinigung bewusst als Zeichen der unabhängigen Wissenschaft eingeführt haben. In Gießen wird nur der Ubbelohde-Talar noch getragen, und das nur bei Feierlichkeiten im Ausland.

Die Talare aus den 50ern waren jahrelang in einem Gebäude in der Senckenbergstraße 5 untergebracht. Also jenem Ort, den Studenten im Herbst 2018 besetzten und damit gegen Wohnungsnot protestieren wollten. "Ob die Hausbesetzer die Talare entdeckten, muss offen bleiben. Jedenfalls ist keines der Stücke zu Schaden gekommen", sagt Theiß.

Von Hausbesetzern verschont

Vor Kurzem sind die Roben in adäquate Sammlungsräume umgezogen. Hier besteht auch keine Gefahr, dass sie durch studentische Protestaktionen zu Schaden kommen. Das wäre auch bedauernswert, wie Theiß betont. "Die Talare können uns heute viel über die Vergangenheit berichten." Und das ganz konkret, denn in jedem einzelnen Barett ist der Name des besitzenden Professors vermerkt. Manchmal handschriftlich auf Papier gekritzelt und mit Klebeband festgemacht, in anderen Fällen mit goldenem Faden filigran eingestickt.

In Gießen kommen die Talare also jetzt wieder ans Tageslicht. Weil sie neben dem "Muff aus 1000 Jahren" auch Zeugnis sind von jahrhundertealter Macht, Mode und Männerdomäne.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare