Mehr Menschen statt Maschinen

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier haben jetzt die Uniklinik Gießen besucht. Sie wollten wissen, wie Corona-Patienten versorgt werden. Professor Werner Seeger betonte, aktuell seien es nicht die Beatmungsgeräte, die fehlten, sondern ausgebildete, spezialisierte Pflegekräfte.

Lena Müller ist seit 14 Jahren Intensivpflegekraft am Universitätsklinikum Gießen. Momentan betreut sie gemeinsam mit ihren Kollegen auf der Intensivstation 18 Patienten, die mit dem Corona-Virus infiziert sind und beatmet werden müssen. Auf eine solche Pandemie, sagt sie, sei man auch mit so viel Berufserfahrung nicht vorbereitet. "Das ist belastend", sagt die Mutter eines eineinhalbjährigen Kindes. "Viele haben Angst, dass es so wird wie in Italien" - dort, wo Militärfahrzeugkolonnen die Toten abtransportieren mussten. Müller schweigt kurz, bevor sie sagt: "Ich habe den Beruf nicht erlernt, um solche Erfahrungen machen zu müssen."

Lena Müller ist eine der Ansprechpartner des Uniklinikums, die am Dienstag Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Hessens Ministerpräsidenten Volker Bouffier, Kanzleramtsminister Helge Braun und Hessens Sozialminister Kai Klose Einblick in ihren Alltag in Zeiten der Corona-Pandemie gegeben haben. Für Bouffier und Braun als Gießener ist es ein Heimspiel; aber dass Spahn hier zu Besuch ist, hat weitere Gründe. Zum einen wird er in Wiesbaden beim Hessischen Corona-Kabinett erwartet. Zum anderen ist das UKGM ein Führungsstandort des Deutschen Zentrums für Lungenforschung. Hier entsteht das Bund-Land-Institut für Lungengesundheit. Außerdem laufen unter Gießener Leitung Studien zu Corona-induziertem Lungenversagen .

Eben weil die Uniklinik ein überregionales Lungenzentrum ist, gibt es viele Intensivbetten mit Beatmung: 153 an der Zahl. Jedoch wird ein großer Teil für Nicht-Corona-Patienten gebraucht - beispielsweise nach einer Lungentransplantation oder für die Herz- und Kinderherzchirurgie. Deshalb wird nun aufgestockt: Das Ziel sind 193 Intensivbetten mit Beatmung.

Es sind aber nicht die Beatmungsmaschinen, die dem Mediziner Professor Werner Seeger Sorge bereiten. Es ist das Fehlen von Pflegekräften. 65 gibt es am UKGM in diesem Pflegebereich; laut Seeger würden weitere 60 bis 80 Mitarbeiter gebraucht. Deshalb werden Studierende mit Vorerfahrung in der Pflege, ehemaliges Intensivpersonal oder Schüler im dritten Ausbildungsjahr rekrutiert. Teilzeitkräfte arbeiten Vollzeit, alle machen Überstunden. Seeger bemüht einen Fußballvergleich: "Ein Satz neuer Trikots bedeutet noch keinen Sieg in der Championsleague." Soll heißen: Mehr Geräte sind ja schön und gut, aber gebraucht werden vor allem Fachleute, die sich mit der Technik auskennen. Denn eine Beatmung der Lunge kann eine schädigende Wirkung auf das Organ und den Organismus haben. Dies gelte es zu minimieren, betont Seeger.

Hinzu kommt: Die Behandlung von Corona-Patienten ist sehr personal- und zeitintensiv. Lena Müller und der Arzt Dr. Jörn Kemmerling haben sich vor der Intensivstation in voller Montur aufgestellt, um den Politikern einen Eindruck von ihrem Alltag zu vermitteln; sie sehen aus wie vom Kampfmittelräumdienst - nur mit Fokus auf Sterilität. Das macht Eindruck. Die Besucher können den Aufwand erahnen, den die Mitarbeiter des Uniklinikums betreiben, um Menschenleben zu retten. Alleine um sich zu desinfizieren sowie an- und auszuziehen, brauchen sie zehn Minuten. "Früher war das viel schneller erledigt", sagt Kemmerling.

Schleuse eingebaut

Um reibungslose Arbeitsabläufe zu schaffen, gibt es auf der Intensivstation eine provisorische Schleuse: Im hinteren Bereich werden die Intensivpatienten betreut, im vorderen das benötigte Material gelagert. Und die Retter können hier auch mal durchatmen. Deshalb sind klare Abläufe nötig. Mal eben hin- und herlaufen, funktioniert nicht. "Jeder Weg muss wohlüberlegt sein", sagt Kemmerling.

Spahn wird später in die Fernsehkameras sagen, wie gut das Uniklinikum aufgestellt sei. Und Bouffier betont: "Was hier geleistet wird, ist großartig." Als sich die Politiker mit den Ärzten für weitere Gespräche zurückgezogen haben, kommt ein Pfleger der Station vorbei. Er sagt, es seien ja nicht nur Pflegekräfte und Ärzte, die am Limit arbeiteten. Man dürfe nicht die Reinigungskräfte, die Labortechniker oder die Security vergessen. Als er sich verabschiedet, fällt der Blick auf sein Namensschild. Darauf hat er mit schwarzem Filzstift eine Sonne gemalt. Und geschrieben: "Wir schaffen das."

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