Es wird eng: In Containern ist eine neue Wohngruppe der Forensischen Klinik an der Licher Straße untergebracht. FOTO: SCHEPP
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Es wird eng: In Containern ist eine neue Wohngruppe der Forensischen Klinik an der Licher Straße untergebracht. FOTO: SCHEPP

Mehr kranke Straftäter

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Gießen(kw). Immer mehr Straftäter werden von Gerichten in Kliniken eingewiesen, weil sie als psychisch krank gelten. Entsprechend eng wird es in der Klinik für forensische Psychiatrie Gießen. Als Ausweichquartier stehen seit kurzem Wohncontainer auf dem Gelände an der Licher Straße. Darin ist eine Wohngruppe mit sechs Plätzen untergebracht. Patienten, die als nicht mehr gefährlich gelten, werden dort auf ihre Entlassung vorbereitet. Das erklärte die Ärztliche Direktorin Dr. Beate Eusterschulte im Gießener Forensikbeirat.

Ursachen von Gewalt verstehen

Gießen ist eine Außenstelle der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Haina. Sie ist derzeit mit 393 Patienten belegt, 155 davon in Gießen. Hessenweit sind gut 570 psychisch kranke Menschen im sogenannten Maßregelvollzug untergebracht.

Erhebliche Einschränkungen brachte die erste Phase der Corona-Pandemie, erklärte Eusterschulte. In der Zeit des Lockdowns ab Mitte März waren weder Besuche gestattet, noch wurden Patienten - wie sonst im Rahmen der Vorbereitung auf die Entlassung üblich - beurlaubt. Sie mussten sich vorwiegend auf dem Klinikgelände aufhalten. Seit Juni/Juli dürfen Patienten wieder Besuch bekommen und an externen Maßnahmen teilnehmen, so die Ärztliche Direktorin. Ihr Zwischenfazit fällt positiv aus. "Größere Infektionsgeschehen hatten wir nicht zu verzeichnen."

In Gießen gab es vor 15 Jahren eine umfassenden Umbau und eine Erweiterung der bis dahin dramatisch überbelegten Klinik. Nun sind auch Neubauten in Haina geplant. Mehr Platz brauche man für Einzelzimmer, da Drei- oder Vier-Bett-Zimmer nicht mehr den Anforderungen entsprächen, sagte Matthias Müller, Geschäftsführer von Vitos Haina. Auf GAZ-Nachfrage erläuterte ein Sprecher, in Gießen gebe es auf einzelnen Stationen noch Mehrbettzimmer.

Einblicke in den Klinikalltag gewährte Eusterschulte mit einem Vortrag zum Umgang mit Aggression und Gewalt, "eines der Themen mit oberster Priorität in den forensischen Kliniken". Nötig sei ein tiefer gehendes Verständnis für die Entstehung, Aufrechterhaltung und Begünstigung von Gewalt und Aggressionen. Der Vortrag vermittelt wissenschaftliche Grundlagen, Verfahren zur Risikobeurteilung und Maßnahmen zur Prävention und Deeskalation gewalttätigen Verhaltens.

Als neuer stellvertretender Ärztlicher Direktor stellte sich Dr. Sven Krimmer vor. Er folgt er auf Dr. Volker Hofstetter, der Ende Juni nach mehr als 30 Jahren in Vitos Kliniken für forensische Psychiatrie in den Ruhestand verabschiedet wurde. Krimmer arbeitet seit 2007 in der Klinik.

Weder in Gießen noch in Haina gab es in den letzten Monaten "Entweichungen". In Gießen sorgte im Juni kurzzeitig die Vermutung für Aufregung, in der Nähe sei eine Weltkriegsbombe gefunden worden. Es gab zwar Entwarnung, doch falls eine Evakuierung nötig würde, gebe es dafür ein mit dem hessischen Sozialministerium abgestimmtes Konzept, hieß es. Der Gießener Forensikbeirat wurde 2003 gegründet, um die damals beginnende Erweiterung der Klinik zu begleiten. Vertreter unterschiedlicher Gruppen sollen informiert sein, um zu verhindern, dass in der Öffentlichkeit unbegründete Ängste entstehen. Der Vorsitz liegt bei OB Dietlind Grabe-Bolz.

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