Kann Gießen in den nächsten zwei Jahren 85 zusätzliche Stellen in den Kindertagesstätten und der Tagespflege besetzen? Stadträtin Gerda Weigel-Greilich ist skeptisch. SYMBOLFOTO: DPA
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Kann Gießen in den nächsten zwei Jahren 85 zusätzliche Stellen in den Kindertagesstätten und der Tagespflege besetzen? Stadträtin Gerda Weigel-Greilich ist skeptisch. SYMBOLFOTO: DPA

Mehr Kita-Personal - aber wie?

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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85 zusätzliche Stellen dank 4,6 Millionen Euro mehr Geld: Auf den ersten Blick klingt verheißungsvoll, was das "Gute-Kita-Gesetz" für Gießen bedeuten wird. Beim näheren Hinsehen wird klar: Die Sache hat mindestens einen Haken.

Die Erzieherinnen und Erzieher können sich mehr Zeit nehmen für jedes Kind. Das trägt bei zu fairen Chancen beim Start ins Leben und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Eltern. Das "Gute-Kita-Gesetz" der Bundesregierung soll auch in Gießen für mehr Personal in den Kindertagesstätten und bei Tagesmüttern und -vätern sorgen. Die Zielmarke von 85 zusätzlichen Vollzeitstellen in den nächsten zwei Jahren sei allerdings voraussichtlich "nicht zu schaffen", sagte Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) im Jugendhilfeausschuss.

Den gut 60 Einrichtungen in Gießen würde die Umsetzung 4,6 Millionen Euro mehr Geld pro Jahr zur Finanzierung des Personal-Plus bescheren. Geschenkt bekommt die Stadt die bessere Ausstattung allerdings nicht. Fast die Hälfte, nämlich 2,2 Mio. Euro, muss sie selbst beisteuern. Der Rest kommt vom Bund und Land.

Der große Haken ist indes der Fachkräftemangel: Bundesweit gibt es zu wenige Erzieherinnen und Erzieher. Weigel-Greilich wies darauf hin, dass die Stadt Gießen sich seit Jahren um Lösungen bemüht. Über die neu konzipierte Tagespflege-Qualifizierung könnten manche den Weg zur Ausbildung finden, ebenso über die "Alltagsassistenz" in den Kitas. Erste Interessentinnen gebe es bereits. Sie hoffe zudem auf Quereinsteiger, die sich wegen der Corona-Krise beruflich neu orientieren wollen, ergänzt die Jugenddezernentin im GAZ-Gespräch.

Die Schaffung der 15 Assistenz-Stellen für U 3-Gruppen vor einem Jahr war ein Tabubruch, den maßgeblich Weigel-Greilich durchgesetzt hat. Die Helferinnen und Helfer sollen Erzieherinnen nicht ersetzen, sondern entlasten. Damit erhalten Menschen eine Chance, die gerne im Kindergarten arbeiten würden und durchaus dafür geeignet wären, denen aber die formale Qualifikation fehlt.

Das "Gute-Kita-Gesetz" erlaubt nun, dass bis zu 15 Prozent des Personals andere Ausbildungen haben dürfen. Natürlich müssten sie trotzdem pädagogisch qualifiziert sein, unterstreicht Weigel-Greilich. Es könne auch fachlich sinnvoll sein, wenn verschiedene Professionen zusammenarbeiten. Die bisherige "Starrheit" zugunsten einer größeren "Durchlässigkeit" aufzugeben, sei aber schlicht nötig.

Denn das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage droht weiter auseinanderzuklaffen. Die Zahl der Kinder in Gießen steigt, es werden ständig weitere Kitas gebaut, derzeit etwa im Baugebiet Alter Flughafen. Zugleich nähern sich viele Erzieherinnen der starken Geburtsjahrgänge dem Ruhestand.

Annette Berndt ist neue ASD-Leiterin

An den Jugendhilfeausschuss plädierte Weigel-Greilich, diesmal keine höheren "Gießener" Standards für den Personalschlüssel festzulegen. Man solle nicht hinausgehen über die Vorgaben des neuen Gesetzes. Dabei sehen einige Fachleute noch Diskussionsbedarf, wie Gaby Nickel von der Arbeiterwohlfahrt anmerkte.

Die bisherige Jugendhilfeplanerin Annette Berndt wurde als neue Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes vorgestellt. Wie berichtet, ist die bisherige Stelleninhaberin nach etlichen Problemen nur noch für Flüchtlinge verantwortlich; unter Berndt soll der ASD bürgerfreundlicher werden. Weitere Themen der Sitzung waren Drogenprävention nach isländischem Modell und die neuen Förderrichtlinien für Projekte und Freizeiten (Berichte folgen).

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