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Nie mehr Grenzgänger

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Die Oberbürgermeisterin schwärmt vom Kindersommer in Thüringen. Der Hessische Ministerpräsident aus Gießen wäre vor 30 Jahren fast in Erfurt gelandet. Dort, wo ein früherer Karstadt-Azubi seit 2014 die Regierungsgeschäfte führt. Dietlind Grabe-Bolz, Volker Bouffier und Bodo Ramelow haben deutsch- deutsche Geschichten geschrieben - große und öffentliche, kleine und private.

Auch für Hessen und Thüringen ist heute ein großer Tag. Im November vor 30 Jahren wurden zwischen Fulda und Meiningen, zwischen Bad Hersfeld und Eisenach die ersten Breschen in die Grenze geschlagen, die Deutschland hier über Jahrzehnte getrennt hatte. Im früheren Niemandsland werden sich am Morgen die beiden Ministerpräsidenten der Bundesländer Hessen und Thüringen, Volker Bouffier und Bodo Ramelow, bei den offiziellen Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls treffen.

Gut möglich, dass die Begegnung der beiden doch so unterschiedlichen Politiker mit einem Smalltalk über den Seltersweg beginnt. Denn dort haben sie einst bei Karstadt gearbeitet, ohne etwas voneinander zu wissen. Anfang der 70er Jahre absolvierte Ramelow (Jahrgang 1956) eine kaufmännische Lehre, Bouffier (Jahrgang 1951) arbeitete im Kaufhaus während seines Studiums.

Als vor 30 Jahren die Grenze geöffnet wurde, waren der Linke und der Konservative in unterschiedlichen Funktionen mit den Ereignissen befasst. Bouffier war Staatssekretär im Wiesbadener Justizministerium. Nach der staatlichen Wiedervereinigung 1990 sollte er Justizminister in Thüringen werden, blieb dann aber doch in Hessen. Die Stunden der Grenzöffnung erlebte der Politiker, der ausnahmsweise zu Hause in Gießen war, am Fernseher. "Meine Frau hat mich gerufen: Schau mal, da passiert etwas in Berlin, die Mauer geht auf", erinnert sich der heutige "MP" an den 9. November 1989. Wenige Tage zuvor, am 4. November, war er nach Ostberlin gefahren, um sich die Riesendemonstration auf dem Alexanderplatz anzuschauen. Über diese Reise gibt es einen Vermerk in seiner Akte der damals noch intakten DDR-Staatssicherheit, die Bouffier, der nur "B." genannt wurde, seit 1985 als "prominent" geführt hatte. Ausgewertet von der Stasi wurde dabei auch die Gießener Allgemeine Zeitung, die eine Hauptquelle der Stasi war, um den aufstrebenden CDU-Mann auszuforschen.

Mit ganz anderen Fragen war vor 30 Jahren Bodo Ramelow befasst. Als hauptamtlicher Sekretär der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen in Gießen bekämpfte er die Entscheidung der Hessischen Landesregierung, dass die Geschäfte an den Sonntagen nach dem 9. November öffnen konnten. "Wir sollten menschliche Hilfe anbieten, aber keinen Konsumrausch anheizen", sagte Ramelow damals. Die meisten Geschäfte, darunter Karstadt, nutzten die Sonderregelung übrigens nicht. Bereits 1990 vollzog Ramelow den Schritt, den Bouffier nicht ging, und half in Thüringen beim Aufbau einer Gewerkschaftsorganisation.

Fast mit allen Sinnen dabei ist Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, wenn es um die Wendezeit vor 30 Jahren geht. "Als die Trabis 1989 in Gießen ankamen, rochen deren spezielle Zweitakter-Emissionen wie Duft in meiner Nase; Duft gespeist durch die glücklichen Kindheitserinnerungen bei den Besuchen in der DDR. Noch heute wird mir warm ums Herz, wenn ich die thüringische Mundart oder Sprachmelodie höre", sagt die SPD-Politikerin.

Die deutsche Teilung hat sie - wie Millionen andere auch - durch die Geschichte der Familie am eigenen Leib erfahren. "Nahezu jedes Jahr verbrachte unsere Familie seit Ende der 1950er Jahre die ganzen Sommerferien bei den geliebten Großeltern in dem mittelalterlichen Städtchen Mühlhausen in Thüringen", erzählt Grabe-Bolz. Beide Eltern kamen von dort. Ihr Vater verließ die Sowjetische Besatzungszone vor der Gründung der DDR 1949, ihre Mutter folgte ihm - der Liebe wegen - nach der Gründung im Jahr 1950. Ihr Vater verlor deswegen seine Stelle als Volkspolizist. Als "Republikflüchtling" durfte sie die ersten Jahre nicht mit ihren Kindern zu ihren Verwandten reisen.

Die "Kindersommer" im Osten waren traumhaft. Mangel und Mühen des Alltags nahmen die Mädchen kaum wahr und fühlten sich "wie im Paradies auf Erden". Da waren der riesige Schrebergarten, die Datsche und der Badetümpel nebenan. "Als Jugendliche genossen wir den ›Sonderstatus‹, den wir als Westdeutsche hatten. Drei Mädels mit Jeans und Parka und der ›Aura der Freiheit‹ waren schon ein großer Anziehungspunkt nicht weniger Mühlhäuser Jungens", erzählt die OB.

Jeder Abschied sei schwer gewesen: "Tränen flossen wegen der bevorstehenden langen Trennung und der immer mitschwingenden Ungewissheit, wann und ob man sich wiedersieht." Rückfahrt wie Hinfahrt im "Interzonenzug" sei sehr beschwerlich gewesen. "Oft mussten wir stundenlang bei Wind und Wetter am Bahnsteig stehen und warten. Schon vor der Grenze bekamen wir Kinder bisweilen Sprechverbot, da wir immer etwas Unerlaubtes mitnahmen." Den Fall der Mauer am 9. November 1989 habe sie kaum glauben können. Ihre Großeltern erlebten diesen großen Tag nicht mehr. "Sie waren wenige Jahre zuvor verstorben."

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