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Mehr als ein frommes Märchen

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Von: Julian Wessel

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Gießen (juw). Kein Autor des 19. Jahrhunderts hat sich so stark mit sozialen Missständen beschäftigt wie Charles Dickens (1812-1870). Der Engländer hat die Abgründe der viktorianischen Gesellschaft in Weltliteratur verwandelt, darunter die Romane »Oliver Twist« oder »David Copperfield«. Dass der Brite auch ein Meister der kurzen Form ist, bewies Rainer Hustedt, Ensemblemitglied des Gießener Stadttheaters, bei »Foyer um fünf« mit seiner Interpretation von Dickens eher unbekannten »Geschichte vom armen Verwandten« (1852). Darin wird ein einsamer Mensch porträtiert, dem es nicht gelingt, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, der alles verloren hat – bis auf seine Fantasie.

Gießen (juw). Kein Autor des 19. Jahrhunderts hat sich so stark mit sozialen Missständen beschäftigt wie Charles Dickens (1812-1870). Der Engländer hat die Abgründe der viktorianischen Gesellschaft in Weltliteratur verwandelt, darunter die Romane »Oliver Twist« oder »David Copperfield«. Dass der Brite auch ein Meister der kurzen Form ist, bewies Rainer Hustedt, Ensemblemitglied des Gießener Stadttheaters, bei »Foyer um fünf« mit seiner Interpretation von Dickens eher unbekannten »Geschichte vom armen Verwandten« (1852). Darin wird ein einsamer Mensch porträtiert, dem es nicht gelingt, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, der alles verloren hat – bis auf seine Fantasie.

Ausgesucht hatte den Text Monika Kosik für die beliebte Veranstaltungsreihe »Foyer um fünf« im Stadttheater. »Bei Dickens‹ Texten kann man Lachen und Weinen zugleich«, erklärte die Schauspieldramaturgin. »Dickens hat etwas, das vielen modernen Autoren abgeht: Barmherzigkeit für seine Figuren, die oft unschuldig in Armut geraten sind.

« Dieses soziale Gewissen fasziniert Kosik an Dickens Texten, die mehr seien als fromme Märchen: »Sie helfen uns auch heute noch, das Bild von Armut in der westlichen Wohlstandsgesellschaft zu hinterfragen.«

Das Interesse für Dickens teilt Kosik mit Rainer Hustedt, der schon als Marleys Geist in Dickens‹ »Weihnachtsgeschichte« auf der Bühne stand. Hustedt brachte zur Einleitung eine Säge zum Singen, um dann den Figuren der Erzählung je eine eigene Stimme zu verleihen. Lebendig traten sie den Zuhörern vor Augen: Der einsame Mann, der nacheinander zwei Versionen seines Lebens erzählt. Der auf den eigenen Vorteil bedachte Geschäftspartner und der habsüchtige Onkel. Mit dem verblüffenden Schluss der Erzählung wurde den Zuhörern klar, warum es am Anfang der Erzählung geheißen hatte: »Ich bin nicht der, wofür ich gehalten werde. Ich bin ein ganz anderer.« Nur in der Vorstellungskraft gelingt es dem Ich-Erzähler, dem dürftigen Alltag der Clapham Road zu entfliehen, ein erfolgreiches Leben zu führen und ein Schloss zu bewohnen – das jedoch, wie sich herausstellt, »in der Luft« schwebt. Ein Luftschloss also. Eine eindringliche Erzählung, eindringlich gelesen.

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