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Mehr Defizite, weniger Mentoren

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Von: Sophie Mahr

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Tom liest jede Woche mit seiner Mentorin Anna in der Bibliothek von Toms Grundschule. Durch die intensive Betreuung soll Lesenlernen gleich viel mehr Spaß machen und besser gelingen. FOTOS: MENTOREN VEREIN © Red

Lesen ist wichtig. Aber nicht jedem Kind fällt es leicht, das zu lernen. Daher unterstützen Annika Kruse und Amelie Haas mit ihrem Mentoren-Team Grundschulkinder dabei, Lesekompetenz zu erwerben. Auch sie spüren die Folgen der Corona-Pandemie.

Viele Bücher, aber auch Spiele schmücken den Raum in der Katharinengasse. »1. Klasse«, »2. Klasse«, »3. Klasse« und »4. Klasse« ist auf den Bücherregalen zu lesen. »Eine kleine Bibliothek für unsere Mentoren«, sagt Dr. Annika Kruse, eine der zwei Vorsitzenden des Vereins »Mentor - Die Leselernhelfer« in Gießen. »Hier können sie Wunschbücher oder Spiele für die Kinder ausleihen.« Um bei den Jungs und Mädchen die Motivation zum Lesen zu wecken, biete es sich an, auf deren Interessen einzugehen.

In den Räumen gibt es neben Büchern auch andere Arbeitsmaterialien, um das gemeinsame Lesen abwechslungsreich zu gestalten. So kann ab und an ein Spiel gespielt werden, bei dem es ums Lesen geht. »Neue Mentoren können sich hier einen Überblick verschaffen, was ›ihrem‹ Kind gefallen könnte. Neben den Materialien unterstützen wir unsere Mentoren, wenn sie Fragen haben oder neuen Input brauchen.« Zudem gibt es Schulungsangebote.

Neue Mentoren sind im Verein jederzeit willkommen. Zurzeit besonders. »Unser System ist sehr personalintensiv«, sagt Kruse. Um die Eins-zu-Eins-Betreuung zu gewährleisten, wird für jedes Kind ein Mentor benötigt. Derzeit arbeiten 120 Mentorinnen und Mentoren am Gießener Standort der Leselernhelfer. Vor der Pandemie waren es noch 140.

»Unsere Ehrenämtler sind zu zwei Dritteln Senioren und zu einem Drittel Studenten«, sagt Kruse. »Coronabedingt haben einige aufgehört. Da es für die vulnerablen Gruppen zu heikel war, in die Schulen zu gehen, wo sie sich normalerweise mit ihrem Kind einmal pro Woche treffen.« Die Gießener Leselernhelfer sind auf die Grundschulen im gesamten Stadtgebiet verteilt. »Wir möchten es den Mentoren so leicht wie möglich machen, und machen es so, dass es für alle Seiten passt.«

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Amelie Haas (l.) und Annika Kruse bilden den Vorstand der Gießener Lese-Mentoren. Gemeinsam wollen sie frischen Wind in den Vorstand des Bundesverbandes bringen. © Red

Während die Zahl der Lesehelfer in den vergangenen beiden Jahren abgenommen hat, ist der Bedarf gestiegen. »Leider lesen immer weniger Kinder gerne«, sagt Kruse. »Umso weniger man übt, desto weniger kann man es.« Dabei ist Lesen eine Schlüsselkompetenz.

Bereits in den vergangenen Jahren habe es die Tendenz gegeben, dass weniger Kinder gut lesen können. Der Schulausfall in der Pandemie habe dies verstärkt. »Eine wissenschaftliche Studie hat unseren Eindruck bestätigt. Demnach fehlt Viertklässlern rund ein halbes Schuljahr. Es gibt einen Teil von Kindern, denen Corona nicht geschadet hat, aber die meisten sind von den Auswirkungen der Schließungen betroffen.« Das sei auch in Gießen zu spüren: »Gerade fällt es uns echt schwer, alle Anfragen zu befriedigen. Wir haben zehn Kinder auf der Warteliste«, sagt Kruse. Darunter auch Kinder aus der Ukraine. Bei ihnen gehe es weniger um das Lesenlernen, als darum, die deutsche Sprache zu erlernen. Dafür verwendet Kruse beispielsweise eine App zum Vokabeln üben.

Digitale Leseförderung

Nicht nur zum Vokabeln lernen, auch so hält Kruse viel von digitaler Leseförderung: »Ich würde nicht sagen, dass Kinder schlechter lesen, weil sie mehr Zeit am Handy verbringen. Auch dort kann man lesen, und ich meine jetzt keine WhatsApp-Nachrichten. Es gibt Apps, die gezielt zur Leseförderung eingesetzt werden, zum Beispiel um Wortbilder zu erlernen. Bei uns geht es darum, dass wir die Kinder dazu bringen, dass sie lesen wollen. Da kann auch digitales Lesen ein Gewinn sein. Es muss nicht unbedingt ein haptisches Buch sein.«

Kruse hätte gerne auch für digitale Medien bundesweit ein einheitliches System bei »Mentor«. »Es ist Quatsch, wenn jeder Verein ein eigenes System verwendet. Wir brauchen etwas, das wir den Mentoren empfehlen können.« Gerade in Pandemie-Zeiten sei es schwierig gewesen, die persönliche Beziehung zwischen Mentor und Kind aufrechtzuerhalten, da die Schule als Treffpunkt weggefallen sei. Dabei sei es Kruse wichtig, die Lesezeit so zu digitalisieren, dass der persönliche Kontakt, auf dem das Eins-zu-Eins-Prinzip bei »Mentor« beruht, bestehen bleibe.

Im März wurde Kruse zusammen mit Dr. Amelie Haas, ebenfalls Vorsitzende von »Mentor« Gießen, als Beisitzer in den Vorstand des »Bundesverbandes Mentor« gewählt. »Amelie übernimmt die Betreuung von Neugründungen und hilft dabei, die Idee von ›Mentor‹ in anderen Städten zu verbreiten.« Kruse hat den Bereich »Digitalisierung« übernommen. »Es war genau der richtige Zeitpunkt für uns«, sagt Kruse. »Jetzt haben wir die Möglichkeit, uns in die Weiterentwicklung der Vision einzubringen und können frischen Wind mitbringen. Doch wir werden unser Herzblut auch weiterhin in Gießen einfließen lassen.«

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