Startup-Serie_Leafs_to_P_4c_1
+
Mit Pflanzenfasern den Plastikanteil in der Kunststoffproduktion reduzieren: Toni Frankenstein (im Bild) und Frederik Huxhage setzen mit ihrem Start-up »Leafs to Product« auf Nachhaltigkeit.

Wirtschaft

„Leafs to Product“: Pflanzenfaser-Start-up weckt Neugier der Industrie

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
    schließen

Frederik Huxhage und Toni Frankenstein haben ein Verfahren entwickelt, mit dem Fasern aus Pflanzenabfall die Kunststoffherstellung nachhaltiger machen. Ein Wachstumsmarkt, der seinesgleichen sucht.

Gießen – »Wir wollten nur das Pitchen üben, deswegen haben wir beim Start-up-Weekend in Gießen mitgemacht«, erzählt Toni Frankenstein. Am Ende gehörten sie zu den Finalisten und waren überrascht vom Interesse der Wirtschaft. Pitchen ist ein Begriff aus der jungen Gründerszene und bedeutet, im Rahmen eines mehrtägigen Intensiv-Workshops aus einer Idee ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln und eine Jury zu überzeugen.

Die Idee von Frankenstein und Frederik Huxhage klingt auch für Laien nicht so abwegig, wenn auch komplex: aus Pflanzenabfällen Fasern für die Kunststoffproduktion gewinnen, um den Plastikanteil zu reduzieren. »Leafs to Product« haben sie ihr Start-up genannt, zu Deutsch: Blätter zum Produkt. Ein Beispiel sind Nutzhanffasern, die seit einiger Zeit beispielsweise in den Modemarkt vorpreschen.

Pflanzenfaser-Start-up aus Gießen: Kosten um die Hälfte reduzieren

Kennengelernt haben sich die Gründer über eine Stellenanzeige, die Frankenstein für das Projekt inseriert hatte. Huxhage arbeitet als Produktionstechniker für ein Unternehmen, das Carbonteile für die Motorsportbranche herstellt, außerdem schreibt der 29-Jährige an seiner Masterarbeit. Frankenstein ist Luftfahrtingenieur, hier arbeitet er viel mit Verbundstrukturen von unterschiedlichen Materialien. »2016 begann ich für meine Promotion zu überlegen, wo ich nachhaltige Konzepte für meine tägliche Arbeit entwickeln kann, die später auch angewendet werden«, erzählt der 31-Jährige. »Warum nicht Naturfasern genauer anschauen?«, dachte er sich. Zudem stellte der Materialwissenschaftler fest, dass hier kaum jemand »durch die Brille eines Ingenieurs« forsche.

Zwar war die Nische gefunden, jedoch offenbarte sich eine Hürde: »Ich konnte die Fasern nur schlecht aus den Pflanzen extrahieren«, erklärt Frankenstein. So entwickelten er und Huxhage ein Verfahren für die Fasergewinnung - das allerdings noch in der Laborphase steckt. »Das Prinzip ist da, doch die Anlage dafür entwerfen wir gerade noch.«

Zwar gebe es bereits technische Fasergewinnung, doch das Gros käme aus Kasachstan oder Indien und sei wegen des langen Transportwegs und der aufwendigen Produktion sehr teuer. Gleichwohl gebe es eine enorme Nachfrage und eine jährliche Wachstumsrate um neun Prozent. Hier liegt das innovative Potenzial von »Leafs to Product«. Mit ihrer Anlage können sie die Produktionsschritte um mehr als die Hälfte reduzieren und damit günstiger machen. »Wir peilen eine Halbierung der Preise an. Manche Abnehmer meinten schon, sie könnten unsere gesamte Produktion der nächsten Jahre kaufen«, erzählt Frankenstein. Mit ihren Fasern könne man zudem den Kunststoffanteil im Produkt auf 30 Prozent drücken, der Rest seien dann ausschließlich Fasern.

Pflanzenfaser-Start-up in Gießen vorgestellt: Produktionsanlage soll entstehen

Im Februar 2022 wollen sie mit dem Bau beginnen, im Sommer 2023 könnten die ersten Pflanzenabfälle durchlaufen. Drei Millionen Euro Umsatz kalkulieren sie bis 2025 - und bieten darüber hinaus einer Branche, die zunehmend mit sich selbst und der Gesellschaft ringt, ein neues Standbein, das durchaus schnell wachsen könnte: der Landwirtschaft. »Wir kaufen ihnen die Grünabfälle ab, die auf den Feldern liegen bleiben, aber auch solche, die Bauern mühsam aufsammeln und entsorgen müssten, jagen sie durch unsere Anlage und verkaufen die Fasern an die Industrie«, beschreibt Frankenstein. Zuvorderst die Autoindustrie haben sie im Blick. Die Anwendungsbereiche aber seien enorm: Ob Blumentöpfe, Dichtungen oder Taschen - die Fasern kann man sich in jedem noch so kleinen Gegenstand aus Kunststoff vorstellen.

Die Motivation des Duos ist klar: Nachhaltigkeit und das Plastikmüll-Problem. »Auf dem Pazifik treibt eine Plastik-Insel so groß wie Deutschland. Und in jedem menschlichen Gehirn sind inzwischen Plastikpartikel nachweisbar. Diese Ausmaße sind aber vielen immer noch nicht bewusst«, gibt Frankenstein zu denken. Ein Netzwerk für junge Start-ups in Mittelhessen sowie weitere Informationen gibt es im Internet auf foundershub-mittelhessen.de. Diese Zeitung stellt die spannendsten Projekte vor, darunter beispielsweise auch die Event-Plattform „Gather“ von Pawel Kobelev.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare