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Per Roboter und vom Monitor aus kann Prof. Holger Nef (vorn), stellvertretender Direktor der Kardiologie am Uniklinikum Gießen, den Katheter führen und den Stent setzen. Der 500 000 Euro teure Roboter ersetzt den Arzt aber nicht, sondern unterstützt ihn. FOTO: MÄHRLEIN

Medizinische Premiere in Gießen: Roboter hilft Herz

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Erstmals haben Ärzte am Uni-Klinikum Gießen per Roboter eine Gefäßstütze - einen Stent - in ein verengtes Herzkranzgefäß eingesetzt. Die neue Technik bietet gleich mehrere Vorteile.

Das Universitätsklinikum Gießen ist das erste Klinikum in Deutschland, an dem per Robotersystem eine Gefäßstütze (Stent) minimal-invasiv in ein verengtes Herzkranzgefäß eingesetzt worden ist. Mit dem Stent wird das Gefäß wieder geöffnet, um einem Herzinfarkt vorzubeugen. Am Mittwoch führte ein Team um Professor Holger Nef, stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik für Kardiologie und Angiologie am Klinikum, den Premieren-Eingriff erfolgreich an einer 76-jährigen Patientin durch.

"Die Operation hat gut funktioniert und etwa 45 Minuten gedauert", berichtete Nef, einer der führenden Spezialisten für Stent-Operationen in Deutschland. Nef hatte den robotergestützten Eingriff in den Wochen zuvor mehrfach bei Tierversuchen trainiert.

"Das Einsetzen von Gefäßstützen ist zwar heutzutage ein Routineeingriff, der bundesweit rund 400 000 Mal pro Jahr gemacht wird. Doch er erfordert hohe handwerkliche Präzision und großes Können, da im Millimeterbereich gearbeitet werden muss und sich das Herz ständig bewegt", sagt Dr. Christian Hamm, Direktor der Klinik für Kardiologie in Gießen.

Die neue Methode mit dem Roboter, der rund eine halbe Million Euro kostet, ermögliche es, diese millimetergenaue Arbeit noch präziser und zuverlässiger in 0,5-Millimeter-Schritten durchzuführen, zum Wohle des Patienten und - als positiver Nebeneffekt - auch zum Wohl der Ärzte. Denn die Mediziner werden bei der Operation mit Hilfe des Roboters deutlich geringerer gesundheitsschädlicher Strahlung ausgesetzt und brauchen auch keine rund zehn Kilo schwere Bleiweste mehr zu tragen, was ihre Wirbelsäule schont.

Um den Katheter zu führen und den Stent zu setzen, nutzen die Ärzte das Robotersystem "CorPath GRX1" von Corindus, einem Tochterunternehmen von Siemens Healthineers, zusammen mit einem Artis Angiographie-System von Siemens Healthineers. Mithilfe eines Joysticks und eines Controllers steuert der behandelnde Arzt den Draht, an dem der Stent befestigt ist, präzise zur richtigen Stelle. Er steht dabei vor einem Monitor, der einige Meter entfernt vom Patienten aufgebaut ist. Dadurch wird der Arzt einer niedrigeren Strahlenbelastung ausgesetzt. Denn um das Gefäß sichtbar zu machen, wird ein Kontrastmittel gespritzt, das nur unter Röntgenstrahlung seine Wirkung entfaltet.

"Das Robotersystem erlaubt, Stents noch zielgenauer zu positionieren. Das ist entscheidend für das langfristige Ergebnis", sagt Hamm. Nef ergänzt: "Durch technischen Fortschritt im Bereich der interventionellen Kardiologie kann es gelingen, zunehmend komplexere Prozeduren erfolgreich routinemäßig durchzuführen. Gerade bei diesen Untersuchungen kann die Präzision durch robotische Unterstützung sowie die Reduktion der Strahlenbelastung elementar wichtig sein."

Das Uniklinikum Gießen freut sich, als erstes deutsches Zentrum seinen Patienten das neue Verfahren anbieten zu können. Weltweit ist der Corindus-Roboter bereits in 80 Einrichtungen - meist in den USA - im Einsatz; etwa 7000 Eingriffe wurden mit ihm erfolgreich bewältigt. Ziel ist es nun, in den nächsten fünf bis zehn Jahren die neue Methode möglichst vielen deutschen Kliniken und Krankenhäusern und damit auch vielen Patienten als standardisierte Qualität zugänglich zu machen.

Die koronare Herzkrankheit ist eine der häufigsten kardiovaskulären Erkrankungen in westlichen Industrieländern. Ihre Folgen, etwa der akute Herzinfarkt, gehören in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. In der Therapie hat sich die perkutane Koronarintervention (PCI) mit Stent-Implantation etabliert und wird in europäischen Behandlungsleitlinien empfohlen. Eine solche Behandlung wird in Deutschland etwa 400 000 Mal pro Jahr durchgeführt.

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