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Mechthild von Niebelschütz ist überzeugte Montessori-Pädagogin. FOTO: SCHEPP

Montessori-Kinderhaus-Leiterin

Mechthild von Niebelschütz: kreativ und pragmatisch

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Mechthild von Niebelschütz ist Expertin darin, kreative und unkonventionelle Lösungen zu finden. Das zeigt die Leiterin des Montessori-Kinderhauses in vielen Bereichen.

Es ist ein eiskalter Tag im Januar 2017. Mechthild von Niebelschütz steht mit der Spendenbüchse im Kleinlindener Brandweg und sammelt Geld. Sie nutzt die Gunst der Stunde, trotz kalter Füße und einem übervollen Schreibtisch im Büro. Denn gerade sorgt ein Team der RTL-Sendung "Zuhause im Glück" für einen Riesenandrang. Eine Woche lang wurde das Haus der Familie Roth saniert, jetzt darf der Vater mit seinen drei Kindern einziehen. Die 61-Jährige kennt die Familie gut, und sie kennt auch ihren großen Traum: Noch einmal zusammen nach Griechenland reisen, so wie vor einigen Jahren, als die Mutter noch lebte. "Das war für die Roths aus finanziellen Gründen völlig unrealistisch, aber wir haben es geschafft", erinnert sich von Niebelschütz. Ein Jahr später flog die Familie für zwei Wochen ans Mittelmeer.

Es ist ein typisches Beispiel dafür, wie die Pädagogin tickt. Wenn sie eine Chance wittert, ein Problem zu lösen, krempelt sie die Ärmel hoch und legt los: Egal, ob es gilt, die Nachmittagsbetreuung für behinderte Kinder zu verbessern, die Brandschutzrutsche im Montessori-Haus zu finanzieren oder es einem kleinen, schwer kranken Jungen zu ermöglichen, trotz Sauerstoffgerät mit seinem Bobbycar durch die Gegend zu flitzen. "Wir haben einen kleinen Anhänger konstruiert", sagt von Niebelschütz. Bei ihr ergänzen sich Pragmatismus und Kreativität. Für die 61-Jährige spielt es keine Rolle, ob es bei ihren Anliegen darum geht, in einem Ministerium um Fördermittel zu werben oder bei Familie XY in einem sozialen Brennpunkt auf der Matte zu stehen. Sie fürchtet sich nicht vor "großen Tieren" und kennt keine Berührungsängste; es gelingt ihr, den jeweils richtigen Ton zu treffen.

Woher nimmt sie dieses Selbstbewusstsein? Da hilft ein Blick in die Kindheit. Mechthild war das jüngste Kind der Familie, sie hat vier ältere Schwestern. Der Vater war kriegsversehrt und starb früh, die Mutter war eine starke Persönlichkeit, die alles regelte und die Töchter einband in die häuslichen Pflichten. "Sie war eine Montessori-Pädagogin ohne es zu wissen", sagt von Niebelschütz und lacht. Die kleine Mechthild hatte wie alle in der Familie Aufgaben im Haus, sie lernte unter Anleitung mit einem Bügeleisen umzugehen, zu stricken, ein scharfes Messer oder Streichhölzer zu benutzen.

"Hilf mir, es selbst zu tun", ist ein Leitmotiv der Montessori-Pädagogik, und das wurde im Wiesbadener Elternhaus schon immer gelebt. Es geht dabei darum, die individuellen Fähigkeiten jedes Kindes zu erkennen und es dabei zu unterstützen, Neues zu erkunden und zu lernen. "Wertschätzender Umgang, Vertrauen, Respekt, das ist die Basis", erklärt sie.

80 Kinder kommen täglich ins Gießener Montessori-Kinderhaus des SkF (Sozialdienst katholischer Frauen). Behinderte, nicht behinderte und auch hochbegabte Kinder. Das war auch so etwas, was "eigentlich nicht geht". Würden nicht die einen über- und die anderen unterfordert sein?, fragten bange Eltern und Experten. "Nein, auf keinen Fall", sagt die Leiterin, die vor Jahren in Sachen Hochbegabtenbetreuung eine Zusatzausbildung gemacht hat. Es funktioniert bestens, denn auch da lautet das Credo: Jeder hat Stärken und Schwächen, auf die individuelle Förderung kommt es an.

Im Montessori-Haus geht es nicht nur um eine anspruchsvolle, qualifizierte Kinderbetreuung - wobei ja auch das schon eine ganze Menge ist. Das soziale Miteinander spiegelt eine Haltung, eine Lebensphilosophie: Wir sind füreinander da, wir übernehmen Verantwortung. "Es ist unser aller Haus", sagen Kinder, Erzieherinnen, Eltern und Großeltern. Sie nutzen Haus und Garten auch außerhalb der Kita-Öffnungszeiten: Zum Klönen auf dem Spielplatz, für Familienfeiern, zum Fahrradfahren üben. Alle halten sich an die Regeln. "Das klappt sehr gut. Wenn man jemandem vertraut, bekommt man dieses Vertrauen in 99 Prozent der Fälle zurück". Das erklärt auch, dass die Chefin ihr Büro nicht abschließt, wenn sie nicht da ist. Wenn ein Kind das Bedürfnis hat, sich hierhin zurückzuziehen und etwas zu malen, so darf es das jederzeit. "Nur mein Schreibtisch ist tabu, das wissen alle".

Von Niebelschütz hat den Charakter des Hauses maßgeblich geprägt. Aus der unter Denkmalschutz stehenden Villa, die einst der CIA als Quartier diente, ist ein buntes, gemütliches Zuhause für viele Kita-Generationen geworden. "Wir sind stolz auf das, was wir hier tun", sagt sie.

Dass die Stippvisite Ende der 70er Jahre in Gießen derart "folgenschwer" werden würde, hätte sich die 61-Jährige nie träumen lassen. Als junge Erzieherin, die sich für eine Ausbildung zur Logopädin interessierte, kam sie nach Gießen ins Sprachheilzentrum, um ein Praktikum zu absolvieren. Doch statt der Stadt wie geplant bald wieder den Rücken zu kehren, kam alles ganz anders.

Sie lernte Gerhard von Niebelschütz kennen, den späteren Gesamtleiter des SkF - sie wurden ein Paar, das in den Folgejahren beruflich und privat viel auf den Weg brachte. 1981, 1982, 1984 und 1987 wurden ihre Kinder geboren, zudem lebte ein Pflegekind in der Familie. Mechthild von Niebelschütz baute einen Schwangerentreff auf und sorgte dafür, dass Rat suchende alleinerziehende Frauen eine Anlaufstelle bekamen. Neben der Kindererziehung war sie ehrenamtlich im Viertel aktiv und ließ sich in der Montessori-Pädagogik ausbilden. 1991 übernahm sie die Leitung der Sonderkindertagesstätte des SkF.

"Als Ehefrau des Chefs wurde ich nicht gerade mit offenen Armen empfangen", erinnert sie sich. Also nahm sie Änderungen sehr behutsam vor und krempelte nicht sofort den ganzen Laden um. Doch nach und nach trug "der Laden" ihre Handschrift, die Montessori-Philosophie hielt Einzug, nicht nur mehr hinsichtlich der Spiel- und Arbeitsmaterialien, sondern auch in den Köpfen der Mitarbeiter. 1995 folgte der Umzug in die benachbarte Villa, gemeinsam erschuf man das heute von allen geliebte "Bullerbü am Wartweg".

Von Niebelschütz war immer für die eigene Einrichtung aktiv, aber auch darüber hinaus. Sie setzt sich in den städtischen Gremien für Kinder und ihre Familien ein und macht sich auch auf Landesebene für eine Verbesserung von Betreuung und Gleichstellung stark. Gießen ist für sie schon lange nicht mehr zweite Wahl, sondern sehr geschätzte Wahlheimat. Antrieb ist für sie auch ihr Glaube. Nachdem sie in postpubertären Zeiten die katholische Prägung des Elternhauses hinter sich lassen wollte, wurde die Religion später für sie zu einem wichtigen Antrieb und die Religionspädagogik zu einem bedeutsamen Teil der Arbeit.

Im Montessori-Haus wird viel zusammen gelacht, aber es gab und gibt auch immer schwere Zeiten. Zum Beispiel, wenn sich der Zustand eines behinderten oder kranken Kindes deutlich verschlechtert oder wenn eines sogar stirbt. "Der Kummer ist nicht leicht auszuhalten", sagt von Niebelschütz. Die Montessori-Familie versucht, das Leid gemeinsam zu tragen. Das war auch so, als Gerhard von Niebelschütz vor zehn Jahren starb. Als es Mechthild von Niebelschütz schlecht ging in ihrer Trauer, musste sie das nicht überspielen. "Ich brauche gerade mal einen Augenblick für mich", das konnte sie jederzeit sagen und jeder hat es sofort verstanden. Auch der offene Umgang miteinander ist ein Teil der Montessori-Philosophie. "Privat und dienstlich zu trennen, das geht für mich gar nicht, ich bin doch ein und dieselbe Person", sagt sie. Sie könne nicht auf der einen Seite einen Einblick in die Familien haben wollen und sich selbst verschließen. "Das wäre doch völlig unglaubwürdig".

Ein bisschen Abgrenzung hat sie in den vergangenen Jahren aber doch gelernt, als Selbstschutz sozusagen. Während sie früher rund um die Uhr für ihre Schäfchen ansprechbar war, macht sie heute auch mal Handy und Rechner aus. Das hat sie nicht zuletzt ihrem zweiten Mann Christian Teichmann zu verdanken, mit dem sie in Linden lebt. Er ist ein alter Schulfreund, den sie auf einem Klassentreffen wiedertraf. Vor fünf Jahren heiratete das Paar. Auch er ist bei den Montessori-Aktivitäten dabei, er fährt mit auf Freizeiten und empfindet den Kontakt mit den Familien als Bereicherung - aber nicht 24 Stunden am Tag.

Apropos Klassentreffen. Dort hat von Niebelschütz auch den Kontakt zu einer Lehrerin erneuert. Diese hatte vor vielen Jahren bei ihrer Mutter vorgesprochen, um sie davon zu überzeugen, dass das begabte Kind aufs Gymnasium gehen müsse. Daraus wurde damals nichts, und Mechthild von Niebelschütz machte in Sachen Qualifizierung einige Umwege. Dass aus ihrer Schülerin ganz offensichtlich trotz fehlgeschlagener Intervention doch "etwas geworden" ist, erfüllte die Lehrerin mit so viel Freude und Stolz, dass sie ein großes Klettergerüst spendierte. Das steht im Garten und wird von allen genutzt - so wie die Malecke und alles andere im Montessori-Haus. Vertrauen ist alles.

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