Maurice Zach-Zach hat sich rund um den Hawwerkasten ein kleines Imperium aufgebaut. DIe Corona-Pandemie sorgt jedoch für Existenzängste. FOTO: SCHEPP
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Maurice Zach-Zach hat sich rund um den Hawwerkasten ein kleines Imperium aufgebaut. DIe Corona-Pandemie sorgt jedoch für Existenzängste. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Maurice Zach-Zach: Wirt und Wurstexperte

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Mit dem Hawwerkasten, der Metzgerei Zach und der "Woscht-Anna" bedient Maurice Zach-Zach die gastronomischen Grundbedürfnisse der Gießener.

Maurice Zach-Zach hat sich ein gutes Hemd übergeworfen. Die Köhler-Tasche steht noch auf der Bank im Hawwerkasten. "Das habe ich für meinen Geburtstag gekauft. Ich habe am Wochenende den 40. gefeiert." Man kann davon ausgehen, dass es ein rauschendes Fest gewesen ist. Schließlich ist Zach-Zach nicht nur Metzgermeister, sondern auch "Botschafter exzellenter Bierqualität". Zach-Zach lacht, als er auf das Zertifikat hinter dem Tresen angesprochen wird. "Das war ein Lehrgang, den ich gemacht habe. Schließlich bin ich damals ins kalte Wasser gesprungen." Damals, das war 2013, als das Kneipen-Urgestein Bruno Meißner seinen Hawwerkasten in gute Hände geben wollte. Zach-Zach sagte zu - und kam so seinem Jugendtraum, wenn auch über Umwege, ziemlich nah.

Zach-Zach entstammt einer Fleischer-Dynastie. Bereits sein Ururgroßvater hat im 19. Jahrhundert im Egerland seine Mitmenschen mit Wurst versorgt. Selbst Fürst von Metternich wusste die Erzeugnisse der Familie zu schätzen. Auch Zach-Zachs Vater Wolfgang war Metzger, sein Bruder Carlos ebenso. Trotzdem wollte Maurice eigentlich einen anderen Weg einschlagen. "Ich wäre gern Bierbrauer geworden." Seine Bewerbung war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Womöglich, weil seine schulischen Leistungen nicht die besten waren.

Zach-Zach verließ die Gesamtschule mit einem Hauptschulabschluss. "Ich war zu faul und habe lieber Party gemacht", räumt der 40-Jährige ein. Er habe aber schnell gemerkt, dass man mit einem Hauptschulabschluss im Leben oft nicht weit kommt. Und so holte er seinen Realschulabschluss nach und begann im elterlichen Betrieb eine Ausbildung zum Metzgermeister.

"Danach hat mein Vater gesagt, ich soll auch mal etwas anderes sehen als den Familienbetrieb." Und so verschlug es Zach-Zach nach Frankfurt, wo er für eine Supermarktkette als Springer arbeitete. Eine lehrreiche Zeit, wie Zach-Zach sagt. Dann wollte ihn die Bundeswehr, er aber nicht sie. Stattdessen leistete Zach-Zach seinen Zivildienst bei der Lebenshilfe ab. Natürlich in der Küche. Der Zivildienst war noch nicht zu Ende, als Zach-Zach eine besorgniserregende Nachricht erhielt. "Mein Vater hatte einen Schlaganfall. Er hat dann mir und meinem Bruder gesagt: Wenn ihr die Metzgerei nicht übernehmt, mache ich sie dicht." Da Carlos Zach-Zach zu jener Zeit einen lukrativen und zufriedenstellenden Job in der Lebensmittelindustrie hatte, übernahm Maurice das Familienbusiness. Und wurde mit 22 Jahren Deutschlands jüngster selbstständiger Metzgermeister.

Acht Jahre lang führte Maurice Zach-Zach die Metzgerei alleine, dann stieg Carlos mit ein. Die Brüder merkten aber schnell, dass eine Metzgerei alleine nicht reicht, um zwei Familien zu ernähren. Und so führten sie etwas zusammen, das eigentlich schon immer zusammen gehörte.

Die "Woscht Anna" ist eine Institution in Gießen. Sie hat unzählige Nachtschwärmer satt und zufrieden gemacht. Zach-Zach erzählt, dass sein Vater die Namensgeberin Anna Tributh mit Wurst beliefert habe. Als sie den Ruhestand antrat, übergab sie den Wagen an Wolfgang Zach-Zach. Ihre langjährige Mitarbeiterin Ursula Becker kaufte sich daraufhin einen eigenen Wagen. "Als mein Bruder 2010 in die Metzgerei einstieg, hatte Ursula Becker ihre Bude gerade aufgegeben. Wir haben sie dann übernommen und die ›Woscht Anna‹ wieder vereinigt", erzählt Zach-Zach.

Brüder haben oft ein spezielles Verhältnis zueinander. Wenn sie gemeinsam Geschäfte machen, ist das ungleich schwerer. "Ja, manchmal ist es nicht so gut, wenn man so eng zusammen arbeitet", sagt Maurice und lacht. "Es gab immer mal wieder Reibereien, weil wir andere Vorstellungen und Ideen hatten. Aber wir haben uns auch immer wieder vertragen." Trotzdem gehen die beiden Brüder heute geschäftlich getrennte Wege. Carlos kümmert sich um die Großmetzgerei in Pohlheim, Maurice ist für die Metzgerei Zach am Landgraf-Philipp-Platz verantwortlich. Und natürlich für den Hawwerkasten.

Es ist jetzt sieben Jahre her, dass das Gießener Urgestein Bruno Meißner auf Zach-Zach zukam. "Er wollte seine Kneipe in gute Hände geben und hat mir angeboten, die Pacht zu übernehmen." Zach-Zach musste nicht lange überlegen. Wirt heißt zwar nicht Bierbrauer, seinem Kindheitstraum kam er damit trotzdem ziemlich nah. "Außerdem passt es perfekt, wenn man eine Metzgerei betreibt und direkt daneben eine Gaststätte übernimmt."

Zach-Zach will nicht beschönigen: Die Anfangszeit war hart. "Viele Stammgäste von Bruno kamen nicht mehr. Außerdem musste ich mich an den Umgangston gewöhnen." Aus Sie wurde Du, aus Herrn Zach-Zach aus der Metzgerei wurde "der Maurice" hinter der Theke. Doch der neue Pächter kniete sich rein, lernte viel von seinem Personal und ging auf Zapf-Lehrgänge, um den Kunden qualitativ gutes Bier mit perfekter Krone bieten zu können. Auch seinen Betriebswirt holte er nach, Koch darf er sich heute ebenfalls nennen.

Zach-Zach hat es geschafft, die Kultkneipe angemessen fortzuführen. Einstige Stammkunden mögen dem Hawwer-kasten den Rücken gekehrt haben, dafür kamen neue, jüngere hinzu. Zach-Zach lacht: "Letztens kam ich in den Laden und musste feststellen, dass ich der Älteste war." Auch wenn Zach-Zach gerade erst seinen 40. Geburtstag gefeiert hat, ist er inzwischen selbst so etwas wie ein Kneipen-Urgestein. Er ist so beliebt, dass viele Stammkunden wieder gehen, wenn der Chef nicht hinterm Tresen steht. Zach-Zach betont, dass die Arbeit ohne seine Eltern und seine Ehefrau nicht zu stemmen sei. Trotzdem leide sein Privatleben. "Ich sehe meine vierjährige Tochter viel zu selten." Gerade in diesem Alter, in dem Kinder jeden Tag neue Entwicklungssprünge machen, schmerze die Abwesenheit sehr. Daher hat sich Zach-Zach vorgenommen, künftig eine bessere Balance zwischen Privatleben und Beruf zu finden.

Seit Zach-Zach den Hawwerkasten übernommen hat, verläuft sein Leben auf Hochtouren. Alte Hobbies wie Snowboarden, Paint Ball, Motorrad oder Biken leiden. Wenn seine Freunde Geburtstag feiern, muss Zach-Zach meistens absagen. An den Wochenenden wird er hinterm Tresen verlangt. "Das will ich ändern", sagt der Gastronom. Er weiß aber auch, dass das nicht so leicht ist. "Es fällt schwer, Abstand von der Arbeit zu nehmen. Ich werde hier erwartet. Außerdem bin ich gern hier."

Widrigkeiten, mit denen schon Generationen von Gastwirten zu kämpfen hatten. Was Zach-Zach von seinen Vorgängern unterscheidet: Sie mussten nicht mit einer Pandemie klarkommen.

"Corona ist die größte Herausforderung, die ich jemals hatte", sagt er. Die Umsätze seien eingebrochen, was die Zukunft bringe, liege im Dunkeln. "Natürlich habe ich Existenzsorgen", sagt der Wirt, der Mitarbeiter nicht nur in Kurzarbeit schicken, sondern auch kündigen musste. "Das war die schwerste Zeit, die ich überstehen musste."

Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Und sie wird die Gießener Gastronomen auch weiterhin verfolgen. Trotzdem ist Zach-Zach zuversichtlich, die Krise zu überstehen. Denn aus den vielen neuen Kunden, die er seit seiner Übernahme gewonnen hat, sind längst Freunde geworden. Und die kommen nicht nur zu Geburtstagen, sie halten einem auch in schweren Zweiten die Treue.

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