Massenschlägerei

Massenschlägerei bleibt unaufgeklärt

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Eine wüste Klopperei unter 60 Flüchtlingen 2015 in der HEAE wird vermutlich nie aufgeklärt werden. Ein zweiter Anlauf scheiterte am Mittwoch vor dem Amtsgericht, obwohl Zeugen aussagten.

Es müssen bürgerkriegsähnliche Zustände gewesen sein. Rund 30 Afghanen und etwa gleich viele Syrer sowie Iraker waren am 10. November 2015 im Flüchtlingsheim in der Rödgener Straße (HEAE) – teils mit Metallstangen bewaffnet – aufeinander losgegangen. Wer die Rädelsführer waren, wer andere durch Schläge verletzte, wird wohl nie aufgeklärt werden. Ein Verfahren vor einem Jugendschöffengericht des Gießener Amtsgerichts wurde am Mittwoch eingestellt. Schon im Sommer 2017 scheiterte ein gigantischer Prozess mit 14 Angeklagten, weil Zeugen nicht erschienen. Seinerzeit mussten fast 40 Prozessbeteiligte in die Cafeteria des Gerichts ausweichen, weil die Gerichtssäle zu klein waren. Damals wurden die Verfahren gegen drei mutmaßliche Täter eingestellt. Der Rest blieb unklar.

Ähnlich endete auch der aktuelle Prozess. Zwar konnten sich die auf vier Personen geschrumpften Angeklagten samt Verteidigern immerhin in einem herkömmlichen Gerichtssaal treffen. Eine konkrete Beteiligung an der Massenschlägerei konnte das Gericht den zwei Irakern und zwei Syrern aber mangels eindeutiger Zeugenaussagen nicht nachweisen. Die Männer im Alter von 20 bis 27 Jahren schwiegen zu dem Vorwurf des schweren Landfriedensbruchs. Noch laufen Ermittlungen gegen sieben weitere Angeklagte, deren Verfahren allerdings abgetrennt wurden. Dass daraus ein Prozess wird, darf bezweifelt werden.

Eine neue Erkenntnis konnten Mitarbeiter des Sicherheitspersonals der Flüchtlingsunterkunft aber liefern: Der Streit zwischen beiden Gruppen soll in der Kantine eskaliert sein. Syrer seien dort afghanischen Frauen "zu nahe gekommen", berichtete ein 46-Jähriger. Er will gesehen haben, wie einige Syrer aus der Kantine herausrannten – verfolgt von mit Stangen bewaffneten Afghanen. Demnach flohen die Syrer in die Zelte, in denen sie und die Iraker untergebracht waren. Dort eskalierte die Situation völlig. Obwohl alle verfügbaren Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes herbeieilten, ließ sich die Menge nicht beruhigen. Ganze Feldbetten seien hin- und hergeflogen. Sogar vier Personen des Sicherheitsdienstes wurden attackiert, erlitten aber zum Glück keine gravierenden Verletzungen. Erst den Beamten von 21 Funkstreifen der Polizei gelang es, das Chaos zu beenden.

Die Angaben vieler Zeugen erwiesen sich als Verwechslungen. Ein Syrer, der auf einen Wachmann zugerannt sein soll, entpuppte sich vor Gericht als humpelndes Kriegsopfer mit Schusswunde im Fuß. "Damals lebten bis zu 6500 Menschen hier, heute sind es 1000", erläuterte sich ein Zeuge. "Da kann man unmöglich alle Bewohner kennen." Die Verteidigung kritisierte, dass keine Afghanen festgenommen wurden. Ob sie möglicherweise von Landsleuten beim Sicherheitspersonal rechtzeitig vor dem Eintreffen der Polizei gewarnt wurden, blieb ebenfalls unklar.

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