Wolfgang Biegler an seiner alten Wirkungsstätte. "Mein Laden war wie ein Zuhause für mich."
+
Wolfgang Biegler an seiner alten Wirkungsstätte. »Mein Laden war wie ein Zuhause für mich.«

Mensch, Gießen

Rewe Gießen: Eine Institution am Marktplatz geht in Ruhestand

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
    schließen

Wolfgang Biegler war 26 Jahre lang das Gesicht des Rewe-Supermarkts am Marktplatz in Gießen. Der 63-Jährige hat viel erlebt. Schönes, Skurriles, aber auch Beängstigendes.

In Jeans und T-Shirt steuert Wolfgang Biegler den Rewe-Supermarkt am Marktplatz an. In dieser Montur kennen ihn die Kunden nicht, schließlich hat er hier 26 Jahre lang Dienstkleidung getragen. Trotzdem dauert es keine zwei Minuten, bis er von einer älteren Dame angesprochen wird. Sie kann kaum glauben, dass Biegler nicht mehr Marktleiter ist. »Ruhestand? Aber Sie sind doch noch nicht alt.« Der 63-Jährige muss lachen. Offenbar hat ihn die Arbeit in diesem sehr speziellen Supermarkt jung gehalten. Dabei gab es genügend Anlässe, die ihm Sorgenfalten auf die Stirn getrieben haben.

Vor seiner Zeit in Gießen ist Biegler viel herumgekommen. Geboren ist er in Bad Berleburg bei Siegen. »Mein Vater war Maurer, meine Mutter Hausfrau. Meine beiden Geschwister und ich hatten eine schöne Kindheit.« Bereits mit 15 machte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Die dreijährige Lehre verbrachte er noch in der Heimat, danach ging es auf Tour. »Meine Grundausbildung bei der Bundeswehr habe ich in Schwarzenborn geleistet. Wir haben es immer Blackborn City genannt«, sagt Biegler lachend. Der 15-monatige Wehrdienst führte ihn zudem nach Göttingen und in die Nähe von Fulda. Seine ersten Berufsjahre waren ebenfalls von vielen Ortswechseln bestimmt. »Ich war zwei Jahre lang Springer«, sagt Biegler. Er half also immer dort aus, wo gerade Not am Mann war. Im Anschluss arbeitete er als Marktleiter-assistent und trat dann seine erste Marktleiterstelle in Sinn an. Den gleichen Posten übernahm er in Bad Nauheim und Lollar, bevor er 1994 Leiter in der Gießener Marktstraße wurde. »Ein besonderer Ort«, sagt Biegler. Mit einem vielsagenden Lächeln fügt er hinzu: »Einfach war es sicher nicht.«

Der City-Supermarkt ist ein Mikrokosmos. Ein merkwürdiger Ort, an dem die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen. Die Trinker vom Marktplatz, die sich hier mit Bier und Hochprozentigem eindecken. Hungrige Geschäftsleute auf der Suche nach Frühstück oder Mittagessen. Und natürlich die vielen Rentner, die oft täglich zu Fuß oder per Bus zum Laden kommen. Nicht nur der Lebensmittel wegen.

Das Alter ist immer häufiger mit Einsamkeit verbunden. Die Angehörigen wohnen weit weg oder haben anderes zu tun, der nachbarschaftliche Zusammenhalt und das soziale Leben, etwa in Vereinen, haben in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Hinzu kommen die körperlichen Beschwerden, die die Mobilität der Senioren einschränken. Kurzum: Vielen betagten Menschen fehlt es an Gesellschaft - manche suchen sie im Supermarkt.

»Es gibt viele ältere Leute, die täglich zu uns kommen. Nicht, weil sie etwas einkaufen müssen, sondern weil sie jemanden zum Reden brauchen.« Oft sei diese Treue schön. Biegler denkt zum Beispiel an die alte Dame, die ihm jahrelang zu Ostern und Weihnachten selbst gebackene Kekse vorbeibrachte. Das offene Ohr für die Kunden kann aber auch belastend sein. Zum Beispiel, als eine Seniorin nur wenige Stunden nach dem Tod ihres Mannes in den Supermarkt kam. »Sie wollte mit jemandem reden und ihr Leid teilen«, sagt Biegler. Offenbar hatte sie niemand anderen.

Einen Supermarkt an dieser Stelle zu managen, erfordert mehr als das Handwerk eines Kaufmanns. Biegler und sein 19-köpfiges Team waren auch oft als Seelsorger und Sozialarbeiter gefragt. Vor allem dann, wenn Alkohol im Spiel war.

Die Trinkerszene am Marktplatz ist der Stadt schon lange ein Dorn im Auge. Auch vor dem City-Rewe treffen sich Vertreter dieser Gruppe oft. Das Rathaus hat in der Vergangenheit schon versucht, den Alkoholverkauf in dem Supermarkt zu verbieten. Einige Anwohner hätten das begrüßt, doch dazu kam es nicht. Der Rewe-Konzern stellte sich quer. Biegler selbst hatte keinen Einfluss auf diese Entscheidung. Er glaubt aber auch nicht, dass ein Alkoholverbot die Probleme am Marktplatz gelöst hätte. »Der zentrale Ort ist ein Treffpunkt für die Leute. Wenn sie ihr Bier nicht bei uns kaufen können, holen sie es sich woanders und kommen trotzdem hierher.«

Biegler hat daher stets versucht, mit der problematischen Klientel klarzukommen. »Das hat meistens auch gut funktioniert«, sagt der 63-Jährige. Wichtig sei, mit den Leuten vernünftig zu sprechen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Aber Biegler will auch nichts beschönigen: »Wenn der Alkohol den Leuten bis zur Lippe steht, wird’s schwierig.«

48 Jahre bei Rewe, davon 26 als Marktleiter in der Gießener Innenstadt: Biegler hat viele schöne, skurrile, bewegende, aber auch beängstigende Situationen erlebt. Zum Beispiel, als sich ein Kunde vordrängeln wollte und ein anderer aus der Schlange daraufhin eine Waffe zog. Es gibt unzählige Geschichten, die sich rund um den City-Rewe abgespielt haben. »Wenn man so lange wie ich an so einem Ort arbeitet, kriegt man natürlich viel mit«, sagt Biegler. Manch erwachsenen Kunden habe er schon als Baby gekannt, das die Mutter mit dem Einkaufswagen durch die Gänge schob.

Das ist jetzt Vergangenheit. Am 3. Juli hat Biegler das letzte Mal gearbeitet. Zu seinem Abschied kamen nicht nur seine Mitarbeiter, die der einstige Chef in den höchsten Tönen lobt, sondern auch alte Wegbegleiter und Marktleiter anderer Filialen.

Die Arbeit im Supermarkt hat Biegler stark gefordert. Sie hat ihm aber auch viel gegeben. Allen voran seine Ehefrau, mit der Biegler einen erwachsenen Sohn hat. »Meine Frau und ich haben uns damals in Marburg auf der Arbeit kennengelernt.« Jetzt können sie gemeinsam den Ruhestand genießen. Zumindest theoretisch. Auf die Frage, ob sich seine Ehefrau freue, dass er nun den ganzen Tag zu Hause sei, muss Biegler schmunzeln. »Wir arbeiten daran.« Er wolle sich daher eine Beschäftigung suchen, um sein Pensum nicht auf einen Schlag von 100 auf Null herunterzufahren. Er habe auch schon die ein oder andere Idee, spruchreif seien sie aber noch nicht. Und mit Sicherheit wird man den frischgebackenen Ruheständler auch in Zukunft ab und an im City-Rewe treffen. Für einen Plausch mit den ehemaligen Kollegen und den Stammkunden. Nicht in Arbeitskleidung, sondern in Jeans und T-Shirt. »Der Laden«, sagt Biegler mit einem Lächeln, »war schließlich wie ein Zuhause für mich«.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare