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Jan Gerchow, Katharina Weick-Joch, Patricia Rahemipour und Helmut Gold (v. l.) diskutieren über die Zukunft des Museums. Foto: dkl

Marketing fürs Museum

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Das war ein aufregender Tag im Oberhessischen Museum. Zum 140. Geburtstag gab es ein reichhaltiges Angebot mit Führungen durch die Sammlungsbestände und zum Abschluss eine hochkarätige Gesprächsrunde im Netanya-Saal. Ein Jazz-Trio sorgte am Nachmittag für swingenden Grundsound im Alten Schloss, der alles Geschehen mit einer wunderbaren Leichtigkeit versah.

Angeregt vom gleichaltrigen Oberhessischen Geschichtsverein, zu dessen Gründungsaktivitäten auch das Oberhessische Museum zählt, unterstützt von der Museumsgesellschaft und ausgerichtet vom Oberhessischen Museum, war die Veranstaltung zum 140. Geburtstag des Oberhessischen Museums bemerkenswert rund. Sie endete mit Getränk und Eat Art von Rolf Baltromejus, also in einer kommunikationsfördernden Atmosphäre, ganz so wie heute von Museen gefordert. Das Inventarisierungs-Duo Hauer und Krause hat eine Kabinettausstellung erstellt, die als Zeitstrahl angelegt und mit Exponaten bestückt ist. Diese wird auch in den nächsten Wochen zu sehen sein.

Zur Gesprächsrunde begrüßte Oberbürgermeisterin und Kulturdezernentin Dietlind Grabe-Bolz und ließ kurz die Museumsgeschichte Revue passieren. Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch, seit 14 Monaten im Dienst, bilanzierte ihre bisherigen Maßnahmen, verwies dabei auf neue Formate und bereits erreichte neue Zielgruppen. Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher stellte die renommierten Gäste der Gesprächsrunde vor.

Dr. Jan Gerchow ist Direktor des Historischen Museums Frankfurt (HMF). Er hat den Teilneubau und die Umgestaltung des Museums geleitet, erlangte damit deutschlandweite Beachtung. Dr. Helmut Gold ist ebenso lange in Frankfurt, leitet nicht nur das Museum für Kommunikation Frankfurt, sondern die Einrichtung des Bundes, die über drei solcher Museen verfügt. Dr. Patricia Rahemipour hat von der Museumsleitungsposition in Berlin an das Institut für Museumsforschung gewechselt. Sie hat also die Veränderungen der Museumsszene in ganz Deutschland im Blick.

Kaum Interesse bei Stadtpolitik?

Gerchow und sein etwa 40-köpfiges Team gehören zu den ersten in Deutschland, die Stadtlabore eingesetzt haben. Zunächst aus der Not geboren, wegen Teilabriss und Neubau des Museums, wichen sie auf ungewöhnliche Orte in den Stadtteilen aus. Daraus bildeten sich Gruppen, die sich bis heute treffen und Impulse ans HMF geben. Er betonte, dass es auch wichtig sei, diese Art der Kommunikation nach innen zu richten, also Museumsmitarbeiter in den Prozess einzubinden. Im Zentrum habe die Frage gestanden, was für ein Museum wollen wir sein. Konzentration auf die Stadtgeschichte ist ein Ergebnis, die Präsentation in Themeninseln eine Möglichkeit der Präsentation.

Gold und sein Team hatten in der Anfangszeit ganz auf neue Kommunikationstechnik gesetzt, hatten mit computerisierten Angeboten Besucher allein durch die Sammlung geschickt. Davon seien sie wieder abgerückt, würden mittlerweile eine personell dicht ausgestattete Besucherbetreuung anbieten. Das Story-Telling, also Geschichtenerzählen, sei in den Mittelpunkt gerückt. Möglichst prägnante und beispielgebende Geschichten seien dafür nötig. Die veränderten Erwartungen von Besuchern gingen mit den neuen Alltagstechniken einher: In den 70er Jahren war es die Fernbedienung, dann die Computerisierung, mittlerweile das Internet.

Rahemipour trug zur Begriffsklärung bei, indem sie Beispiele gab. Sie betonte den wichtigen Marketing-Faktor, die Präsentation im Internet. Heutzutage informieren sich Menschen in der Regel dort, bevor sie ins Museum gehen. Wenig hilfreich, geradezu abschreckend sei es, wenn die Auffindbarkeit versteckt und nur im Rahmen der Amtshierarchie laufe. "Die Besucher kommen schließlich freiwillig und wollen ihre Freizeit hier verbringen. Zumindest die jüngere Generation will dabei weder mit Wissenschaft noch mit Bildungsauftrag konfrontiert werden." Dass all dies natürlich zur Kompetenz eines Museumsteams gehört und auch vermittelt wird, gehört quasi zur Grundausstattung. Und es sollen ja auch alle Bevölkerungsgruppen angesprochen werden.

Als "Herzstück" der städtischen Kultur bezeichnete Dr. Nadia Ismail, Leiterin der Kunsthalle, das Museum. Bedauert wurde, dass Stadtpolitiker - bis auf die OB und Stadtälteste Monika Graulich - nur durch Abwesenheit glänzten.

Viele Anregungen, wiederholte und neue Fragestellungen, vor allem aber die Zusicherung von Unterstützung kann Dr. Weick-Joch aus dieser Veranstaltung mitnehmen. Schließlich stehen nicht nur bauliche Maßnahmen an, sondern auch ein neues Konzept.

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