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Der Frosch ist für Marion Bathe ein Eisbrecher, um die Senioren auf ihre musikalisch-erlebniskulturellen Hausbesuche einzustellen. Foto: Schepp

Mensch, Gießen

Marion Bathe: Kunst am Bett und hinter Gittern

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Marion Bathe ist seit vielen Jahren fester Bestandteil der Gießener Kulturszene. Die 43-Jährige bringt ihre Kunst an die Betten alter Menschen und zu harten Jungs in den Knast. Ein Porträt.

Auf dem Esstisch von Marion Bathe sitzt ein Frosch. Das grüne Plüschtier ist kein Spielzeug, es soll auch keine Kinder trösten. Der Lurch hat eine gewissenhafte Rolle, er ist im Auftrag der Kultur unterwegs. Bathe setzt ihn ein, wenn sie alte Menschen besucht, die nicht mehr mobil sind. "Ich mache musikalisch-erlebniskulturelle Hausbesuche", sagt die Gießenerin, "und der Frosch dient dabei quasi als Vermittler, er ist zur Auflockerung gedacht." Bathe ist nicht nur studierte Musikerin, sondern auch gelernte Kulturgeragogin, also quasi eine Pädagogin für Senioren. Mit Projekten wie "Kultur am Bett" oder dem "Oper Mobil" will sie dafür sorgen, dass auch ihre ältesten Mitbürger in den Genuss von Kultur kommen - und dadurch ein wenig Lebensfreude in ihr sonst oft tristen Alltag einzieht.

Bathe selbst hat schon ihr ganzes Leben lang mit der Kultur zu tun. "Alle meine Geschwister haben ein Instrument gespielt, wir sind auch regelmäßig ins Theater gegangen." Die 43-Jährige ist in Berlin geboren, als sie drei Jahre alt war, zog die Familie aus beruflichen Gründen aber an die Bergstraße. In Südhessen verbrachte Bathe ihre Kindheit. Nach dem Abitur entschied sie sich für ein Studium der Musik, genauer gesagt der Korrepetition, und zog nach Weimar. Im Anschluss stellte sie ihr Können am Klavier über mehrere Jahre in den Opernhäusern Nordhausen und Kiel unter Beweis. Später entschloss sie sich zu einem Berufswechsel - nicht der letzte in ihrer Karriere - und war unter anderem in Köln und Berlin im Kulturmanagement tätig. 2006 bewarb sie sich dann um die Leitung des künstlerischen Betriebsbüros am Stadttheater in Gießen. Mit Erfolg.

Bathe blickt aus dem Fenster ihres Wohnzimmers. Von hier oben hat sie einen wunderbaren Blick über den Kirchenplatz, auf dem Arbeiter gerade die Buden für den Weihnachtsmarkt aufbauen. Den Blick auf den imposanten Kirchenturm kann sie jeden Morgen genießen, und das seit 13 Jahren. Nach vielen berufsbedingten Ortswechseln sei Gießen für sie zur Heimat geworden, sagt Bathe. "Ich fühle mich hier wohl und habe einen schönen Freundeskreis." Vor allem aber hat sie sich hier ein Berufsfeld geschaffen, dass ihr weit mehr bietet als das schlichte Bestreiten ihres Lebensunterhalts.

Schon während ihrer Zeit im Betriebsbüro des Stadttheaters leitete Bathe einen Singkreis im Johannesstift. Ihr machte die Arbeit Spaß, vor allem, weil sie den Senioren so große Freude bereitete. "Diese Herzlichkeit, die einem entgegengebracht wird, und erst diese Dankbarkeit. Und das nur, weil man miteinander singt." Also beschloss die Gießenerin, mehr für die Senioren zu tun. Neben der Arbeit absolvierte sie eine zweijährige Ausbildung zur Kutlugeragogin. Es folgten Projekte wie die Theaterprobenbesuche für Menschen mit Demenz und die Gründung eines Theaterclubs in einem Seniorenheim sowie die Froschprojekte. Ein immenses Pensum. Denn das Konzept beinhaltet weit mehr, als den Senioren etwas vorzuspielen. Bathe führt kleine Stücke auf und setzt dabei neben Musikinstrumenten auch selbstgebastelte Bühnenbilder ein. Kommt in der Geschichte eine Seefahrt vor, versprüht die Gießenerin ein wenig Wasser, spielt die Szene im Wald, zückt sie ein passendes Duftöl. "Ich versuche dabei, alle Sinne anzusprechen. Vielleicht weckt das Erinnerungen, zum Beispiel an eine eigene Kreuzfahrt."

Dieser Einsatz war mit der Zeit nicht mehr neben ihrer Arbeit am Stadttheater zu bewältigen. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich entscheiden muss. Ich wollte noch mehr in diesem Bereich tun, das ging aber nicht nebenbei." Und so verließ sie vor zwei Jahren das Stadttheater und machte sich selbstständig.

Es ist nicht leicht, in dieser Branche als Freiberufler bestehen zu können. Um über die Runden zu kommen, hat Bathe daher auch noch eine kleine Anstellung an der Musikschule. Und sie leitete mehrere Chöre. Darunter auch einen für Männer, bei denen "singen" eigentlich verpönt ist.

In den Gottesdiensten der Justizvollzugsanstalt Butzbach spielt sie nicht nur Orgel, sie leitet auch den Chor. Sie macht also Gesangsübungen mit Mördern und Vergewaltigern. Hemmungen, die Gefängnismauern zu betreten, hat Bathe dennoch nicht. "Natürlich kriege ich manchmal mit, was die Häftlinge gemacht haben. Das beeinflusst meine Arbeit aber nicht. Ich behandele sie wie jeden anderen auch."

Der Chor biete den Männern eine Stunde Abwechslung. Das sei wichtig, sagt die Gießenerin. "Ich finde, es gehört auch zur Resozialisierung, dass die Häftlinge ihre Schuld mal vergessen können."

Nach vielen Ortswechsel und Wendungen hat Bathe sich ein (Arbeits-)Umfeld geschaffen, mit dem sie glücklich ist. Sie hat nicht ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht, ihr Beruf ist zur Leidenschaft geworden. "Ich liebe es, wenn ich diese Ideen habe und sie umsetzte. Dann setzte ich mich auch mal ein ganzes Wochenende hin und bastele Bühnenbildmodelle." Selbst ihre geliebten Reisen lässt sie in ihre Arbeit einfließen. Zum Beispiel, wenn sie den Senioren mit Ritualen und einer echten Pferdekopfgeige die ferne Mongolei ans Bett bringt. Nicht umsonst heißt eines ihrer Projekte "Frosch auf Reisen".

Dass sie dafür ihre sichere Festanstellung aufgeben musste, ist eine Kröte, die sie gerne schluckt.

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