Mensch, Gießen

Marcus Merkens: Gießen, Karstadt, Räder, Reklame

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
    schließen

Der Gießener Marcus Merkens blickt beruflich auf eine lange Karstadt-Vergangenheit zurück. Doch nun spielt der 54-jährige mit dem Gedanken, sich zu verändern.

Im Hause Merkens weihnachtet es. Nicht nur wegen der Plätzchen, die auf dem imposanten Eichentisch bereitstehen. Es sind vor allem die Kalender, die für adventliche Stimmung sorgen. "Den habe ich geschenkt bekommen", sagt Merkens und zeigt auf ein Exemplar, auf dem ein Rennrad abgebildet ist. Ein gutes Geschenk, schließlich verbringt der Gießener, wenn di e Temperaturen nicht gerade bedrohlich nah am Gefrierpunkt liegen, viel Zeit auf dem Rad.

Das Präsent ist aber auch deshalb gut gewählt, weil Merkens ein Faible für Adventskalender hat. Das mannshohe Stück aus Holz, dessen eingebaute Lichterkette ein fröhliches "Ho Ho Ho" verkündet, hat er selber gefertigt. Auch das individuell gestaltete Poster von Merken s und seiner Lebensgefährtin und das selbstgebastelte Bild mit dem "Liebe"-Schriftzug vom einstigen Samen-Hahn-Gelände beweisen, dass Merkens ein Sinn für Design hat. Kein Wunder, schließlich ist er schon seit Jahren dafür verantwortlich, dass die berühmtesten Schaufenster des Landes ansprechend dekoriert sind.

Merkens ist in Helmstedt geboren, die Familie zog aber kurz darauf nach Düsseldorf. Er wuchs also in der Großstadt auf. Eine tolle Zeit, wie er betont. "Wir hatten zum Beispiel die Rheinwiesen, auf denen wir immer gekickt haben, und das tolle große Schwimmbad neben dem einstigen Rheinstadion." Dank seines Opas, mit dem er viel gewerkelt hat, entwickelte Merkens früh ein Händchen für sHandwerk - ein Umstand, der auch seine Berufswahl beeinflussen sollte.

"Für mich war immer klar, dass ich keinen reinen Bürojob haben wollte. Ich wollte mit den Händen arbeiten", sagt Merkens. Und da bereits sein Vater bei Karstadt arbeitete, bewarb sich auch der Sohn bei Deutschlands größter Kaufhauskette. Mit Erfolg: 1983 begann er in der Filiale in Duisburg seine Ausbildung zum Schaufensterdekorateur. Ein Beruf, in den viele Tätigkeiten einfließen, zum Beispiel Malern, Schreinern, Schlossern oder Nähen. "Dekorateure können alles, aber nichts richtig", sagt Merkens lächelnd.

Lächeln, das macht Merkens häufig. Er sagt von sich selbst, ein fröhlicher Mensch zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass er keine schweren Zeiten erlebt hat. Merkens Vater ist früh gestorben, was den Sohn ziemlich mitgenommen hat. Und auch die Trennung von seiner Ehefrau ging ihm an die Nieren. Vor allem wegen der beiden Kinder. "Wenn eine Familie auseinanderbricht, ist das immer schwer." Dass er heute trotzdem glücklich ist, hat auch damit zu tun, dass ihn seine Arbeit einst nach Gießen geführt hat.

Der Beruf, der sich heute Gestalter für visuelles Marketing nennt, hat Merkens viel herumkommen lassen. Nach der Bundeswehrzeit und einem kurzen Abstecher zur Warenhauskette Strauß arbeitete er für Karstadtfilialen in Karlruhe, Lübeck und Köln. Zwischenzeitlich holte er sein Fachabitur nach und machte einige Scheine an der Duisburger Uni. 2002 heuerte er dann in Gießen an. Ein Glücksfall, wie Merkens sagt. "Hier habe ich viel gelernt. Unser Chef hat uns Freiheiten gelassen und kreativ arbeiten lassen."

Jahrzehnte lang war Karstadt die erste Anlaufstelle für Familien, die am Wochenende nicht nur einkaufen, sondern auch etwas erleben wollten. In Gießen war es zum Beispiel die Tierabteilung, die Kindern den sonst so drögen Hosenkauf versüßte. Merkens hat selbst dazu beigetragen, dass das Kaufhaus im Seltersweg lange Jahre neben Einzelhandel auch Entertainment bot.

Mit seinem Team war der 54-Jährige für viele Veranstaltungsreihen verantwortlich. "Wir haben regelmäßig beim Stadtfest oder dem Krämermarkt etwas auf die Beine gestellt. Es gab Modenschauen, wir haben namenhafte Künstler auf die Bühne geholt, Ladys Nights veranstaltet oder die Feste in der Lebensmittelabteilung organisiert", zählt Merkens auf und betont: "Das war eine wahnsinnig tolle Zeit."

Mittlerweile hat der Kosmos Karstadt Strahlkraft verloren. Durch mehrere Insolvenzen ist das Unternehmen schwer gebeutelt, Hosen und Schuhe kaufen viele Menschen inzwischen lieber bei Amazon, Zalando und Co.

Merkens bedauert diese Entwicklung, er kann das Kundenverhalten jedoch nachvollziehen. "Wir haben uns verändert. Und das nicht immer zum Guten." Gerade Standorte wie Gießen mit großen Einzugsgebieten müssten dafür sorgen, dass der Gang zu Karstadt mehr bietet als den schnöde rKauf von Waren. Als Beispiele nennt der Gießener mobile Espressobars oder Popcornmaschinen, man könnte den Kunden auch ab und an einen Prosecco anbieten. "So könnte man relativ kostengünstig und mit wenig Aufwand Erlebnisse schaffen." In Gießen müssen sie bei solchen Vorhaben auf die Dienste von Merkens jedoch verzichten. Seit 2014 arbeitet er in einer Filiale in Frankfurt.

Merkens wohnt seit 18 Jahren in Mittelhessen. Mit seiner Lebensgefährtin und deren Tochter lebt er aktuell in einem Reihenhäuschen in der Gießener Innenstadt, das er dank seiner handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten liebevoll eingerichtet hat. Auch seine eigenen beiden Kinder kommen regelmäßig nach Gießen. "Wir leben hier ein schönes Patchwork-Leben", sagt der 54-Jährige. Kein Wunder also, dass er seinen Lebensmittelpunkt so schnell nicht woanders sieht. Daher schmiedet er Pläne f ür den Fall der Fälle.

In einer Karstadt-Filiale zu arbeiten, ist nicht unbedingt das, was man als krisensicher bezeichnen würde. Erst im Sommer verkündete der Warenhauskonzern, 62 seiner 172 Filialen schließen zu wollen. Merkens Arbeitsplatz ist nicht darunter. "Aber man kann auch nicht ausschließen, dass irgendwann einmal die eigene Filiale betroffen ist." Daher möchte Merkens mittelfristig mit einer weiteren Leidenschaft sein Geld verdienen: Bike Fitting.

Sport hat in seinem Leben immer eine große Rolle gespielt. Von den Rheinwiesen schaffte er es bis in die Oberliga, bevor er das Fußballspielen wegen einer Verletzung an den Nagel hängen musste. "Also habe ich mir Alternativen gesucht und alles gemacht, was gerade angesagt war", sagt Merkens und zählt unter anderem Snowboardfahren, Windsurfen und Beachvolleyball auf. Seit 20 Jahren gibt er zudem regelmäßig Spinning-Kurse. Und dann kam auch noch das Rennradfahren dazu. "Ich würde daher in Zukunft gerne Bike Fitting anbieten, also das Rad auf den Körper des Fahrers optimal einstellen." Merkens kann sich sowohl einen eigenen Laden als auch eine Kooperation mit einem bestehenden Geschäft vorstellen.

Ob aus dem Traum Realität wird? Mal sehen. Merkens macht nicht den Eindruck, dass es ihn in eine Krise stürzen würde, wenn sich die Pläne nicht realisieren lassen. Dafür macht ihm sein jetziger Job zu viel Spaß. Er liebt das kreative Element, das er auch privat auslebt. Nicht nur bei der Gestaltung seiner eigenen vier Wände. Er liebt auch den Karneval und entwirft seine Kostüme selber. "Wir fahren jedes Jahr nach Köln zum Feiern. Das muss sein."

Trotz einiger Hürden im Laben hat sich Merkens seine positive Einstellung bewahrt. Auch wenn er bereits seit 18 Jahren glücklich in Mittelhessen lebt, schlägt in seiner Brust noch immer das Herz einer rheinischen Frohnatur.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare