Jakob Handrack hat die Leidenschaft für das Orgelspiel von seinem Großvater geerbt. FOTO: SCHEPP
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Jakob Handrack hat die Leidenschaft für das Orgelspiel von seinem Großvater geerbt. FOTO: SCHEPP

Ein Mann der lauten und leisen Töne

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Jakob Handrack sorgt in der Kirchengemeinde St. Thomas Morus für die musikalische Begleitung der Gottesdienste. Auf seiner Orgel trägt der Organist dazu bei, dass die Menschen auch in schweren Zeiten Halt finden. Vielleicht gelingt ihm das so gut, weil ihm schwere Zeiten selbst nicht fremd sind.

Jakob Handrack sitzt mit geschlossenen Augen an der Orgel und lässt seine Finger über die Tasten tanzen. Es kommt nicht selten vor, dass diese Art von Musik in der imposanten Hallenkirche an der Grünberger Straße ertönt. "Das ist Blues", sagt der 36-Jährige, der bereits seit 2007 als Organist an der St.-Thomas-Morus-Kirche tätig ist, "Ich habe ein bisschen improvisiert". Das Faible für diese Musikrichtung hat Handrack von seinem Vater geerbt, der sich in Gießen nicht nur als Arzt, sondern auch als Musiker einen Namen gemacht hat. Die Leidenschaft für Kirchenmusik hingegen verdankt Handrack seinem Großvater. Dass der Enkel aber einmal selbst als Organist tätig sein und dazu noch als Vorsitzender des Fördervereins der Kirche aktiv das Gemeindeleben mitgestalten würde, darauf hätte wohl kaum einer gewettet. Handrack selbst am wenigsten.

Handrack ist ein echtes Gießener Stadtkind. Aufgewachsen ist er in der Goethestraße als ältestes von drei Geschwistern. "Meine Eltern sind beide Ärzte. Mein Vater Psychotherapeut, meine Mutter Betriebsärztin am Uniklinikum", erzählt Handrack.

Anfang der 90er sah die Gießener Innenstadt noch ein wenig anders aus. Und so eroberten sich Handrack und seine Freunde jene Areale, auf denen heute Wohn- und Bürokomplexe stehen. Die Hinterhöfe und Brachflächen waren für Handrack das, was für gleichaltrige Dorfkinder der Wald war. Eine gute Zeit, wie der Gießener betont.

Nach seinem Abitur an der Liebigschule entschloss sich Handrack für ein Jurastudium. Es war aber nicht die Leidenschaft für Rechtswissenschaften, die ihn nach Konstanz an den Bodensee führte. "Das resultierte ein wenig aus der Not heraus", sagt Handrack rückblickend. "Damals hieß es, Jura sei die Grundlage für viele Dinge. Ich hatte aber nie die konkrete Absicht, Anwalt oder Richter zu werden." Wurde er auch nicht. Stattdessen brach er das Studium ab. Auch aus persönlichen Gründen.

Man merkt, dass Handrack während des Gesprächs aufgeregt ist. Er lacht viel und laut, und manchmal wirkt es so, als ob die Ausgelassenheit Verlegenheit überspielen soll. Der Gießener sagt es auch selbst: "Ich bin eher schüchtern." Früher, in seiner Schul- und Studienzeit, sei es schlimmer gewesen. "Durch eine Psychotherapie bin ich selbstsicherer geworden. Auch das Engagement im Förderverein hat mir geholfen."

Nach seiner Zeit am Bodensee kehrte Handrack in seine Heimatstadt zurück. Durch ein freiwilliges soziales Jahr lernte er den Pflegebereich kennen. Das Kapitel Studium hakte er ab und begann eine Ausbildung zum Altenpfleger. "Mir macht es Spaß, mit Menschen zu arbeiten", sagt Handrack. Außerdem sei die Arbeit als Pfleger ein zukunftssicherer Beruf.

Reich wird man damit aber nicht. Dass ist aber nicht der Grund, warum er sich als Organist in der St.-Thomas-Morus-Kirche etwas dazuverdient. Handrack ist schon in jungen Jahren mit Musik in Kontakt gekommen. "Ich hatte vor der Schule musikalische Früherziehung. Dann auch Klavierunterricht. An der Liebigschule habe ich dann Fagott im Orchester gespielt", zählt der Gießener auf. Vor allem aber hätten die Besuche bei seinen Großeltern seine Leidenschaft für Musik geprägt. Genauer gesagt: für die Orgel.

Handracks Großvater war selber Kirchenmusiker. So kam es häufiger vor, dass der Enkel zusammen mit dem Opa auf der Empore an der Orgel saß. "Das war sehr eindrucksvoll."

Es sollte nicht allzu lange dauern, bis er die Orgel selber spielen konnte. Bereits in der Schulzeit machte Handrack seine kirchenmusikalische C-Ausbildung am Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz. Durch den Umzug nach Konstanz ging seine musikalische Tätigkeit jedoch zurück. Dass er ausgerechnet 2006 wieder mit der Orgel anfing, erklärt Handrack rückblickend mit einem traurigen Ereignis. "2006 ist mein Großvater gestorben. Kurz darauf habe ich wieder mit dem Orgelspielen angefangen." Nach einer kurzen Pause fügt Handrack hinzu: "Vielleicht hatte ich damals das Gefühl, das Erbe meines Großvaters fortführen zu wollen."

Sicherlich wäre der Opa stolz auf seinen Enkel. Handrack spielt nun schon seit 13 Jahren regelmäßig vor der Kirchenschar. Dem 36-Jährigen ist die Verantwortung durchaus bewusst. Schließlich leistet die Musik während der Gottesdienste einen entscheidenden Beitrag, um den Menschen Kraft und Zuversicht zu geben. Handrack gelingt das. Obwohl er von sich selbst sagt, zwar christlich geprägt, aber nicht fromm zu sein. "Ich trage aber durchaus eine Spiritualität in mir. Und die versuche ich, mit meiner Musik den Besuchern des Gottesdienstes zu vermitteln."

Die Musik spielt auch in Handracks Tätigkeit als Vorsitzender des Fördervereins eine große Rolle. Zum Jahresprogramm der Kulturkirche Thomas Morus gehören neben Konzerten aber auch Ausstellungen, Lesungen und vieles mehr.

"Mir ist es ein wichtiges Anliegen, die Kirche nach außen zu öffnen und eine Form der Schnittstelle zu ermöglichen", sagt Handrack. "Wir als Förderverein wollen die Tore zur Welt aufstoßen. Das klappt mit Musik sehr gut. Kultur und Kirche gehören zusammen."

Handrack engagiert sich aber nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Politik. Der Gießener war lange Mitglied der jungen Liberalen, bei der kommenden Kommunalwahl steht er wieder auf der Kandidatenliste der FDP. "Mir fällt es heute nicht mehr schwer, in der Öffentlichkeit zu stehen", sagt er.

Bei Jakob Handrack spielt sich der Blues also nicht mehr in seinem Kopf ab - sondern lediglich auf den Tasten seiner Orgel.

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