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In einem Kleingarten an der Ringallee tötet im Jahr 2006 ein Gießener den Liebhaber seiner Ehefrau.

Serie: Mord verjährt nicht

Mann erschlägt Nebenbuhler in Gießener Gartenlaube: Notwehr oder Mord?

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Ein Gießener gibt 2006 zu, den Liebhaber seiner Ehefrau in einer Gartenlaube an der Ringallee aus Eifersucht erschlagen zu haben. Vor Gericht spricht sein Verteidiger plötzlich von Notwehr.

Gießen hat gewählt: Bei der Kommunalwahl am 26. März 2006 geht die CDU als Sieger hervor; knapp dahinter folgt die SPD. Es ist eine Zeit, in der Volksparteien noch Volksparteien sind und sich viele auf die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land freuen. Zwei Tage nach der Kommunalwahl bittet Roland J. einen 45 Jahre alten Bekannten, ihm auf dem Grundstück einer Gartenlaube an der Ringallee zur Hand zu gehen. Er soll mit ihm einen Rasenmäher ausladen. Dann erschlägt J. seinen Helfer.

Es ist etwa 8 Uhr, als Passanten am jenem Dienstag im März 2006 erst Schreie und dann das Weinen einer Frau von einem Gartengrundstück an der Ringallee hören. Ein Mann liegt dort tot auf dem Boden. Zugeschlagen mit einem 80 Zentimeter langen und 1,1 Kilo schweren Eisenrohr hat J., der gleich nach der Tat in sein Auto steigt und flieht. Doch gegen 15.30 Uhr stellt er sich der Polizei. In der ersten Vernehmung gesteht er, den 45 Jahre alten Mann getötet zu haben - aus Eifersucht. Denn es ist der Liebhaber seiner Ehefrau.

Doch als im Herbst 2006 der Prozess ansteht, schickt J. nacheinander zwei renommierte Gießener Strafverteidiger in die Wüste, weil sie ihm nach seinem Geständnis deutlich seinen geringen Handlungsspielraum klar gemacht haben. Er nimmt sich einen neuen Anwalt, und plötzlich ist von Notwehr die Rede: Der Nebenbuhler sei mit einem Messer auf ihn losgegangen.

Doch viele Punkte sprechen früh gegen diese Theorie. Da wäre zum einen die Obduktion durch die Rechtsmedizinerin Gabriele Lasczkowski von der Uni Gießen. Recht früh während des Prozesses am Landgericht Gießen sagt sie nüchtern: »Ursächlich für den Tod war ein zentrales Kreislaufversagen in Folge eines schweren Schädel-Hirn-Traumas.« Einfach ausgedrückt: Der Täter hat seinem Nebenbuhler den Schädel eingeschlagen. Die Notwehrversion sei mit dem Verletzungsmuster nicht in Einklang zu bringen. Logisch sei hingegen die Mordversion, betont sie.

Mord in Gießen: Nebenbuhler von hinten geschlagen

Demnach müsse J. den Nebenbuhler von hinten mit dem am Tatort gefundenen Eisenrohr niedergeschlagen haben. Dieser sei daraufhin mit dem Gesicht auf den Rost geprallt, der vor der Gartenhütte lag. Wie Lasczkowski weiter ausführt, folgten Schläge und Stöße mit dem Rohr ins Gesicht und dann zwei wuchtige Schläge auf den Hinterkopf. »Um diese verheerenden Schädelverletzungen zu verursachen, brauchte der Kopf ein Widerlager, etwa so, wie wenn er auf dem Boden liegt. Im Stehen wären diese Verletzungen nicht entstanden«, sagt die Rechtsmedizinerin.

Weitere Indizien: Gegenüber den Polizisten, die ihn nach der Bluttat vernommen hatten, habe er zu keiner Zeit von Notwehr und einem Messer gesprochen, sagen die Ermittler. Hinzu kommt ein Brief, den J. in der U-Haft an eine Verwandte geschrieben hatte. Darin heißt es: »Ich habe mit dem Anwalt beschlossen, dass es am besten ist, auf Totschlag im Affekt zu gehen. Der Rechtsanwalt ist auf seinem Gebiet ein echter Spezialist. Dann bin ich in drei Jahren wieder draußen.«

Viel Zeit verwendet das Gericht darauf, das Beziehungsgeflecht zwischen J., dessen Ehefrau und dem Toten zu entwirren. Der 45 Jahre alte Gießener soll bei der Familie ein- und ausgegangen sein, schildern Zeugen. Wenn J. zur Arbeit gegangen sei, hätten sich seine Ehefrau und deren Liebhaber im Schlafzimmer eingeschlossen. Die Frau habe auch in Anwesenheit des Gattens von dem Trio als »Ich und meine beiden großen Jungen« gesprochen.

Mord in Gießen: Anwalt geht Ehefrau des Täters an

Die Ehefrau muss während des Prozesses vieles über sich ergehen lassen. Zuerst hatte sie vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, weil sie mit dem Angeklagten verheiratet ist. Dann aber ändert sie ihre Meinung, weil vor allem Zeuginnen im Prozess schlecht über sie sprechen. Eine Bekannte sagt zum Beispiel: »Wer mit so hohen Schuhen und so kurzem Rock herumläuft, bei dem weiß man doch gleich Bescheid.« Eine andere gibt an, die Ehefrau habe außerdem über die »überragenden männlichen Fähigkeiten des Getöteten berichtet und gesagt, der sei die Liebe ihres Lebens«, notiert der Gerichtsreporter der Gießener Allgemeinen. Der Angeklagte, sagt die Zeugin, habe unter der Situation gelitten.

Die Ehefrau versucht, ihre Zeugenaussage zu nutzen, um das gezeichnete Bild von ihr geradezurücken: »Dass jetzt über die Länge meiner Röcke gesprochen wird, ist widerlich. Wenn so viel Dreck über mir ausgegossen wird, will ich doch etwas dazu sagen.« Sie sei nicht die Geliebte, sondern mit dem Opfer lediglich »kameradschaftlich« verbunden gewesen. Der Anwalt ihres Ehemanns versucht an jenem Tag, mit Fragen auch unterhalb der Gürtellinie die Frau zu provozieren. Ob sie einen höheren Bedarf an Männern habe, fragt er: »Sicher, ich bin eine junge Frau. Was ist denn das für eine dumme Frage?«, antwortet sie. Als der Verteidiger dann behauptet, das Opfer der Tat könne noch leben, wenn die Frau einen anderen Lebenswandel gehabt hätte, greift schließlich Staatsanwalt Klaus Bender ein: »Das geht zu weit.«

Serie: Mord verjährt nicht

In unserer Artikel-Serie „Mord verjährt nicht“ blicken wir zurück auf außergewöhnliche Kriminalfälle im Kreis Gießen. Vor einer Woche ging es um den Tod eines 19-Jährigen in der Pizzeria „Vesuvio“ in Krofdorf im Sommer 1984.

Mord in Gießen: Keine Milderung der Strafe

In einem Verfahren stehen vor allem der Angeklagte, seine Beweggründe für und der Weg zur Tat im Vordergrund. Nicht nur bei einem Mordvorwurf ist es die Regel, dass ein psychiatrisches Gutachten über ihn erstellt und in der Verhandlung vorgestellt wird. Auch der 38 Jahre alte Gießener wird begutachtet: Seelische oder psychische Krankheiten schließt der Gutachter bei ihm aus. Das ist bei der Frage der Strafzumessung entscheidend: Milderungsgründe sieht der Gutachter also nicht.

Im Januar 2017 endet am Landgericht Gießen der Prozess. Die Beweislast ist erdrückend: Selbst der Verteidiger von J. plädiert am Ende nicht mehr auf Notwehr, sondern auf Totschlag in einem minderschweren Fall. Das Urteil soll nicht mehr als eine »fünf vor dem Komma« tragen. Immer wieder spricht der Strafverteidiger von einer Explosion der Gefühle und von einer Affekthandlung.

Richter Reinhard Grün hingegen spricht J. schuldig wegen des heimtückischen Mordes am langjährigen Geliebten seiner Ehefrau. Er muss eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen. Die Kammer, sagt der Richter, habe nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Affekttat gefunden. Dennoch spricht er von einer »extrem tragischen« Geschichte: Die Schuld für die Beziehungsprobleme der Eheleute seien »nicht überwiegend« beim Angeklagten zu suchen. Außerdem sei J. von Kollegen und Freunden als außerordentlich fleißig und zuverlässig, hilfsbereit und beliebt beschrieben worden. J. sei jedoch für den Tod des 45 Jahre alten Geliebten seiner Ehefrau strafrechtlich voll verantwortlich. Grün schließt mit versöhnlichen Worten: »Bei dem, was wir über Sie gehört haben und so wie Sie sich hier präsentiert haben, bin ich überzeugt: Es gibt für Sie auch noch ein Leben nach der Haft.«

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