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Der Mann für das Besondere

  • vonOliver Schepp
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Patrick Schimanski ist Regisseur, Komponist und Musiker. Seine mehr als 30 Jahre interdisziplinärer Berufserfahrung kann er nun als Neuer im Team der Dramaturgen am Stadttheater bestens einsetzen.

(FOTO: SCHEPP)

Sie stammen aus einer kulturaffinen Familie. Ihre Mutter war Gründungsmitglied eines Theaters.

Patrick Schimanski:Sie hat in meiner Heimatstadt Worms einen Theaterverein gegründet. Sie war Schauspielerin am Theater Saarbrücken. Als dann die Kinder kamen, hat sie gekündigt und Jahre später die kleine Volksbühne gegründet. Den Laden gibt es heute noch.

Sie selbst sind nicht bei der Schauspielerei gelandet sondern bei der Musik, genauer beim Schlagzeug.

Schimanski:Als Kind habe ich sehr früh angefangen Schlagzeug zu spielen und nebenbei Theater gespielt. Unter anderem, weil meine Mutter die Theatergruppe meines Gymnasiums geleitet hat. Da habe ich auch schon Schauspielmusik gemacht.

Sie waren Meisterschüler von Pierre Favre, haben später Musikwissenschaft in Mainz studiert und nebenbei am Theater in Heidelberg gearbeitet.

Schimanski:Und ich habe zusätzlich Konzerte gegeben, war auf Tournee. Am Theater Heidelberg ging es gleich auch um Schauspielmusik. Ich habe beim Rockmusical ›Linie eins‹ Schlagzeug gespielt und mit Kollegen in einem Tonstudio gearbeitet, die Schauspielmusik produziert haben. Da war ich zunächst der Kaffeekocher vom Dienst und habe von denen ganz viel gelernt. Wir waren im Theaterbereich damals bei den ersten, die mit Computern gearbeitet haben, Atari-Pioniere im Theater.

Sie haben aber auch kleine Rollen übernommen?!

Schimanski:Ja, am Theater Heidelberg. Das waren meist solche Gig-Geschichten. Ich konnte mich lange nicht entscheiden, ob ich nicht doch noch in die Schauspielerei wechseln wollte. Aber dann rückte das Alter vor und es wäre damals nur noch an einer staatlichen Schauspielschule eine Bewerbung möglich gewesen. Und ich habe so wahnsinnig Angst vor Prüfungen.

Was ist mit Lampenfieber?

Schimanski:Das ist nicht ganz so schlimm. Für den ersten Meisterkurs bei Pierre Favre musste ich eine Aufnahmeprüfung machen. Ich hatte eine unfassbare Angst und habe irgendwelche wahnsinnig komplizierten Noten geübt. Pierre hat sich das angehört, stand auf einmal hinter mir und hat gesagt: ›Schmeiß die Noten weg und spiel einfach!‹. Ich habe gespielt und er hat gesagt: ›Siehst du, das ist Musik.‹ Und ich war zugelassen. Das hat zumindest mein Selbstbewusstsein als Schlagzeuger ziemlich befördert. Wir haben in der Folge eigentlich mehr geredet als gespielt. Aber das, was er gesagt hat, war sehr wichtig.

Dann folgte Wuppertal.

Schimanski:Der Intendant hat mit mir gewettet, ich würde mich nicht trauen, an seinem Haus als Schauspieler vorzusprechen. Da habe ich mir ein Vorsprechprogramm draufgeschafft und vorgesprochen. Der Intendant hätte mich sogar engagiert, aber da hatte ich schon was anders.

Kurz nach der Wiedervereinigung wurden Sie musikalischer Leiter am Theater in Halle.

Schimanski:Das war am dort heute nicht mehr existierenden Thalia-Theater für Kinder und Jugendliche. Es war zu DDR-Zeiten das Lieblingstheater von Margot Honecker und wahnsinnig gut ausgestattet. Der Intendant kam aus München und nahm mich mit. Es bedurfte einiger Überredungskünste. Ich war vorher schon mal als Gast dort, bin dann bis 1996 geblieben.

Es folgte eine Zeit am Nationaltheater Mannheim.

Schimanski:Ich bin dort quasi zum Regisseur geworden. Meine erste große Inszenierung mit sechs Schauspielern war eine Uraufführung eines sehr komplizierten Werkes: ›Steinbruch‹ von Werner Fritsch. Da hatte ich den Auftrag, Sprechchöre auszukomponieren. Als dann vor Probenbeginn der Regisseur krank wurde, hat er mich vorgeschlagen, weil ich schon so im Stoff war. Ich habe gesagt, dass ich mir das zutraue, aber mein eigenes Konzept inszenieren werde. Das Stück war dann so erfolgreich, dass es zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen wurde. Ab dem Zeitpunkt dachte ich dann, ich sei Regisseur.

Sie haben doch schon rund 60-mal Regie geführt!

Schimanski:Damals dachte ich, jetzt kommen sofort die Angebote. Das war jedoch zunächst nicht der Fall. Ich konnte aber zum Glück von der Musik leben.

Es ist gut, wenn man mehrere Standbeine hat.

Schimanski:Deswegen bin ich auch froh, dass ich nie auf Ämter angewiesen war oder komplett fremde Jobs machen musste.

Wie kommt die Musik zum Theaterstück?

Schimanski:Da gibt es sehr, sehr viele Wege. Es gibt Stücke mit konkreten Songs. Wenn ich für einen Regisseur arbeite, redet man darüber, stimmt sich auch mit Bühnenbild und Kostüm ab. Es gibt Regisseure, die schon gerne vor Probenbeginn etwas hören wollen, andere bevorzugen Work-in-Progress. Bei atmosphärischer Musik, Flächenklängen, filmischer Musik gibt es ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Man nähert sich an. Ich habe beispielsweise schon für den Tanzabend ›Elektra‹ von Tarek Assam komponiert. Da gibt es ja noch keine Probe, aber in den nächsten Tagen eine Zoom-Konferenz.

48nord ist Teil Ihrer Arbeit. Wie fassen Sie diese Klangkunst in Worte?

Schimanski:Das ist eine seltene und interessante Konstellation, weil es eben ein Komponistenkollektiv ist. Vom Ursprung her ist es ein klassisches Trio, wenn man bedenkt dass Ulrich Müller von der Gitarre kommt und Sigi Rössert Bassist ist. Wir könnten auch zu dritt Blues spielen. Tun wir aber nicht. Wenn wir live spielen, ist das extrem experimentell. Livekonzerte gehen noch mehr in Richtung Geräusche. Man könnte es Noise-Komposition nennen, aber das trifft es auch nicht ganz.

Was läuft bei Ihnen privat, oder setzen Sie auf Stille?

Schimanski:Auch diese Phasen gibt es. Aber eigentlich läuft alles. Alles, was gut ist. Ich bin da sehr offen von Pop über Klassik, von Rock bis zu Experimentellem. Ich bin auch immer daran interessiert, etwas zu hören, was ich noch nicht gehört habe. Mein großer Sohn ist gerade 20 geworden. Er hat die Aufnahmeprüfung zum Schauspieler an der Filmhochschule Potsdam Babelsberg bestanden und macht nebenbei Techno. Was er macht, ist extrem hardcore, geräuschhaft und metallisch. Wir tauschen uns schon mal aus, schicken uns Samples.

Und nun ein Schnitt: Sie sind jetzt Dramaturg.

Schimanski:Das hat mich einfach interessiert. Es hat sich auch über das Klimaprojekt entwickelt, das ich mit Jugendlichen gemacht habe. Genau für solche Sonderdinge und Projekte soll ich als Dramaturg Konzepte entwickeln und Brainstorming machen. Ich würde mich nicht explizit als Dramaturg bezeichnen.

Sie bleiben also auf dieser vielfältigen Schiene?

Schimanski:Das ist auch so gewünscht, von mir und der Intendantin. Das war schon beim Live-Hörspiel "Fünf Sinne" so. Es ist toll, dass es ein solches Format, das man eher vom Spielart-Festival oder vom Kampnagel kennt, hier gibt. Dass es hier stattfindet und es hierfür ein Publikum und das Equipment gibt. Ich weiß von vielen anderen Theatern, die froh wären, so etwas anbieten zu können. Hier gibt es eine außergewöhnlich tolle Tonabteilung. Die brennen für solche Sachen.

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