Das Labor im Liebig-Museum ist fast noch so ausgestattet wie zu Liebigs Zeiten. FOTO: SCHEPP
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Das Labor im Liebig-Museum ist fast noch so ausgestattet wie zu Liebigs Zeiten. FOTO: SCHEPP

"Man gab mir vier leere Wände"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Den 75. Geburtstag hatte man quasi verschlafen. Der 100. soll nun groß gefeiert werden. Vom 26. bis 29. März erinnert die Liebig-Gesellschaft an die Gründung des Liebig- Museums vor 100 Jahren und an den berühmten Chemiker Justus Liebig.

Wer eine der Führungen im Liebig-Museum macht, fühlt sich wie in einer Zeitmaschine. Die Glaskolben und Gasbrenner, die Behälter mit Pülverchen und Tinkturen, der kleine Hörsaal mit seinen unbequemen Sitzbänken und dem großen Experimentaltisch - alles wirkt so, als hätten Chemieprofessor Justus Liebig und seine Studenten nur mal kurz die Räume verlassen. Authentischer kann ein Museum kaum aussehen - und das schon seit 100 Jahren. Denn das Liebig-Museum im Laboratorium wurde am 26. März 1920 feierlich eröffnet und ist seither Ziel zahlreicher Besucher aus aller Welt.

Von 1824 an war Justus Liebig 28 Jahre lang in Gießen in Forschung und Lehre aktiv. Großherzog Ludwig I. ernannte den 21-Jährigen zum Chemieprofessor und wies ihm in einer leer stehenden Kaserne das Erdgeschoss als Laboratorium zu. Das Gebäude in der heutigen Liebigstraße war klein, die Arbeitsbedingungen zu Beginn erbärmlich. "Man gab mir vier leere Wände anstelle eines Laboratoriums" schrieb Liebig 1833 in einem Brief an Universitätskanzler Justin von Linde.

Doch durch seine bahnbrechenden Lehrmethoden und wissenschaftlichen Veröffentlichungen erlangte er Weltruhm - und der Platz für ihn und seine Studenten wurde zu eng. 1833 wurde eine Erweiterung genehmigt, 1839/40 folgte ein einstöckiger Anbau, mit zwei geräumigen Laboratorien sowie einem Hörsaal für 80 Studenten. Im Dachgeschoss hatte Liebig seine Wohnung eingerichtet. Hier schrieb er seine "Agrikulturchemie" und zwei Jahre später die "Tierchemie".

Nachdem der Chemiker 1852 einem Ruf nach München gefolgt war - wo ihm ein eigenes Laboratorium nach seinen Wünschen eingerichtet wurde - wurde sein Gießener Labor zunächst von seinen Nachfolgern weiter genutzt. Doch als die Universität 1898 in der Ludwigstraße ein neues Labor erhielt, drohte das Haus zur Ruine zu werden.

Vom Laboratorium zum Museum

Der Geheime Medizinalrat Prof. Robert Sommer bewies jedoch Weitsicht, und setzte sich ab 1909 als Erster für den Erhalt des Laboratoriums - "der Mutter aller chemischen Institute" - als Museum ein. In Dr. Emanuel August Merck fand er einen Unterstützer. Der kaufte der Stadt für 60 000 Mark den Bau ab und machte ihn der neu gegründeten "Gesellschaft Liebig-Museum" zum Geschenk. Viele Gönner halfen, um das Museum mit original von Liebig benutzten Gegenständen auszustatten.

Und so konnte - durch die Wirren des Ersten Weltkriegs mit Verzögerung - am 26. März 1920 das Museum im Laboratorium, begleitet von einem Akademischen Festakt der Universität und einem Galaabend im Stadttheater, eröffnet werden.

Doch der Zweite Weltkrieg sorgte für eine Zäsur. Bald nach Beginn des Krieges wurde das Museum geschlossen. Das Haus diente vorübergehend als Arbeits- und Wohnort für Ämter und Privatpersonen und bei den alliierten Bombenangriffen Ende 1944 wurde vor allem der vordere Teil des Gebäudes stark beschädigt. Dem Museum drohte das Aus. Doch es konnte dank vieler Spender aus Universität und Industrie am 1. Juli 1952 wiedereröffnet und das Inventar weiter ausgebaut werden.

Die Liebig-Gesellschaft kümmerte sich darum, die im Krieg genutzten Räume zu renovieren, ausgelagerte Bilder, Möbel und Geräte wieder zurückzuholen, zu ordnen und zu restaurieren. Das Liebig-Laboratorium ist so weitgehend erhalten geblieben und stellt die Forschung und Lehre zu Liebigs Zeiten um 1840 dar. Es ist weltweit einer der wenigen Originalschauplätze für die naturwissenschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert.

Doch Ziel der Gesellschaft war nicht nur das Bewahren der Ausstellungsstücke und der Gedenkstätte, sondern auch die Erforschung und Darstellung von Liebigs Leben und Werk. Folgerichtig änderte sie ihren Namen in "Justus-Liebig-Gesellschaft zu Gießen".

Weltkulturerbe als ambitioniertes Ziel

Und die hat seit einiger Zeit auch besonders ehrgeizige Pläne: Das von der Gesellschaft Deutscher Chemiker 2003 als "Historische Stätte der Chemie" gewürdigte denkmalgeschützte Gebäude, genauer das Laboratorium, soll in den Kreis der UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten aufgenommen werden. Der Ausgang ist ungewiss. Zur Unterstützung wurde im vergangenen Jahr unter dem Schlagwort "Liebig lebt!" in Zusammenarbeit mit Schulen und Hochschulen der Stadt eine 20-teilige Veranstaltungsreihe zu Leben und Werk Liebigs ins Leben gerufen.

Nun soll vom 26. bis 29. März das 100-jährige Jubiläum des Museums im Laboratorium gefeiert werden. Das genaue Programm steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau fest. Es soll erst Anfang März publik gemacht werden. Bekannt ist bislang nur, dass der 100. Geburtstag des Museums auch mit einem Fest unter dem Titel "Liebig lebt - Im Museum, an den Hochschulen und in den Schulen" am Sonntag, 29. März, von 15 bis 18 Uhr im Uni-Hauptgebäude öffentlich gefeiert wird. Klar ist aber, dass es aufgrund des Platzmangels im historischen Auditorium auch einige nicht öffentliche Veranstaltungen geben wird.

In diesem Jahr wird es zudem keine Kinderveranstaltungen geben, dafür aber erstmals Führungen. Auch die Experimentalvorlesungen finden wieder statt, mit wechselnden Experimentatoren.

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