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»Man darf sich nie auf Lorbeeren ausruhen«

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Von: Karola Schepp

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René Baumann ist als DJ Bobo seit 30 Jahren auf den Bühnen der Welt zu Gast. Am 3. September kommt er erstmals zum Gießener Kultursommer. © Red

Seine ganz großen Hits sind schon ein wenig älter. Aber noch immer füllt DJ Bobo mühelos riesige Arenen. Lange bevor er im nächsten Jahr zum 30-jährigen Bühnenjubiläum auf große Tour geht, spielt der Schweizer erstmals auf dem Schiffenberg. Im Interview erzählt er, was ihn antreibt und warum er sich regelmäßig in seinen Liedtexten »verdaddelt«.

Sie sind für Ihre aufwendigen Bühnenshows bekannt. Die Bühne auf dem Schiffenberg ist eher klein. Wie passt das zusammen?

Das muss ich erklären. Das Konzert kommt ja eigentlich aus dem Jahr 2020. Die Idee war damals, dass wir nach der Tour noch eine Handvoll Open-Air-Festivals spielen, einfach mit Hits, ohne großen Aufwand, ohne große Bühnenshow. Weil wir das schon lange nicht mehr gemacht haben. Nun hat es uns das direkt vor die Tour 2023 geschoben. Wir spielen einfach die Hits, ich bin da mit der Band, Videocontent und Sängerinnen. Aber es wird in der Tat keine Riesenshow, wie man sie von den Arenen kennt.

Ein gutes Beispiel dafür, wie Corona alles durcheinandergewirbelt hat.

Das ist so. Durcheinandergewirbelt hat es definitiv alles.

Sie selbst planen für 2023 zum 30-jährigen Bühnenjubiläum wieder eine große, spektakuläre Tour. Wie geht es für alle Künstler und Veranstalter weiter?

Jetzt muss ich auch noch Kaffeesatz lesen! Sagen wir mal so: Wenn jetzt nicht irgendwelche unplanbaren Aktionen politischerseits passieren, wird sich das wieder einspielen - die Zurückhaltung der Kunden, wie auch die Planungssicherheit auf der Seite derjenigen, die etwas veranstalten wollen. Solange schwebt aber dieses Damoklesschwert immer noch über uns, dass Lockdowns kommen könnten. Aber ehrlich gesagt nehme ich das nicht an, weil es sich keiner leisten kann und wir auch die Learnings hatten aus den letzten zwei Jahren. Man hat dann nicht mehr 100 Prozent der möglichen Zuschauer, sondern nur vielleicht 80. Aber die 20 Prozent, die vorsichtig sind - das ist eben ihr gutes Recht und verständlich. Wenn nichts mehr dazwischenkommt, wird sich alles wieder einpegeln. Aber ich glaube, das braucht noch ein Jahr.

Wie haben Sie es geschafft, Ihr Privatleben so gut abzuschirmen?

Das ist eigentlich nicht so schwer. Vor 30 Jahren hat ein Kollege zu mir gesagt: Homestories bringen zwei Dinge - Einbrecher und Neider. Und ich habe mir gedacht, auf beides kann ich verzichten. Ich habe auch gar nicht das Bedürfnis, mein Innerstes herauszukehren. Ich sehe meine Aufgabe als Teil der Unterhaltungsbranche. Ich möchte, dass die Leute über die Shows und die Musik sprechen, wenn sie von mir reden, aber nicht über Liebesbeziehungen oder was auch immer. Ich bin sicher, viele Künstler sind sich gar nicht bewusst, was sie sich antun, wenn sie diese Geschichten beginnen. Das sind nur ein Foto und ein paar Textzeilen, aber der Mensch dahinter ist echt. Er hat Emotionen und kann nicht für sich übersetzen, dass er eine Kunstfigur ist und nimmt das mit in sein echtes Leben. Und wenn du Kinder hast, fängt auch dein Umfeld an, sich zu verändern. Die Kinder kriegen das in der Schule ab. Da muss man vorsichtig sein. Deshalb war es für mich nicht reizvoll, mich so den Medien hinzugeben.

Bei der Sendung »Sing meinen Song« 2021 konnte man DJ Bobo aber auch von einer privateren Seite kennenlernen.

Ich kannte die Sendung und wusste, wenn ich mich darauf einlasse, kann ich nicht einen auf ›Ich sage gar nichts‹ machen. Es fiel mir auch nicht schwer, ich habe mich mit den Kollegen unglaublich wohlgefühlt, war Teil dieser Gruppe und habe das genossen. Es fühlte sich richtig an. Es war ein schöner Ausflug, auch musikalisch, künstlerisch.

Was muss man tun, damit Fans einem über so viele Jahre die Treue halten?

Man muss sich verbessern, darf nicht stillstehen, sich nie auf den Lorbeeren ausruhen. Das klingt zwar einfach, aber es kostet unglaublich viel Kraft, denn man ist schnell zufrieden. Das ist der Schlüssel: Du musst versuchen, dich weiterzuentwickeln und mit deinen Möglichkeiten, die du hast, besser werden. Dann folgen dir die Leute.

Hat sich das Publikum im Lauf der Jahre geändert? Bringen die Teenies von damals ihre Kinder mit?

Jein. Am Anfang war das die »Bravo«-Generation. Dann kamen neue junge Helden, alle paar Jahre neue. Das war ein bisschen eine schwierige Zeit. Die Jungen wenden sich ab, aber du musst schauen, dass du die anderen mitnimmst. Und heute sind das meist Leute, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Die meisten sind mitgekommen, aber das reicht nicht, um große Arenen zu füllen. Fast 20 Prozent meiner Zuschauer sind unter 30 - und 20 Prozent über 50. Aber zwischen 50 und 70 und zwischen 0 und 30 hat sich auch einiges aufgetan. Meine Hauptzielgruppe ist aber die zwischen 30 und 50 Jahren.

Was bedeutet es Ihnen, live auf der Bühne zu stehen? Sie sind doch auch abseits der Bühne aktiv.

Mir gefällt beides sehr gut. Ich habe nicht diesen exhibitionistischen Drang. Mir macht es genauso viel Freude, mit dem Team zusammen Shows zu entwickeln. Das ist sogar manchmal angenehmer, weil der Druck nicht allein auf dir lastet. Wenn ich dann aber dastehe und diese Liebe vom Publikum kriege, weiß ich wieder, warum die ganze Arbeit hintendran ist. Das ist schon ein emotionaler Austausch. Man teilt seine positiven Energien und kriegt viel zurück. Aber das ist jetzt kein Lebenselixier für mich.

Gab es im Laufe Ihrer Karriere mal den Punkt, an dem Sie aufhören oder eine ganz andere Richtung einschlagen wollten?

Das mit dem Aufhören, das kommt eigentlich nach jeder Tour. Dann denkst du: Ich kann nie mehr so hoch fliegen, nie mehr so viel Kreatives leisten. Du fühlst dich am Zenit deiner Möglichkeiten. Aber nach einem halben Jahr - und deshalb spielen wir auch nur alle zwei Jahre - fängt es an zu kribbeln. Dann merke ich, der Tank ist noch lange nicht leer. Wenn du als Künstler mit Kunstpausen dafür sorgst, dass der Tank nicht leer ist, kannst du weiter machen bis du tot umfällst. Wenn du aber andauernd spielst, wie viele meiner Kollegen, die schon leider tot sind, - Whitney Houston, Prince, Michael Jackson, George Michael - dann bist du irgendwann leer und versuchst mit anderen Mitteln, das auszubalancieren. Ich glaube, ein intaktes Privatleben und ein intaktes Leben hinter den Kulissen sind der Schlüssel, damit man auch auf der Bühne energetisch bleibt.

Es gab »Hitunfälle« wie »Chihuahua«, das eigentlich für einen Werbespot geschrieben worden ist. Und es gab doch sicher auch Hits, bei denen Sie ganz schnell wussten, dass sie Megaerfolge werden?

In der Euro-Dance-Welle war ich eine der Gallionsfiguren. Da wusste ich tatsächlich, dass etwas das Momentum trifft. Als ich etwa »Let the dream come true« fertig hatte, bin ich mit Walkman im Wald spazieren gegangen und habe gewusst: Das ist ein Hit. Da wusste ich, dass ich vorne war, alle so klingen wollten wie ich. Mit diesem Selbstbewusstsein bin ich da reingegangen. Jetzt mit Mitte 50 geht das nicht mehr. Auch weil du nicht mehr die mediale Kraft hinter dir hast. Früher haben sich die Songs alleine durchgesetzt, heute ist das Zielpublikum sehr jung. Es ist gar nicht mehr möglich, dass ein Bruce Stringsteen, Herbert Grönemeyer oder DJ Bobo einen Singlehit haben, weil ihre Zielgruppe vom Segment her zu klein ist.

Wie fühlt es sich an, wenn man zum 1000. Mal Erfolgshits wie »Freedom« oder »Love is all around« singt?

Wir spielen ja nicht so oft. Und haben auch den Vorteil, dass wir durch die Bühnenthemen Songs in ein anderes akustisches Gewand schubsen können. Ich habe eher das Problem, dass ich mir nicht gut Texte merken kann. Ich habe ein visuelles Gedächtnis und verdaddele mich regelmäßig in meinen Liedern.

Haben Sie noch Lampenfieber? Gehen Sie heute cooler damit um?

Das ist das richtige Wort. Am Anfang der Karriere hast du Lampenfieber, weil du denkst, du bist nicht gut genug. Dann wechselt das in ein Lampenfieber, Abteilung Selbstüberschätzung. Du gehst raus, denkst, du bist gut, und wunderst dich, dass die Leute nicht reagieren. Mittlerweile ist das Lampenfieber so, dass es Vorfreude ist. Ich weiß, wenn ich gut vorbereitet bin, was Tolles im Gepäck habe, dann habe ich so etwas wie nervöse Vorfreude. Wie ein Rennpferd, das aus dem Startblock will. Aber es ist nicht mehr gepaart mit Angst, Arroganz oder Selbstüberschätzung. Ich freue mich dann wirklich darauf, dass ich gleich einen Bühnenauftritt habe. Und selbst wenn mal was schiefgeht, bricht für mich nicht gleich die Welt zusammen. Ich kann auch mit Pannen umgehen, denn ich weiß, wer zu uns kommt, der geht auch glücklich nach Hause. Die Leute kommen mit dieser positiven Erwartungshaltung zu uns. Das spüre ich, wenn ich rausgehe. Sie kommen schon gechillt hin. Das war früher anders bei Konzerten. Früher saßen die Leute da, wollten was für ihr Geld geboten bekommen. Heute weiß ich, dass Preis und Leistung in solch gutem Einklang sind. Was wir bieten, dafür zahlst du bei einem internationalen Künstler das Dreifache.

Sie sind sogar schon in der Mongolei aufgetreten. Das sind doch sicher Konzerte, die man nie vergisst?

Das ist so. Wenn die Leute die Pferde vor dem Fußballstadion anbinden, das ist schon crazy. Die schönsten Konzerte sind die, bei denen du nicht weißt, was auf dich zukommt. Das ist meist bei anderen Kulturen so, wo die Musik stärker ist als die Marke DJ Bobo.

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