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Ignace Michiels (l.) und Irene Carpentier vor dem Prospekt der Eule-Orgel.

Mal virtuos, dann besinnlich

  • VonSascha Jouini
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Gießen (jou). Johann Sebastian Bach beherrschte es perfekt, Kompositionen umzugestalten, sie für einen anderen Zweck wiederzuverwenden und ihnen neuen Glanz zu verleihen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die eröffnende Sinfonia der Kantate »Wir danken Dir, Gott«, die auf dem Präludium der Partita E-Dur für Violine solo basiert. Beim Mittwochskonzert in der Bonifatiuskirche erwies sich das virtuose Orgel-Arrangement des Kantantensatzes als Ohrenschmaus, derart souverän schöpfte der belgische Musiker Ignace Michiels die klangliche Leuchtkraft der Eule-Orgel aus.

Michiels, unter anderem mit dem »Prix d’Excellence« des Conservatoire de Paris ausgezeichnet, spielte zügig ohne zu eilen, da verwischte selbst in den dichtesten Passagen nichts.

Verstärkt wurde der Organist durch die im Siegerland lebende, ebenfalls aus Belgien stammende Sopranistin Irene Carpentier. Das »Laudamus te« aus Wolfgang Amadeus Mozarts c-Moll-Messe gab Carpentier Gelegenheit, ihr ganzes Können zu demonstrieren bei elegant sich emporschwingenden Koloraturen und konzentrierten Dialogen mit der Orgel - die makellose Interpretation begeisterte restlos.

In eine andere Klangwelt führte das Entrée aus Alexandre Guilmants romantischer Sonate Nr. 7, das mit der akkordischen Wucht und dem breiten Farbspektrum wie gemacht schien für die Eule-Orgel und in einem fulminanten Schlussteil gipfelte.

Beide Parts fügen sich zu einer Einheit

Charakteristisch für das Programm war eine Gegenüberstellung kontrastierender Kompositionen. In kontemplative Sphären versetzte der Zyklus »Les Angelus« für Gesang und Orgel von Louis Vierne, eine Vertonung dreier Gedichte von Jehan le Povremoyne, die auf das morgens, mittags und abends verrichtete Angelus-Gebet Bezug nimmt. In dieser impressionistischen Musik fügten sich beide Parts zu einer engen Einheit; die Orgel intensivierte die Stimmung und trug zur Textausdeutung bei.

Carpentier bezauberte mit ihrer flexiblen, im Ausdruck ebenso klaren wie reinen Gesangsweise und hatte in Michiels einen kongenialen Begleiter.

In geheimnisvolle Sphären nahmen die rund 50 Hörer »Legend and Final« des englischen Komponisten William Faulkes mit. Die Orgelmusik weckte Assoziationen an ein schillerndes Landschaftsgemälde und erfuhr lebhafte Steigerungen.

Höhepunkt mit poetischer Tiefe

Von der poetischen Tiefe bildeten drei Lieder von Richard Strauss den Höhepunkt des Konzerts. »Morgen!« schrieb Strauss als Hochzeitsgeschenk für seine Partnerin, die Sopranistin Pauline de Ahna. In der persönlichen Note ging die Komposition ebenso nahe wie die beiden frühen Lieder »Die Nacht« und »Zueignung«.

Bei der motorisch bestimmten Toccata Des-Dur von Joseph Jongen rückte wieder das virtuose Moment in den Mittelpunkt, ehe das Konzert mit der Arie »Höre, Israel« aus Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium »Elias« einen besinnlichen Ausklang fand. Von dem hervorragenden Duo sichtlich beeindruckt, spendeten die Besucher lang anhaltenden Beifall und wurden mit einer Zugabe belohnt.

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