"Mal hü, mal hott – erschreckend"

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Bringt Kristina Hänel die Groko ins Wanken? Die Kampagne der Ärztin gegen das Verbot von Informationen über Abtreibung hat in den letzten Tagen besondere Brisanz bekommen. Warum sie darüber nicht ganz glücklich ist und dass sie sich als Lebensschützerin versteht, erklärt die Gießenerin im GAZ-Interview.

Die zurückhaltende 61-Jährige ist schockiert von der Aussicht, vor Gericht zu müssen. Der Weg in die Öffentlichkeit kostet die Ärztin Überwindung. So wirkte Kristina Hänel im Oktober. Weil auf der Internetseite ihrer Praxis das Wort "Schwangerschaftsabbruch" steht, war die fünffache Großmutter von einem radikalen "Abtreibungsgegner" angezeigt worden. Fünf Monate später erleben wir eine selbstbewusste und medienerfahrene Kämpferin gegen den Strafgesetzbuch-Paragrafen 219a. Gerade hat die Gießenerin im ZDF-"Morgenmagazin" der SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles den historischen Satz "Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten!" entgegengeschleudert.

Frau Hänel, am Dienstag hat die SPD im Bundestag ihren Antrag zur Streichung des Paragrafen 219a zurückgezogen. Die CDU hat nun doch Gesprächsbereitschaft signalisiert. Ihre Kampagne könnte die erste Zerreißprobe für die große Koalition werden. Freut Sie das?

Kristina Hänel: Dass das Thema gesellschaftlich so eine Bedeutung bekommt, begrüße ich. Erschreckend finde ich aber, wie es zum Spielball wird. Mir – ich bin eine von mehr als zehn Ärztinnen und Ärzten, die aktuell angezeigt wurden – geht es um die Sache: Um Information und die medizinische Versorgung von Frauen. Dass die SPD mal hü, mal hott sagt, wirkt unglaubwürdig. Das "Morgenmagazin" hat allerdings zugespitzt nur einen Satz gesendet. Gesagt habe ich außerdem: Natürlich habe ich in allen Parteien und besonders in der SPD ganz wichtige Mitstreiterinnen und Mitstreiter und bin mir ihrer Unterstützung sicher.

Im Gespräch ist eine Abschwächung des Paragrafen, wie sie auch die FDP befürwortet: "Werbung" für Schwangerschaftsabbrüche soll verboten bleiben, die sachliche Information erlaubt werden. Würde diese Änderung in Ihren Augen ausreichen?

Hänel: Ich setze mich ein für die komplette Streichung des Paragrafen 219a. Weil er keinen Sinn macht – und weil sogenannte Abtreibungsgegner nicht aufhören würden, Ärzte und andere Personen anzuzeigen. Vor Kurzem lief auf Arte der Film "Pro Life – Abtreibungsgegner auf dem Vormarsch". Ich empfehle jedem, ihn anzusehen. Man erfährt, welche Interessengruppen weltweit dahinterstehen. Da fließt viel Geld. Dass es die CDU nicht schafft, sich inhaltlich von diesen Menschen abzugrenzen, finde ich schon hart.

Mit Ihrer Online-Petition haben Sie begonnen, fünf Monate später sind Sie mit einem ganzen Bündnis vielfältig aktiv und präsent. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Hänel: Die Kampagne ist immer breiter geworden. Der größere Teil der Bevölkerung steht hinter mir und findet es absurd, dass Frauen sich nicht informieren können. Ich erfahre viel Zuspruch.

Sie bekommen aber auch andere Reaktionen.

Hänel: Ja. Ich bekomme auch Droh-Mails mit Todesdrohungen. Ich stehe voll im Visier der radikalen Abtreibungsgegner. Ich finde es entlarvend, wie unmenschlich und unchristlich sie vorgehen.

Wie gehen Sie mit Drohungen um?

Hänel: Ich versuche das zu ertragen.

Sie hatten nach dem Gerichtsurteil eigentlich angekündigt, dass Sie sich zunächst weitgehend ins Privatleben zurückziehen möchten. Nun treten Sie doch häufig in der Öffentlichkeit auf. Warum?

Hänel: Ich habe Ruhe gebraucht und war der Meinung, nun muss sich die Politik kümmern. Ich mache inzwischen vor allem inhaltliche Veranstaltungen. Dabei geht es zum Beispiel um Bemühungen, Adresslisten von Ärzten und Ärztinnen zu veröffentlichen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, etwa über die Gesundheitsämter. Viele Probleme waren mir vor einem halben Jahr gar nicht so klar: Wie groß die Versorgungsengpässe sind und wie drängend die Nachwuchsfrage. Im Medizinstudium wird der Abbruch, der häufigste gynäkologische Eingriff, nicht gelehrt. Am 11. Juni trete ich voraussichtlich erstmals auch in Gießen an der Uni auf.

Sie reklamieren in letzter Zeit das Wort "Lebensschutz" für sich – das hatten sich ja bisher vor allem christliche Gruppierungen auf die Fahnen geschrieben, die Abtreibungen am liebsten verbieten würden.

Hänel: Wir müssen uns Sprache und Bilder zurückholen. Dass Radikale diese Begriffe besetzt haben, hat sachliche Information verhindert. Ich bin für Lebensschutz. Ich bin für das Lebensrecht, für die Würde und Gesundheit von Frauen. Ich unterstütze jede Frau, die eine ungewollte Schwangerschaft austragen möchte – aber auch jede, die sich entschieden hat, sie zu beenden. Restriktive Gesetze verhindern keine Abtreibung.

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