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Seit 1975 ist Reimer Gronemeyer Professor an der Justus-Liebig-Universität. Heute, zu seinem 80. Geburtstag, sagt er: "Ich bin immer noch gerne hier, es macht mir Spaß. Ich sehe, wie die jungen Leute sich verändert haben und lerne viel von ihnen."

Der, der die Mäuse fragt

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Generationen von Studenten haben in seinen Seminaren gesessen. Damals, in den 70ern, mit der Zigarette, heute mit dem Handy in der Hand. Vor 44 Jahre ist Prof. Reimer Gronemeyer mehr oder weniger zufällig an die Justus-Liebig-Universität gekommen. Der Soziologe ist geblieben. Heute ist sein 80. Geburtstag. Und geht es nach ihm, bleibt er auch noch eine Weile an der Uni.

Das Lebensgefühl ist das eine. Das Geburtsdatum das andere. Reimer Gronemeyer überlegt einen Moment: Nein, sagt er dann, alt fühlt er sich nicht. Aber 80 zu werden - "spontan würde ich sagen, es fühlt sich blöd an". Weil es eine Schwelle ist. "Auch wenn der Geburtstag keine andere Bedeutung hat als jeder andere Tag." Älter wird man ohnehin immer. Aber die runden Geburtstage sind anders. "Ich erinnere meinen 40. Geburtstag schon als einen, der eine Verabschiedung vom Jungsein war." 1979 war das. Der junge Soziologieprofessor war noch nicht lange in Gießen. Die Stadt gefiel ihm, er ist geblieben - und heute, am 4. Juli 2019, seinem 80. Geburtstag, noch immer da.

Er schreibt Bücher. Hält Vorträge, nicht nur in Deutschland. Und vor allem betreibt er Forschung. Zwei seiner wichtigsten Themen in den vergangenen Jahren sind Hospizarbeit und Demenz, worüber er viel geschrieben hat (zum Beispiel "Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit" oder über Migration und Demenz). Er sagt: "An dem Umgang mit Menschen mit Demenz kann man viel über unsere Gesellschaft lernen. Es ist wie mit dem Sprichwort: Wenn Du etwas über die Katze wissen willst, musst Du die Mäuse fragen."

Er sitzt in seinem Büro, Philosophikum II, Haus H, erster Stock. Er ist gerne hier. "Die Universität ist ein wunderbarer Ort für Gespräche und Teamarbeit." Sein Team sitzt nebenan. Junge Soziologen, die gemeinsam mit ihm forschen, mit nach Afrika fahren. Und die morgen ein Symposium für ihn veranstalten.

Vielleicht will er deswegen nicht aufhören - wegen des Teams, des Austauschs. Nach wie vor fliegt Gronemeyer mit Studenten nach Afrika - im Mai erst war er wieder da, ein Projekt ist in Aussicht.

An der Uni gibt er Seminare (zurzeit zum Thema Afrika und Migration). "Egoistisch gesagt ist das für mich sehr wichtig, weil ich sehe, wie die jungen Leute sich verändert haben. Ich lerne viel von ihnen. Ich werde ja immer älter, aber die Studierenden bleiben immer gleich jung."

Es war eine andere Zeit, als er an die JLU berufen wurde. 1975 - er leitete ein Friedensforschungsprojekt in Bochum - kam der Anruf. Doch die Arbeit an der Uni reizte ihn. "Ich war voller Energie und Enthusiasmus." Er sagte zu.

"Was ich als erstes erinnere: Es wurde unglaublich viel geraucht. Alles war voller Schwaden. Und die Studenten haben sehr viel gelesen, Adorno, Horkheimer. Es wurde erbittert diskutiert. Die Leute waren da." Anwesenheitslisten - keiner wäre auf diese Idee gekommen.

Doch selbst wenn es viele Jahre sind, auf die er zurückblickt, ist Reimer Gronemeyer keiner, der die alten Zeiten idealisiert. "Es war anders", sagt er. "Aber nicht besser."

1939 ist er in Hamburg geboren. Der Zweite Weltkrieg hatte gerade begonnen. Die ersten Erinnerungen: Bomben; zu sechst in der kleinen Wohnung der Großmutter. Kaum etwas zu essen. "Aber es war auch eine Zeit, die mir als eine sehr familiäre Situation in Erinnerung geblieben ist."

Als junger Mann entscheidet er, Theologie zu studieren. "In Opposition zu meiner Familie." Der Vater hatte andere Vorstellungen für den Sohn, war ein kirchenfremder Mann. In der Schule, ein Gymnasium mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, betrachteten die anderen den Jungen mit seinen Plänen als "schrägen Vogel", als "karierten Hund". Er schmunzelt beim Erzählen. "Das hat mir irgendwie gefallen."

Die aufsässigen Predigten

Der theologische Abschnitt ist ein kurzer. Gronemeyer wird Vikar. Die 60er - "unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren". "Wir wollten alles ändern, haben an den alten Traditionen gerüttelt." Letztlich aber wurde er ordiniert, trat eine Pfarrstelle an. "Wenn ich gepredigt hatte, stand der Bischof in der Woche darauf auf der Kanzel und stellte meine aufsässige Predigt richtig."

Gronemeyers Weg führt danach an viele Stationen. Von der Theologie in die Soziologie, von Hamburg nach Mainz und Bochum, schließlich nach Gießen. Und dazwischen immer wieder nach Afrika.

Zum ersten Mal in den 80ern. Er arbeitete in einem Flüchtlingslager in der Wüste im Sudan. Wenn er heute von dieser Zeit erzählt, sagt er: "Die Griechen haben gesagt, jeder hat in seinem Leben die Möglichkeit, drei Mal das Schöne zu sehen. Bei einem Mal bin ich mir sicher." Er erzählt von der Wüste, davon, wie es plötzlich anfing zu regnen. "Innerhalb von Stunden war diese aufgerissene Wüstenerde ein blühendes Paradies geworden." Das war der Beginn seiner Liebe zu Afrika.

Von da an initiierte er Exkursionen. Zuerst nach Simbabwe, später nach Namibia. Dort haben er und sein Team nicht nur geforscht, sondern auch den Verein Pallium gegründet, ein Waisenhaus gebaut, einen Garten angelegt und eine Suppenküche errichtet.

Die Freundschaften, die er in Afrika geschlossen hat, pflegt er noch immer. "Meine Neugier auf die afrikanische Kultur ist überhaupt nie zu sättigen." Einmal, sagt er, würde er gerne noch auf den Brandberg in Namibia steigen. "Ich hoffe, im nächsten Jahr reichen die körperlichen Kräfte noch."

Und doch, mit dem 80. kommt die Einsicht "über die erwartbare Kürze des Lebens, darüber, dass bestimmte Dinge vorbei sind". Vor Jahren hat er mit Freunden die Alpen zu Fuß überquert. "Ich bilde mir ein, dass ich das immer noch könnte, aber es wird wohl nicht so sein."

Die Frage, wofür er noch Energie und Zuwendung aufbringen will, stelle er sich schärfer. "Gleichzeitig ist die Sensibilität größer. Wie ich zum Beispiel Freundschaften wahrnehme, ist mit einer wehmütigen Intensität verbunden." Daher liege der Fokus auf den Dingen, die ihm wertvoll sind: "Ich möchte eine Zeltreise mit meinem Sohn machen."

Wie lange er noch an der Uni bleiben will? "Darauf verweigere ich die Antwort", sagt er lachend. "Es macht mir Spaß, ich habe ein wunderbares Team." Und: "Ich habe das Gefühl, dass ich noch ein bisschen was zu sagen habe."

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