Märchenhaft und mörderisch

  • Karola Schepp
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Tanja Kinkel ist die ungekrönte Königin des historischen Romans. Die Brüder Grimm gelten als Säulenheilige der Germanistik. Was also liegt näher, als beide mit einem Buch zusammenzuführen. Kinkel hat dies mit ihrem Kriminalroman "Grimms Morde" getan, aus dem sie nun im Alten Schloss auf Einladung des Literarischen Zentrums und des Krimifestivals las.

Tanja Kinkel ist die ungekrönte Königin des historischen Romans. Die Brüder Grimm gelten als Säulenheilige der Germanistik. Was also liegt näher, als beide mit einem Buch zusammenzuführen. Kinkel hat dies mit ihrem Kriminalroman "Grimms Morde" getan, aus dem sie nun im Alten Schloss auf Einladung des Literarischen Zentrums und des Krimifestivals las.

LZG-Vorsitzender Sascha Feuchert, der den "mörderisch märchenhaften Abend" moderierte und mit Kinkel seit gemeinsamen PEN-Zeiten befreundet ist, hatte im Vorfeld nicht zu viel versprochen, als er ihr Buch in höchsten Tönen lobte: Es sei gewohnt penibel recherchiert, treffe das historische Setting "wahnsinnig gut" und zeige die Grimms von einer eher unbekannten, aber zutreffenden Seite. "Ich konstruiere mir immer gern den Alltag meiner Figuren", berichtete Kinkel dem Publikum. Vor-Ort-Recherche sei für sie selbstverständlich. Im Falle der Grimms sei dies allerdings komfortabler gewesen, als etwa bei ihrem letzten Roman "Manduchai – Die letzte Kriegerkönigin", für den sie extra in die Mongolei gereist sei, scherzte Kinkel. Doch auch so wurde klar, wie viel Sorgfalt die Autorin in die Recherche zu ihrem jüngsten Buch gesteckt hatte. "Es kam mir darauf an, die Grimms zu zeigen, wie sie in ihrer Zeit gesehen wurden", betonte sie und berichtete von Briefen, die sie gelesen hatte. Die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm, seien beispielsweise nicht nur als die berühmten Märchensammler-Gebrüder zu betrachten, sondern als Teil einer Familie mit fünf Söhnen und einer Tochter, in der Jacob nach dem Tod des Vaters schon in jungen Jahren nominell das Familienoberhaupt war. Außerdem seien Jacob und Wilhelm Grimm alles andere als "Märchenonkel" gewesen, sondern hätten sich auch politisch sehr mutig, etwa im Kreis der Göttinger Sieben, engagiert. Ihre Märchen hätten sie sich auch nicht auf Dauer von Bauersfrauen erzählen lassen ("da kam es schnell zum Kommunikationszusammenbruch"), sondern von jungen adeligen Damen aus ihrem Bekanntenkreis.

Solche Damen waren auch die berühmten Schwestern Jenny und Annette von Droste-Hülshoff, die Kinkel in "Grimms Morde" gemeinsam mit den Grimms in einer Mordserie ermitteln lässt, in der ein Zitat aus einem von den Schwestern erdachten Märchen eine Rolle spielt. Kinkel hat den realen Briefwechsel zwischen Jenny und Wilhelm, in den sie verliebt war, studiert und auch daraus ihre Romanfiguren entwickelt. Der scharfzüngige Jacob, der an Herzschwäche leidende Wilhelm, die sanfte Jenny und die ihrer Zeit in Frauenfragen weit voraus geeilte kluge Annette – sie alle werden in "Grimms Morde" zum Leben erweckt. Und auch die meisten Nebenfiguren im Buch, erläuterte die Autorin, hätten reale Vorbilder. Nur die Leichen habe sie mehr oder weniger erfunden.

Kassel im Jahr 1821

Kinkel las nicht nur zwei launige Märchengedichte, sondern auch das Eingangskapitel von "Grimms Morde", in dem die mit heißem Wachs übergossene Leiche einer Freifrau gefunden und Oberwachtmeister Blauberg als Romanfigur eingeführt wird. Und schon nach wenigen Sätzen hatten die Zuhörer einen fesselnden Eindruck von der Zeit um 1820 und den damaligen Verhältnissen in Kassel. Einen Einblick in die spannungsgeladene Konstellation der Geschwisterpaare zwischen Liebe, Stolz und Vorurteilen, aber auch die Bedingungen von Frauenleben zur damaligen Zeit, vermittelten weitere Leseauszüge. Wer wissen wollte, wer der Mörder war und welche "Jugendkatastrophe" Annette von Droste-Hülshoff erlebt hatte, dem legte die Autorin die weitere Lektüre nahe. Ein Angebot das, nach dem anschließenden Gedränge am Büchertisch zu beurteilen, liebend gern angenommen wurde.

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