Er hat das alles so nicht gewollt, sie schon: Macbeth (Grga Peroš) mit seiner Lady (Katrin Kapplusch). FOTO: ROLF K. WEGST
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Er hat das alles so nicht gewollt, sie schon: Macbeth (Grga Peroš) mit seiner Lady (Katrin Kapplusch). FOTO: ROLF K. WEGST

Wie aus Macht Wahnsinn wird

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Das Stadttheater eröffnet die Musiktheater-Spielzeit mit Verdis "Macbeth". Die Oper gehört zum guten Ton der Shakespeare- Tragödien und wird dankbar aufgenommen.

Wenn Macbeth "Corona" singt, hat das einen makabren Anstrich. Der Feldherr meint zwar seine Krone, dennoch gebührt dem Begriff in der aktuellen Pandemie eine andere Bedeutung. Drum sitzt das Publikum auch mit Maske im Großen Haus. Gerade mal 60 Personen sind im Parkett zu zählen, im ersten und zweiten Rang sollten es noch mal so viele sein - nur gut 100 Zuschauer (statt 550) durfte das Stadttheater zur Eröffnung der Musiktheater-Spielzeit mit Giuseppe Verdis Shakespeare-Oper "Macbeth" begrüßen.

Hygienegerecht bleibt viel Platz zwischen den Besuchern. Das schützt den Einzelnen allerdings nicht vor den potenziell ansteckenden Aerosol-Wellen, die von der knapp 30-köpfigen Sängerschar beim inbrünstigen Intonieren entsendet werden. Das Theater indes gibt Entwarnung: Alle Beteiligten sind auf das Virus getestet. Jeder nimmt zweimal in der Woche seinen Abstrich selbst vor - eine eigenwillige, aber pragmatische Idee. Für alle Fälle bleiben die Saaltüren während der Vorstellung offen, weshalb ein laues Lüftchen weht, das eine Besucherin nach der Pause dazu veranlasst, sich wegen klammer werdender Temperaturen in ihren Mantel zu kuscheln.

Für das Orchester gilt die Fußballfaustregel: Elf Freunde sollt ihr sein. Das ist die Zahl der Instrumentalisten, die Generalmusikdirektor Florian Ludwig im Zeichen von Covid-19 im Graben aufbieten darf. Das Miniaturensemble spielt unter seiner Leitung motiviert, stimmig und sicher, der transparente Sound nimmt einen beglückt gefangen, wenngleich im Forte, sobald der Chor und die Solisten lautstark vom Leder ziehen, der schmale Klang nicht mithalten kann. In der eigens erstellten Orchesterfassung von Arno Waschk kommt auch ein Verdi fremdes Akkordeon zum Einsatz, das anfangs eine eigenwillige Jahrmarktakustik bietet, sich danach aber wohlig ins Gesamtbild integriert.

Vorteil der solistischen Orchesterbesetzung: Es lässt sich gut den Sängerstimmen lauschen. Schnell ist klar, dass hier nur einem schottischen Feldherrn die Krone gebührt - dem jungen Bariton Grga Peroš. Er zeigt als Macbeth seine bislang eindringlichste Rolle, hat Kraft, Chuzpe und präsentiert den zum Bösen Verführten mit Aplomb. Dazu formuliert Peroš seine Partie prächtig aus. Katrin Kapplusch als Lady Macbeth glänzt mit ihrem ausgereiften Sopran bis in die Spitzen. Diese Dame ist ein abgründiges Raubtier.

Bass Matthew Anchel gibt in seinem Gießen-Debüt einen stolzen Banco mit tief dunkler Stimmfärbung, während der strahlkräftige Tenor Ewandro Stenzowski als Macduff im Stadttheater einen Einstand nach Maß feiert. Alle übrigen Solisten sind auf der Höhe der Zeit. Ein Star des Abends ist der Hauschor (Einstudierung: Jan Hoffmann). Er geht flamboyant ans Werk, singt nach der Pause auch mal von den Hörplätzen des zweiten Rangs aus und bildet den Fels in der düsteren Erzählbrandung.

Das, was die Italiener Amore nennen und bei Verdi-Opern eigentlich zum guten Ton gehört, geht "Macbeth" völlig ab. Es gibt nicht eine einzige Liebesszene. Das Psychogramm der Hinterlist lebt von den dunklen Momenten. Finster sieht es folglich auf der Bühne aus, beinahe wie bei der Harry-Kupfer-Inszenierung vor zwei Jahren in Berlin. Das bei Kupfer faschistisch wirkende Militär ist in Gießen weniger eindeutig zuzuordnen.

Regisseur Georg Rootering, bei der Personenführung auf Corona-Probleme bedacht, erzählt die Tragödie des schlechten Gewissens ohne Schnörkel, aber auch ohne letzte Finesse in schlichtem Schwarz-Weiß mit einer Portion Blutrot. So wird die Geschichte über die menschliche Gier vor dem Hintergrund einer Gesellschaft im Krieg zu einem zwar bedrückend wirkenden, aber auch eindimensionalen Gleichnis.

Die gewittrige Stimmung spiegelt sich im Bühnenbild von Lukas Noll. Eine sich schraubenartig nach oben windende Treppe benötigt einen großen Teil der sich häufig in Bewegung befindenden Drehbühne. Ein langer, mit weißen Laken bedeckter Seziertisch, der sich um die eigene Achse dreht und rauf- und runterfährt, prägt das übrige Geschehen.

Die Bäume sind sein Schicksal

Das Licht wirkt diffus, im Stück herrscht häufig Nacht. Superb gelingen so das "Trinklied" und die Schlafwandelszene. Die Kostüme hält Noll ebenfalls meist in Schwarz-Weiß. Dieser "Macbeth" als Stück über Macht und Wahnsinn, über die Beseitigung von Gegnern, über Prophezeiungen, über Intrigen und hexenartige Geister, die immer nur lügen und dabei doch die Wahrheit sagen, zieht nur allmählich in Bann.

Gleich zu Beginn lässt Rootering den Wald von Birnam per Video auf einem durchsichtigen Vorhang vorbeiflanieren. Bäume, die Macbeths Schicksal besiegeln, bleiben die ständigen Begleiter. Mit blitzlichtblinkenden Regenschirmen gelingt dem dritten Akt ein stürmischer Auftakt, ehe im Schlussbild Macbeth von Maschinengewehrsalven hingestreckt wird. Großer Applaus vom kleinen Publikum.

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