Ob aufgemalt, geklebt oder angenagelt: Die Suche nach dem nächsten Wegezeichen macht nicht nur kleinen Wanderern Spaß. Doch immer weniger Ehrenamtliche sind bereit, sie anzubringen. FOTO: SCHEPP
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Ob aufgemalt, geklebt oder angenagelt: Die Suche nach dem nächsten Wegezeichen macht nicht nur kleinen Wanderern Spaß. Doch immer weniger Ehrenamtliche sind bereit, sie anzubringen. FOTO: SCHEPP

Wer macht Gießen wanderbar?

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Man muss nicht ständig anhalten, um die Karte zu studieren. Stattdessen hält man Ausschau nach dem nächsten roten Punkt. Auf markierten Wegen kann man dem Wander-Trend bequem frönen. Doch wer bringt solche Zeichen an? Ehrenamtliche, die neue Mitstreiter suchen.

Ein roter Punkt, ein blauer Strich, darunter ein schwarzer. Die Zeichen auf dem Baumstamm am Lahnufer Richtung Badenburg sind ziemlich verblasst. Mancherorts werden sie nicht mehr aufgefrischt. In Gießen gibt es - wie überall - immer weniger markierte Wanderwege, weil Ehrenamtliche fehlen. "Wir sind beim Markieren nur noch zu dritt, der Jüngste ist 70", sagt Manfred Radomski (80), Wegewart beim Gießener Zweigverein des Vogelsberger Höhenclubs, im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Dringend werden Freiwillige gesucht, die diese bequeme Art des Wanderns weiterhin möglich machen.

Wer einfach nach Markierung wandert, spart sich das ständige Stehenbleiben für den Blick in die Wanderkarte oder aufs Handy. Nicht nur für Kinder ist es ein regelrechtes Vergnügen, Ausschau nach dem nächsten Zeichen zu halten. Doch die fallen nicht vom Himmel und sollten eigentlich mindestens einmal im Jahr kontrolliert und ausgebessert werden.

Einst betreute der VHC Gießen 16 Wanderwege mit insgesamt 263 Kilometern, erzählen Manfred und Helga Radomski beim GAZ-Interview. Inzwischen wurde ein Teil an andere Vereine abgegeben, manche Strecken verkürzt oder komplett aufgegeben. Die Markierungen der verbliebenen acht Wege mit 129 Kilometern instandzuhalten, sei für den alternden und schrumpfenden VHC kaum noch zu schaffen, so der 80-Jährige.

Einst glich der VHC dem Golfclub heute

Dabei blickt der 1881 gegründete VHC-Zweigverein auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurück. Bis in die 1970er-Jahre hinein war er eine Kontaktbörse für "bessergestellte" Herren, "wie heute der Golfclub", so Radomski. "Man brauchte Fürsprecher, um aufgenommen zu werden." Über 400 Mitglieder zählte der Verein in seiner Blütezeit. "Heute sind es vielleicht noch 80. Wir bekommen mit Mühe und Not einen Vorstand zusammen." Wehmütig erzählt das Ehepaar von Sonntagstouren mit reisebusgroßen Gruppen, Festen in der vereinseigenen Hütte am Fuß des Dünsberg oder "Ferienfahrten" nach ganz Europa vor Jahrzehnten.

Der aktuelle Wander-Boom nutze den traditionellen Vereinen wenig. Zwar hätten auch etliche Jüngere Freude am geführten gemeinsamen Gehen. "Aber sie wollen sich nicht binden und engagieren."

Das Markieren freilich ist ein überschaubares Ehrenamt, für das keine Vereinsmitgliedschaft erforderlich ist. Neulinge werden angelernt und können sich die Arbeit dann selbst einteilen.

Allerdings ist es nicht damit getan, beim Wandern nebenbei hin und wieder den Pinsel zu schwingen oder ein Schildchen aufzukleben, warnt Radomski. Für den sieben Kilometer kurzen "Theodorsruhweg" vom Bergwerkswald zum Schiffenberg könne man leicht einen ganzen Tag benötigen. Schließlich gelte es beispielsweise, Sträucher zu stutzen oder mit der Raspel den Untergrund vorzubereiten, auf den man dann Acrylfarbe malt. "Wir hatten eine Weile einen umgebauten Kinderwagen dabei für die Utensilien", berichtet Helga Radomski, die ebenso wie ihr Mann über 40 Jahre Erfahrung hat. Wer alle Zeichen mit Farben sorgfältig auffrischen will, muss mitunter zweimal gehen: An einem Tag wird der weiße Untergrund gepinselt, beim nächsten Mal das farbige Symbol.

Einfacher ist das Markieren mit Aufklebern, die freilich nicht für jede Stelle geeignet sind. Blechplaketten zum Annageln, die früher häufig verwendet wurden, hatten Nachteile. Manche Baumbesitzer störten sich an den Nägeln in der Rinde - und etliche Wegezeichen wurden geklaut. Nach einem solchen Frevel konnte die Suche nach dem nächsten Zeichen für alle Nachfolgenden zum Ärgernis werden.

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