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Ihr Fünf-Quadratmeter-"Büro" in der Betabox nutzen Thomas Weiland (hinten), Jennifer Heinz und Sebastian Heye eher selten.

Sie machen Zukunft

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Das Wort "Automatisierung" schürt in der Arbeitswelt nicht selten Widerstand. Ein Start-up aus Gießen automatisiert Prozesse in Firmen, damit diese effizienter, günstiger und vor allem ressourcensparender wirtschaften. Die Arbeit sei dadurch bisher in keinem Unternehmen weniger geworden, sagen die Gründer.

Nicht jeder Brief ist ein Geschenk. Manche kommen eher wie Rätsel daher. Vor Kurzem sei er per Post zu einem Digitalisierungsworkshop eingeladen worden, berichtet Sebastian Heye. Es klingt, als wisse der 27-Jährige nicht recht, ob er sich freuen oder ärgern soll: Eine Einladung zu einem Digitalisierungsseminar - verschickt auf Papier? Ausgerechnet an Heye, dem die digitale Zukunft besonders am Herzen liegt. Gemeinsam mit Jennifer Heinz und Thomas Weiland hat er in Gießen unlängst ein Start-up gegründet. Es arbeitet an der IT-basierten Automatisierung wirtschaftlicher Prozesse in Unternehmen. Mit seiner fortschrittlichen Idee verfolgt das Trio ein im besten Sinne konservatives Ziel: den Schutz natürlicher Ressourcen.

Alles begann mit "zwei Nerds und einer Frage", erzählt Weiland. "Wir wollten herausfinden, wo Unternehmen wie viele CO2-Emissionen verursachen." Sie grübelten, ließen die Gedanken schweifen - und plötzlich "hatte alles Sinn", erinnert sich Heye. Ebenso wie Heinz hatten die beiden Studenten damals schon einige Berufserfahrung gesammelt, digitale Technologie interessiert sie brennend, und die häufig beschworene Umstellung ökonomischer Abläufe auf eine "grüne" Basis ist ja ohnehin das Thema der Zeit. Warum die Zukunft also nicht gleich selber machen?

"Wemakefuture" heißt entsprechend das im April gegründete Start-up. Während Heye und Weiland umfassende IT-Kenntnisse mitgebracht hätten, komme sie "mehr aus der BWL- und Kommunikationsrichtung", sagt Heinz. Ohne zu erklären, lässt es sich eben schwer transformieren. Schließlich schürt das Schlagwort "Automatisierung" nicht selten Widerstand. Bei bisher sieben abgeschlossenen Projekten sei die Arbeit aber noch nie weniger geworden, sagen die Gründer. Meist verlagerten sich Tätigkeiten vielmehr - von Organisation und Verwaltung zu dem, "womit die Unternehmen ihr Geld verdienen". Generell hätten Firmen oft keine Vorstellung, was sich alles digital und automatisch, das heißt kostengünstiger, effizienter und energiesparender umsetzen lasse.

Beispiele gibt es zuhauf: die Kfz-Werkstatt, die Datenschutzerklärungen stets auf Papier eingeholt hat; die Tierarztpraxis, die Einwilligungen jetzt digital verwaltet; den Handwerker, bei dem Termine ab sofort online buchbar sind. Dass in dieser Aufzählung scheinbar kleinere Veränderungen dominieren, ist kein Zufall. Ein Unternehmen, dessen Prozesse sie in einer Art Pilotprojekt umfassend automatisieren und bei dem sie die CO2-Ersparnis genau berechnen können, suchen die Start-uper noch. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf mittelständischen Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor.

Durch die Automatisierung eines einzigen Schritts in einem 20-Mann-Betrieb rund 7500 Blatt Papier zu sparen, ist natürlich auch schon eine Ansage. Mit sechs Stunden Programmieren zwei Monate manuelle PC-Arbeit und jede Menge Energie zu ersetzen, klingt ebenfalls nicht schlecht. Zumal für ein so junges Projekt. "Man muss sich erst einen Namen machen", bringt es der 26-jährige Weiland auf den Punkt. Offensichtlich ist "Wemakefuture" da auf dem besten Weg. Ein großes, international tätiges Unternehmen gehört inzwischen jedenfalls zu den Kunden. Und weil die CO2-Steuer langsam, aber sicher am Horizont aufzieht und eine junge Generation vehementer denn je für ihre Zukunft kämpft, gibt es wohl kaum bessere Perspektiven.

Die drei Gründer, die sich aus der Uni kennen, bauen parallel zum Business gerade ihre Hochschulabschlüsse. Einstweilen wollen sie wachsen, neue Kunden gewinnen und weiteres Wissen rund um wirtschaftliche Prozesse sammeln. Beheimatet ist "Wemakefuture" in der "Betabox" im Alten Schlachthof. Den Platz im Coworking-Space nutzen Heinz, Heye und Weiland eher selten. Zwischen den Wohnorten Frankfurt, Montabaur und Gießen dominieren Telefonkonferenzen. Die sparen Zeit, machen Kilometer im Auto überflüssig - und vermeiden CO2-Emissionen. Nur der Blick in den Briefkasten sorgt ab und zu noch für gemischte Gefühle.

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