Fähige Musiker mit dem Hang zum Dialekt: Tilman Birr (l.) und Elis C. Bihn. FOTO: AXC
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Fähige Musiker mit dem Hang zum Dialekt: Tilman Birr (l.) und Elis C. Bihn. FOTO: AXC

"Mach disch loggä, mach disch frei"

  • vonAxel Cordes
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Gießen(axc). Ob’s Absicht war, ausgerechnet den letzten Auftritt vor der anstehenden Sedierung des Kulturbetriebs mit der Aufforderung "Mach disch loggä, mach disch frei" zu beginnen? Tilman Birr und Elis C. Bihn, besser bekannt als "Welthits auf Hessisch", ließen sich jedenfalls ihre Spiellaune nicht von der allgegenwärtigen Seuchensorge verderben - auch nicht davon, dass sich von gut 200 Ticketkäufern nur die Hälfte im Wiesecker Bürgerhaus eingefunden hatte. Die Unerschrockenen achteten ein bisschen mehr auf Abstand, zeigten aber viel Freude am Mitklatschen, Mitsingen und stehendem Applaus.

Tilman Birr, Frankfurter, Sänger und Gitarrist, sowie Elis C. Bihn, Oppenheimer, Sänger und Bassist, haben sich in Mainhattan als Kabarettisten und Songwriter etabliert, z.B. mit regelmäßigen Auftritten auf der "Lesebühne Ihres Vertrauens". Seit ein paar Jahren gehen sie mit ihrem "Welthits auf Hessisch"-Projekt vor allem auf Youtube viral (!). Da singen sie dann vor Frankfurter Kulissen ihre hessifizierten Versionen englischsprachiger Hits der letzten 70 Jahre im Semi-Unplugged-Format.

Offiziell spielen sie natürlich die Originale, denn all diese Hits - von "Summertime" über "Highway to Hell" bis "Wrecking Ball" - wurden ja in Wahrheit von Birr und Bihn komponiert und ihnen dann in der Regel geklaut oder von Firmen abgekauft. Und so genossen die Gießener Fans nun die Chance, all diese Liedperlen im hessischen Original zu hören: "Sommerzeit" mit der herrlichen Zeile "Die Fische hüppe und die Baumwoll steht hoch", "A3 die Höll" und "Abrissbern". Und der nackige Ritt auf der Birne sei natürlich auch ihre Idee gewesen.

Birr und Bihn sind fähige Musiker und Sänger, keine Frage. In "Herzbrech Hotel" macht Birr sogar genüsslich auf Elvis - der habe damals in Bad Nauheim neben ihrem Freund Horst Kaiser gewohnt - und jagt seine Akustikgitarre auch noch durch das Verzerrerpedal; Bihn spielt seinen Retro-Höfner-Bass wunderbar melodisch. Und dennoch würde das Ganze wohl nicht funktionieren, wenn die Texte ins Hochdeutsche übersetzt worden wären. Dialekt - vor allem der leicht nasale Frankfurter und südhessische Zungenschlag - hat einfach Charme und wirkt durch den Gegensatz von regionaler Bodenständigkeit und globaler Popularität an sich schon komisch.

Rihanna alias Hanna Richter

Folgerichtig geben Birr und Bihn auch einen vor Selbstironie triefenden Crashkurs, in dem auch dem Letzten klar wird, dass Hessisch "die erroutischste Sprache der Welt" ist. Es folgt "Kuss" mit knisternd-amourösen Zeilen wie "Dei Liebe ist mei grie Soß" - damit kam Princes englische Version natürlich nicht mit.

Auch wer sich durch sämtliche YouTube-Videos geklickt hat, konnte den zweistündigen Auftritt genießen. Denn die hanebüchenen Geschichten hinter den Songs sind das Salz in der Suppe - und das Kabarettistische scheint immer wieder durch, wenn die Künstler etwa von gewaltigem Medienecho in Zeitungen wie dem Main-Echo, der Offenbach-Post, der Emser Depesche und dem Hessischen Landboten erzählen oder behaupten, Beyoncé hätte das Lied "Heiligenschein" ("Halo") vom Bistum Limburg gekauft. Und Rihanna heißt natürlich eigentlich Hanna Richter und kam aus Butzbach.

Lediglich dafür, dass sie für die behauptete lange Songschreiberkarriere einfach zu jung sind, haben sie keine wirkliche Erklärung - das sei "der einzige schwache Punkt" in ihrer Theorie. Aber in der jetzt anstehenden Zwangspause wird ihnen sicher noch eine weitere absurde Geschichte einfallen. Das C-Wort übrigens fiel an diesem Abend kein einziges Mal.

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