Lutz Perkitny auf dem Dach des Nordstadtzentrums. Er blickt aber nicht auf die Menschen herab, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe.
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Lutz Perkitny auf dem Dach des Nordstadtzentrums. Er blickt aber nicht auf die Menschen herab, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe.

Mensch, Gießen

Lutz Perkitny: Die Gießener Nordstadt im Herzen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Lutz Perkitny ist eines der prägenden Gesichter der Nordstadt. Als Stadtteilmanager setzt er sich besonders für jene Bürger ein, die es nicht so gut getroffen haben.

Manche Schreibtische sind Statements. Die imposante Holztafel des Bankdirektors etwa, bei der nicht der Zweck, sondern die Wirkung im Vordergrund steht. Oder das stylische Metallgestell des Designers, das in erster Linie dazu dient, eine größtmögliche Zahl an Apple-Produkten zu tragen. Der Schreibtisch von Lutz Perkitny ist kein Statement. Das Möbelstück sagt aber trotzdem viel über seinen Besitzer aus. Das 0815-Modell ist übersät mit Dokumenten und Post-it-Zetteln. Dazwischen steht ein Teller mit einem angebissenen Leberkäsbrötchen. "Das liegt schon seit heute morgen hier", sagt der 45-Jährige. Ein Arbeitsplatz im wahrsten Sinne des Wortes. Und einer mit Aussicht. Wenn Perkitny hier sitzt, kann er durch das Fenster die vorbeilaufenden Nordstadtbewohner sehen - und sie ihn. Er hätte sein Büro auch im ersten Stock beziehen können. Aber das kam für ihn nicht in Frage. Der Stadtteilmanager wollte für die Menschen des Viertels erreichbar sein, ihnen auf Augenhöhe begegnen. Und das ist sehr wohl als Statement zu verstehen.

Perkitnys Eltern stammen aus bescheidenen Verhältnissen. Aber sie haben sich hochgearbeitet. Nach der Schlosserlehre holte der Vater auf dem zweiten Bildungsweg das Abi nach und ging an die Universität. Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er an der Ricarda-Huch-Schule Mathe, Physik und Informatik. Dank der guten Stelle konnte die Familie in Atzbach ein Haus bauen. "Direkt am Feldrand. Das war sehr schön und behütet", sagt Perkitny. Der Vater wollte seinen drei Söhnen aber zeigen, dass es auch ein weniger idyllisches Leben gibt. Und so schickte er die Jungs nach der Grundschule nach Gießen auf die Schule. Die Entscheidung fiel auf wenig Gegenliebe. "Ich fand das grausam und ungerecht, weil fast alle meine Freunde in Lahnau auf die Schule gingen", erinnert sich Perkitny. Doch der Ärger sollte schnell verfliegen. Heute sagt der 45-Jährige: "In Gießen auf die Schule zu gehen, war das Beste, das mir passiert ist."

Auch raue Seite kennengelernt

Der Blick des Stadtteilmanagers wandert aus dem Fenster. Wäre da nicht das Jugendzentrum Holzwurm, Perkitny könnte direkt in seine alten Klassenräume schauen. Am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium hat er nicht nur sein Abitur gemacht, sondern auch fürs Leben gelernt. Zum Beispiel, wie gastfreundlich die Familien seiner türkischen und griechischen Mitschüler waren. Er lernte aber auch die raue Seite der Nordstadt kennen. Auf dem Bolzplatz in der Ederstraße etwa, auf dem Perkitny und seine Freunde in den Freistunden oft gekickt haben. "Als Neuer musstest du ins Tor. Und wenn du eins kassiert hast, gab es erstmal eine Ohrfeige. Aber das war okay." Religion und Hautfarbe waren auf dem Spielfeld egal, die Asche färbte alle gleich. Ältere respektieren, Schwächeren helfen: Alles Grundsätze vom Bolzplatz, die noch heute Perkitnys Denken prägen. Allerdings konnte er damals noch nicht wissen, dass der Platz auch seinen beruflichen Weg beeinflussen sollte.

Nach dem Abitur wusste Perkity nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Also schleppte ihn sein Vater zur Berufsberatung. Irgendetwas Praktisches sollte es sein. Und so wurde Perkitny Landschaftsgärtner. "Mir ging es damals eher darum, gut über die Runden zu kommen, ohne mich dabei kaputt zu machen. Ich wollte vor allem genügend Zeit haben, um mit meinen Kumpels abzuhängen." Doch mit den Jahren änderte sich die Einstellung. Perkitny wurde zielstrebiger, irgendwann muss man ja an die Zukunft denken. Und so schrieb er sich an der Uni ein und studierte Geografie. Mit Erfolg: Bereits am Tag der Diplomübergabe begann er seinen neuen Job. Sein einstiger Chef hatte in der Zwischenzeit ein Landschaftsarchitekturbüro eröffnet. Viele Aufträge beschäftigten sich mit dem Förderprogramm Soziale Stadt. "Dafür brauchte er jemanden, der kommunikativ ist und mit Leuten umgehen kann. Er meinte, ich wäre dafür geeignet", sagt Perkitny. Mit einem Lächeln fügt er an: "Ich habe zwar nicht viele Fähigkeiten, aber mit Menschen reden kann ich gut." Und so machte er sich an die Arbeit. Zusammen mit Bewohnern von sozialen Brennpunkten plante und gestaltete er Spielplätze und Parkanlagen. "Ein guter Job, der Spaß gemacht hat." Trotzdem wagte Perkitny nach einigen Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit. Und das, obwohl er sich selbst risikoscheu, als "kleinen Schisser" bezeichnet. Aber dann erinnerte er sich an die Worte seines Vaters.

Dem väterlichen Rat gefolgt

Gerd Perkitny ist 2010 verstorben. Zuvor hatte er seinem Sohn aber noch etwas mit auf den Weg gegeben: "Er hat mir gesagt: Wenn du etwas willst, dann mach’ es doch einfach." Und so schob der Sohn die Bedenken zur Seite und folgte dem väterlichen Rat. Eine gute Entscheidung: Die selbstständige Arbeit als Marketingfachmann für soziale Projekte lief erfolgreich, noch heute übernimmt Perkitny ab und an Aufträge. Seine Hauptaufgabe liegt aber seit knapp sieben Jahren im Nordstadtzentrum.

"Ich dachte, ich hätte keine Chance", sagt der Gießener, wenn er an das Auswahlverfahren im Jahr 2013 denkt. Schließlich hätten sich fast 50 Menschen um die Stelle beworben. Rückblickend macht er seine gute Vernetzung im Viertel für den Erfolg verantwortlich. Aber auch das integrative Fußballprojekt, das er mit Freunden vor über 20 Jahren auf dem "Eder" ins Leben gerufen hat, sei ein wichtiger Grund gewesen. "Ich glaube, das war den Verantwortlichen wichtig. Sie wollten jemanden mit Stallgeruch, der zwischen der Kommune, Wohnungsbaugesellschaften und den Bewohnern vermitteln kann." Seither setzt er sich nicht nur für die Jugend auf dem Bolzplatz ein. Zusammen mit seinem Team greift der Stadtteilmanager auch vielen anderen Bewohnern unter die Arme. Zum Beispiel, wenn das Geld vom Amt auf sich warten lässt. Oder aber bei Sorgen, nach der Haussanierung die Miete nicht mehr stemmen zu können. "Viele Menschen hier sind abgehängt. Die eigenen vier Wände sind oft das einzige, was sie noch haben." Perkitny weiß, dass seine Hilfe Grenzen hat. Trotzdem seien die Stadtteilbewohner dem Team aus dem Nordstadtzentrum stets dankbar. Es vergehe kaum ein Tag, an dem mal kein Essen vorbeigebracht werde. "Daran sieht man auch, was in der Gesellschaft schiefläuft. Die Leute sind ja schon froh, wenn man ihnen zuhört, ihnen fünf Minuten seiner Zeit schenkt. Es sind wunderbare Menschen, von denen ich viel lernen kann."

Perkitny macht seine Arbeit aus Überzeugung. Auch, weil er es besser hatte als viele andere. "Ich bin glücklich aufgewachsen. Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Viele haben dieses Glück nicht." Neben Mutter und Vater, aber auch den Brüdern, der Patentante und engen Freunden gab es noch weitere Menschen, die seinen Lebensweg beeinflusst haben. Weil sie ihm im richtigen Moment einen Schubser gegeben haben. Oder eine Chance. Zum Beispiel der ehemalige Vorgesetzte, der ihn mit auf eine Afrikareise nahm und so seinen Horizont erweiterte. Noch heute ist das Reisen in ferne Länder eine Leidenschaft des Gießeners. Oder Jochen Romisch, der bis vor kurzem das Jokus geleitet hat. Perkitny hat sich dort früher als Filmvorführer etwas dazuverdient. "Er hat mich immer gefördert", betont er. Auch seinem alten Uni-Professor Ulrich Scholz hat Perkitny viel zu verdanken. "Sie alle waren wie Leitplanken, die mich in die richtige Richtung geführt haben."

Wie die Reise weitergeht, wird die Zukunft zeigen. Aber man merkt Perkitny an, dass er mit dem bisherigen Weg zufrieden ist. Nicht nur beruflich, sondern auch privat. Er kümmert sich um sein altes Elternhaus in Atzbach und genießt das Dorfleben. "Aber das Leben fürs Herz", sagt Perkitny und blickt noch einmal aus dem Fenster in die Nordstadt. "Das findet hier statt." (Foto: Schepp)

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