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Luftabwehr über Gießen: Rückblick auf das Raketenschild »Patriot«

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Von: Burkhard Möller

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Das Ende der 1990er Jahre entstandene Luftbild zeigt die geräumte Patriot-Stellung mit den offenen Erdbunkern, in denen die Raketenwerfer standen. © Red

Nach Putins Angriff auf die Ukraine mit den Zerstörungen der Städte durch Raketenbeschuss und angesichts der realen Gefahr eines Atomkriegs will Deutschland einen Schutzschirm aufbauen. Die Gießener lebten schon einmal unter einem Raketenschild.

Gießen - Der Blick geht nach Westen hinüber zu Gleiberg und Dünsberg, im Norden grüßt (noch) der weiße Brauhausturm, die Wipfel des Stadtwalds im Tal werden überragt von den Kränen der Großbaustellen am Alten Flughafen. Die tiefstehende Sonne lässt die Landschaft strahlen. Im nahen Annerod läutet die Abendglocke. Was für eine Stimmung - und was für ein Platz.

Das dachten sich auch die US-Militärs, als sie vor 40 Jahren entschieden, auf der Hohen Warte am Südostrand der Stadt Gießen das modernste Luftabwehrsystem seiner Zeit zu stationieren. Auf der Anhöhe ließen die Amerikaner ab 1982 eine Stellung für eine Batterie Luftabwehrraketen des Typs »Patriot« aus dem Boden stampfen, die ersten in ganz Europa. Sie sollten die US-Einrichtungen im Tal und vor allem das US-Depot, das die größte Nachschubbasis für Zivilgüter der US-Armee in Europa beherbergte, gegen Luftangriffe schützen.

Gießen war erste Stadt in Europa mit Raketenabwehrschild »Patriot«

Die Stadt Gießen war für kurze Zeit die einzige Stadt in Europa, die von diesem neuartigen Raketenabwehrschild geschützt wurde. Wenige Kilometer entfernt hatte in Albach bis 1987 zudem die Bundeswehr eine Batterie des Vorgänger-Systems »Nike Hercules« stationiert. Die Radaranlagen standen auf dem Lutherberg bei Steinbach, direkt neben der B 457.

Fast 40 Jahre später sind solche Systeme nicht nur in Deutschland wieder gefragt. Unter dem Eindruck der verheerenden Zerstörungen, die die Russen mit ihren Raketenangriffen auf ukrainische Städte anrichten, und angesichts der Gefahr eines atomaren Schlagabtauschs mit ballistischen Raketen, prüft die Bundesregierung die Anschaffung eines Schutzschilds, das in der Lage wäre, auch nuklear bestückte Mittel- und Langstreckenraketen abzufangen. Die »Patriots«, die bis heute auch bei der Bundeswehr im Einsatz sind, können das nicht, da sie nur bis auf eine Höhe von 30 Kilometer reichen.

1985 Einweihung der »Patriot«-Stellung in Gießen

Die US-Einheit auf der Hohen Warte bestand aus neun offenen Erdbunkern, in denen die Raketenwerfer standen, einer Radaranlage, Mannschaftsunterkünften und Trafoanlagen. In dem unterhalb gelegenen Bereich befanden sich die Gebäude zur Überwachung des Luftraums und der Zielsicherung. Die Gesamtkosten für den Bau unter Federführung des Staatsbauamtes Gießen betrugen über acht Millionen Mark.

Zur Einweihung kamen im Februar 1985 US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger und sein deutscher Amtskollege Manfred Wörner, wenig später war US-Senator Edward Kennedy auf der Hohen Warte zu Gast. »Hier beginnt eine neue Ära der NATO-Luftverteidigung«, sagte der CDU-Minister.

Der langjährige Gießener Stadtrat Johannes Zippel, der Berufssoldat war, hatte einmal die Gelegenheit, die »Patriot«-Stellung zu besichtigen. In Erinnerung sind ihm die Warnungen der Amerikaner geblieben, Abstand zu den Radaranlagen zu halten. »Wegen der Strahlung«, erzählt Zippel. Und natürlich ist ihm noch die Gänseschar haftengeblieben, die die Besatzung der Stellung vor terroristischen Angriffen warnen sollten.

1991 griff die zuvor in Gießen stationierte Raketeneinheit in den zweiten Golfkrieg ein, wo sie die israelischen Städte Haifa und Tel Aviv vor den irakischen Scud-Raketen schützte. Das Ende des Kalten Kriegs führte danach zur Räumung des Areals, das Mitte der 90er Jahre an die Bundesrepublik zurückgegeben wurde. Die Raketenstellung verfiel und zog Vandalen und die Sprayer-Szene an.

Anfang 2000er Renaturierung des Geländes der Raketenabwehr »Patriot« in Gießen

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben entschloss sich dann, das Gelände durch den Bundesforst renaturieren zu lassen. Am Rückbau war in den Jahren 2000 und 2001 zu Beginn eine Bundeswehr-Einheit der Pionierschule aus Ingolstadt beteiligt, die Gebäude und Bunker zu Übungszwecken in die Luft sprengte.

Heute ist von der Raketenstellung bis auf die unnatürliche Bunkermodellierung der Landschaft und die entsiegelten früheren Straßen nichts mehr zu sehen. Nur die aus Betonplatten bestehende »Panzerstraße«, die hinter dem Gewerbegebiet Europaviertel steil hinauf auf die Hohe Warte führt, ist von der einstigen intensiven militärischen Nutzung des Hochplateaus übriggeblieben.

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1985 weihten Verteidigungsminister Manfred Wörner (r.) und sein US-Kollege Caspar Weinberger die Anlage ein. © Red

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