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Besser als Luca-App? Start-Up aus Gießen bietet Lösung für künftiges Öffnungskonzept

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Von: Kays Al-Khanak

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Mit der Libertas-App soll das Nebeneinander von Zettelwirtschaft und Downloadlinks nach einem Coronatest oder einer Impfung ein Ende haben. © Oliver Schepp

Das Start-Up MyEPA aus Gießen entwickelt eine App, die eine regionale Lösung für ein künftiges Öffnungskonzept in der Corona-Pandemie sein könnte. Der Name: Libertas.

Gießen – Man stelle sich vor, es gäbe da ein System, das dem Gesundheitsamt ein Lagebild der Pandemie in Echtzeit zeichnet. Mit dem Kontakte nachverfolgt werden können. Mit dem morgens negativ Getestete aus dem Vogelsbergkreis mittags in Gießen einkaufen und abends ein Handballspiel des TV Hüttenberg besuchen können. Das datenschutzrechtlich unbedenklich ist. Das wäre dann wohl die berühmte eierlegende Wollmilchsau, sagt Thomas Friedl. Der Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) ist Gesellschafter des Gießener Start-Ups MyEPA, das aus Studierenden, Mitarbeitenden und Hochschullehrerinnen und -lehrern besteht. Das Team hat eine solche App entwickelt: Libertas.

Start-Up aus Gießen: Hoffnung auf Öffnungen trotz Corona-Krise durch neue App

Vor fast zwei Monaten, erzählt Friedl, sei die Idee für die App entstanden. Schnell habe er bei der Hessischen Landesregierung vorgefühlt, ob Interesse an einer solchen digitalen Lösung für ein drängendes Problem bestehe. Aber das zuständige Ministerium sei ihm eine Antwort schuldig geblieben. Dabei sieht der Professor aus dem Fachbereich Gesundheit die Uneinheitlichkeit bei Test- und Impfzentren mit Zettelwirtschaft und Downloadlinks als unnötig kompliziert an.

Das in etwa drei Wochen kostenlos im App-Store erhältliche Programm fürs Smartphone könne eine »ganzheitliche Lösung vom Testgeschehen bis zum digitalen Impfzertifikat« sein, sagt Friedl. Der Umgang mit der App soll intuitiv und leicht verständlich sein. Bevor sich ein Nutzer testen lässt, trägt er in der App seinen Namen, sein Geburtsdatum, die Postleitzahl und seine Handynummer ein. Dann macht er ein Foto von sich selbst. Im Test- oder Impfzentrum erfasst das Personal diese Daten und erstellt eine Schnelltest-Nummer. So wird der Test mit der Person zusammengeführt, bevor der Abstrich erfolgt. Nach 15 Minuten wird das Ergebnis dann im Libertas-System gespeichert - und der Getestete darüber anonymisiert informiert. Der negative Test ist mit einem Zeitstempel versehen, der nach einiger Zeit abläuft.

Gleichzeitig findet immer eine Meldung an das Gesundheitsamt statt; die Ergebnisse aller Schnelltests befinden sich auf dem Server des Landkreises. »So kann die Lage der Pandemie in Echtzeit für den Landkreis dargestellt werden«, sagt Friedl. Es entstehe eine Datengrundlage, mit der eine schnelle regionale Eindämmung des Infektionsgeschehen möglich sei. Gleichzeitig können negativ Getestete Zugang zu Restaurants, zum Sport oder zu Kulturveranstaltungen erhalten, indem Betreiber das digitale Testzertifikat einscannen. Libertas, sagt Friedl, biete somit die Grundlage, Öffnungsperspektiven zu schaffen und Sicherheit zu erhöhen. So könnten Freiräume für Bürger entstehen, Gewerbetreibende unterstützt und präventiven Erfordernissen Rechnung getragen werden. Die digital gespeicherten Zertifikate seien fälschungssicher.

Start-Up aus Gießen: Besser als Luca-App in der Corona-Krise?

Außerdem trage die App dem Datenschutz Rechnung, indem lediglich Alter, Postleitzahl und Geschlecht, aber ansonsten keine personenbezogenen Daten auf dem Libertas-Server gespeichert werden. Im Gegensatz zur Luca-App, die eine ähnliche Zielrichtung wie Libertas hat, aber vom deutschen Rapper Smudo beworben wird und in die bereits mehrere Landesregierungen 20 Millionen Euro gesteckt haben. Der Luca-App haben kürzlich 70 nationale IT-Expertinnen und -experten gerade mit Blick auf Datenschutz und Sicherheit ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.

Für die App Libertas können weitere Funktionen freigeschaltet werden, sagt Friedl: Integriert werden könne eine Kontaktverfolgung. Die Landkreise hätten die Möglichkeit, das Tagesgeschehen nach Alter, Postleitzahl, Geschlecht oder Beruf auswerten. Eingebunden werden könnten auch Arbeitgeber und Bildungsstätten, aber auch die Kassenärztliche Vereinigung, um Abrechnungen zu vereinfachen. Gerade bei dieser Frage hatte es in der Vergangenheit große Probleme gegeben. Logisch wäre auch eine Beteiligung von niedergelassene Ärztinnen und Ärzten; der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Dr. Edgar Pinkowski, hat seine grundsätzliche Unterstützung zugesagt. Und nicht nur Tests könnten auf diese Weise digital gespeichert werden, sondern auch Impfzertifikate oder andere Dokumente.

»Mehr Einsatz mit geringen Mitteln«, sagt Friedl, der die Kosten für die App im »unteren fünfstelligen Bereich« ansiedelt. Das Start-Up hat mehreren mittelhessischen Landkreisen Libertas vorgestellt, einer ist bereits mit im Boot.

Das sagt der Landkreis Gießen zur Libertas-App

Nach Einschätzung des Landkreises Gießen ist die Libertas-App »bisher in dieser Form einmalig«. Sie könnte »eine gute regionale Lösung für künftige Öffnungskonzepte darstellen«. Mit Blick auf eine Einführung der App sei aus Sicht des Landkreises allerdings ein einheitliches Vorgehen für Mittelhessen erforderlich. »Wegen der räumlichen Nähe und Verzahnung der Wirtschafts- und Bildungsstandorte Marburg, Gießen und Wetzlar halten wir dies für wünschenswert, um einen echten regionalen Vorteil zu erzielen«, heißt es vonseiten der Pressestelle Da dieses einheitliche Vorgehen noch nicht geklärt sei und es noch datenschutzrechtliche Fragen gebe, gebe es aktuell noch keine Entscheidung für oder gegen den Einsatz der App. Eine Vorlage für den Kreisausschuss werde jedoch vorbereitet.

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